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Automobile Wer stoppt Jürgen Schrempp?

22.05.2005 ·  Die Stimmung in der Konzernzentrale ist gereizt: Sein Ruf ist ramponiert, seine Zahlen sind schlecht. Unternehmer lästern, Aktionäre wenden sich ab. Doch niemand kann den Daimler-Chef bremsen.

Von Georg Meck
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Nur mal angenommen, als Gedankenspiel, ein angestellter Manager sei aus Sicht des Aktionärs nichts anderes als der Stallknecht aus der Perspektive eines Gutsherrn. Dessen Aufgabe besteht darin, die Pferde zu striegeln und zu päppeln, damit sie munter galoppieren und Preisgelder einheimsen. Ist der Gutsherr großzügig, beteiligt er den Knecht mit einem Sack Geld am Profit. Rennen die Gäule ständig hinterher, ärgert ihn das. Der Knecht verliert seinen Job. Oder der ganze Hof bekommt irgendwann einen neuen Herrn.

Anders liegt der Fall bei Daimler-Chef Jürgen Schrempp: In seinem Stall lahmt immer mindestens ein Gaul. Die Eigner, also die Aktionäre, haben Milliarden verloren, Fonds-Manager schelten den Konzernchef als „underperformer“, sein Gehalt ist trotzdem saftig gestiegen. Und der sonst so auf die Rendite achtende Deutsche Bank-Chef und Daimler-Großaktionär Josef Ackermann schaut geduldig zu. Diese Woche hat er angekündigt, das Daimler-Paket zu verkaufen, aber auch davor ist Schrempp nicht bange. Er baut darauf, daß die Wahl eines neuen Eigentümers „im Einvernehmen mit uns“ geschieht. Der Knecht sucht sich den Herrn selbst aus, um den Reiterhof ein letztes Mal zu strapazieren.

Ungewöhnlich ist es schon

Ungewöhnlich ist es schon, daß ein angestellter Vorstand Mitsprache bei der Suche nach einem neuen Großaktionär beansprucht. Bei Daimler wird dies mit der „jahrzehntelangen Partnerschaft“ mit dem Frankfurter Bankhaus begründet. Tatsächlich beruht darauf die Position des Vorstandsvorsitzenden Schrempp, auf dem Bündnis mit Aufsichtsratschef Hilmar Kopper, weswegen an der Börse das böse Wort vom „Schrempp-Kopper-Abschlag“ kursiert, weswegen Aktienhändler fragen: „Wer stoppt Jürgen Schrempp?“

Die Antwort ist einfach: Niemand, zumindest solange die Deutsche Bank ihre 10 Prozent hält, sie mit Kuweit und Dubai 20 Prozent erreicht - dagegen ist keine Mehrheit bei einer Hauptversammlung zu organisieren. Dennoch sei die Stimmung in der Konzernzentrale gereizt, berichten Daimler-Manager. „Hoch nervös, hoch empfindlich.“ Zu unerfreulich waren die Nachrichten der letzten Monate: Pannenserie, Rückrufaktion, wegen Korruption ermittelnde Staatsanwälte.

Der Fisch stinkt vom Kopf

Für alles muß Schrempp den Kopf hinhalten. „Hallöle, ich raffe beim Daimler“, überschrieb die „Bild“-Zeitung „Schrempps Flop-Bilanz“. Was in besseren Zeiten als sympathisch-hemdsärmelig und zupackend galt, wird Schrempp nun als arrogant, großkotzig oder gar peinlich ausgelegt - selbst von Managerkollegen. „Der Fisch stinkt vom Kopf her. So einer würde bei mir nicht Abteilungsleiter“, schimpft ein Unternehmer.

Offen meutert niemand gegen den vermeintlich mächtigsten Manager der Republik, gelästert wird herzhaft über die Vermischung von Geschäftlichem und Privatem. Die Uralt-Anekdote von der Spanischen Treppe wird aufgewärmt, die Liaison mit der Büroleiterin, die im Konzern Karriere macht, der Tratsch über Kinderspielzeug auf dem Büroflur, den Bruder als Italien-Statthalter des Konzerns. Gerade Mittelständler machen den angestellten Manager Schrempp verantwortlich für das schlechte Image von Unternehmern. „Wir werden für Leute wie Schrempp in der Kapitalismus-Debatte mitgeprügelt“, empört sich ein Familienunternehmer.

Die oberste Reizfigur

In der Hitliste der Reizfiguren erreicht der Daimler-Chef in diesem Kreisen momentan Werte wie sonst nur IG-Metall-Chef Jürgen Peters. Daß die Gewerkschaft den Daimler-Boss ebenfalls als Raffke attackiert, ist ein Fall von perfider Scheinheiligkeit. Ohne Stimmen der Metaller im Aufsichtsrat wäre der Daimler-Chef nicht vorzeitig verlängert worden. Im Gegenzug verteidigt Schrempp die deutsche Mitbestimmung, gab der Konzern den deutschen Standorten eine Beschäftigungsgarantie.

Interne Widersacher muß Schrempp nicht fürchten, den Vorstand hat er mit Getreuen besetzt. Und die Deutsche Bank verkauft ihren Anteil erst ab einem Kurs von 38,50 Euro, da sie darunter einen Verlust schreiben muß. Solange die Aktie knapp über 30 Euro verharrt, ist Schrempps Position also sicher - eine paradoxe Situation für einen Manager, der sich einst am „Shareholder-Value“ messen lassen wollte.

Daß die niedrigen Kurse ein Attacke von Hedge-Fonds provozieren könnten, fürchtet Daimler nicht. Der Automobilkonzern ist nicht mit dem Fall Deutsche Börse zu vergleichen, wo britische Finanzinvestoren das Management stürzten. Bei Daimler lockt keine prall gefüllte Kasse, zudem müßten Finanzinvestoren mit politischem Widerstand rechnen. „Da würde die IG Metall für Schrempp aufmarschieren“, höhnt ein Investor. Schließlich sieht es der Betriebsrat als seine Aufgabe, für „alle Arbeitsplätze zu kämpfen“ - auch für den von Jürgen Schrempp.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 22.05.2005, Nr. 20 / Seite 37
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Jahrgang 1967, stellvertretender Ressortleiter Wirtschaft.

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