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Automobile Tollhaus Volkswagen

08.11.2006 ·  Erst im Mai war der Vertrag von Vorstandschef Pischetsrieder verlängert worden. VW-Aufsichtsratschef Piëch wollte den früheren BMW-Chef schon seit längerer Zeit loswerden, obwohl er ihn selbst zu seinem Nachfolger an der Vorstandsspitze erkoren hatte.

Von Johannes Ritter
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Der Wechsel an der Spitze von Volkswagen ist ein Stück aus dem Tollhaus. Erst im Mai war der Vertrag von Vorstandschef Bernd Pischetsrieder nach langem Hickhack um fünf Jahre verlängert worden. Doch nun verläßt der Bayer das Unternehmen zum Ende dieses Jahres. Warum? Darüber hüllen sich alle Beteiligten in Schweigen.

Klar ist: Pischetsrieder hatte in VW-Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch einen sehr mächtigen Gegner. Piëch wollte Pischetsrieder schon seit längerer Zeit loswerden, obwohl er den früheren BMW-Chef 2002 selbst zu seinem Nachfolger an der Vorstandsspitze erkoren hatte. Piëchs Kernvorwurf lautet: Pischetsrieder ist zu entscheidungsschwach und hat insbesondere die Sanierung der chronisch ertragsschwachen Stammarke VW nicht entschlossen genug vorangetrieben.

Auch andere Kritiker sind der Ansicht, daß Pischetsrieder in den knapp fünf Jahren seiner Amtszeit zu wenig bewegt hat. Trotz erkennbarer Fortschritte auf der Kostenseite und in der Modellpalette liegt das Unternehmen noch weit hinter seinen Ertragszielen zurück.

Umbau mit Hindernissen

Aber einen Konzern wie VW, der wie kein anderer in Deutschland unter der Fuchtel der IG Metall steht und mit dem Land Niedersachsen obendrein einen Großaktionär mit starken standortpolitischen Interessen hat, dreht man nicht über Nacht. Hinzu kommt, daß Pischetsrieder zu einer Gratwanderung gezwungen war: Viele der Probleme, die er zu bewältigen hatte, stammen aus der Amtszeit seines Vorgängers Piëch. Der geniale Konstrukteur hatte VW zwar mit seiner Modulstrategie in den neunziger Jahren zunächst aus der Krise geführt. Aber ihm fehlte selbst der Mut, die personell stark überbesetzten westdeutschen Werke zurechtzustutzen.

Außerdem versenkte Piëch Milliarden in Luxusspielzeugen wie Lamborghini, Bugatti und vor allem Phaeton. Je mehr Pischetsrieder es wagte, von dem Kurs des „Alten“, wie Piëch intern genannt wird, abzurücken, um so stärker fiel er bei ihm in Ungnade. Pischetsrieders offensive Aufarbeitung des Skandals um Lustreisen und Prostituierte, der seinem treuen Weggefährten Peter Hartz den Job kostete, dürfte Piëch sehr mißfallen haben. Auch bei IG-Metall-Chef Jürgen Peters, der stellvertretender Aufsichtsratschef bei VW ist, verlor Pischetsrieder dadurch jeglichen Rückhalt.

Duzfreund an die Spitze geholt

Daher hat Piëch schon zu Beginn dieses Jahres versucht, seinen Duzfreund und Vertrauten Martin Winterkorn an die Konzernspitze zu hieven. Doch dies scheiterte am Widerstand der Großaktionäre Porsche und Niedersachsen. Im zweiten Anlauf hat der gewiefte Porsche-Enkel nun seinen Willen durchgesetzt. Das sechsköpfige Präsidium des Aufsichtsrats, paritätisch besetzt mit Arbeitnehmer- und Arbeitgebervertretern, sprach sich einstimmig für die Berufung von Audi-Chef Winterkorn aus. Einstimmig? Wie ist das möglich? Christian Wulff und Piëch sind sich spinnefeind.

Allein deshalb wollte der niedersächsische Ministerpräsident stets verhindern, daß Piëch seinen engen Vertrauten Winterkorn auf den Chefposten in Wolfsburg setzt. Möglicherweise fehlte Wulff nun aber der Handlungsspielraum: Schon bis zum Jahreswechsel einen eigenen, im Aufsichtsrat mehrheitsfähigen Kandidaten zu präsentieren war nicht möglich, zumal es Piëch offenkundig gelungen ist, die Arbeitnehmerbank auf seine Seite zu ziehen. Die war ihm noch etwas schuldig: Im Herbst vergangenen Jahres hatte Piëch Audi-Vorstand Horst Neumann zu dem Posten des VW-Personalvorstands verholfen und damit - gegen den Willen Pischetsrieders - den Wunschkandidaten der Gewerkschaft durchgeboxt.

Jenseits aller Ränkespiele ist die Berufung Winterkorns keine schlechte Wahl. Der akribische Entwickler und Techniker ist zwar auch nicht frei von Fehlern. Aber seine Erfolge bei der VW-Tochtergesellschaft Audi, die BMW und Mercedes zunehmend Paroli bietet und von Rekord zu Rekord eilt, sprechen für ihn, obschon sie zu einem beträchtlichen Teil aus der Vorarbeit seiner Vorgänger resultieren. Die Ingolstädter zählen seit Jahren zu den verläßlichen Ertragsbringern im Konzern.

Chefwechsel mit Konfliktpotential

Dennoch birgt der Chefwechsel weiteren Sprengstoff: VW-Markenchef Wolfgang Bernhard und Winterkorn mögen sich nicht. Bislang stand der überaus ehrgeizige Bernhard im Vorstand auf Augenhöhe mit seinem nicht minder selbstbewußten Audi-Kollegen. Künftig muß er zu ihm aufschauen. Da sind Konflikte programmiert, zumal sich beide trefflich darüber streiten können, wie man die Modellpalette von VW und Audi am besten ergänzt oder voneinander abgrenzt. Daher stellen sich manche in Wolfsburg schon die Frage, ob Bernhard wohl zurücktritt. Das wäre ein großer Verlust, denn der frühere Daimler-Manager ist energisch dabei, die verkrusteten Strukturen bei der Marke VW aufzubrechen und die gediegene Modellpalette aufzupeppen.

Als großer Gewinner steht im Moment nur einer da: Ferdinand Piëch. Über seinen Erfüllungsgehilfen Winterkorn sichert er sich Macht und Einfluß bei VW. So wäre es für ihn sogar verkraftbar, absprachegemäß im kommenden Frühjahr den Aufsichtsratsvorsitz abzugeben. Aber tut er das auch? Es ist ihm zuzutrauen, daß er abermals für den Vorsitz kandidiert, um fünf Jahre später den Stab an Winterkorn weiterreichen zu können. All das entspricht wohl kaum den Regeln für eine gute Unternehmensführung.

Strenggenommen hätte Piëch schon längst das Feld räumen müssen. Und zwar nicht nur, weil er als Miteigentümer der Porsche AG und des Salzburger VW-Importeurs Porsche Holding starke Interessenkonflikte hat. Piëch hat Pischetsrieder einst zu seinem Nachfolger gemacht. Das war nach seiner Lesart offenkundig die falsche Wahl. Für eine solch gravierende Fehlentscheidung haben unter der Herrschaft Piëchs andere mit ihren Posten bezahlen müssen.

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Jahrgang 1964, Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.

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