27.09.2005 · Niedersachsens Ministerpräsident ist die Doppelrolle Ferdinand Piechs als VW-Aufsichtsratschef und Mitinhaber der Porsche-Holding ein Dorn im Auge. Bisher hat Porsche offiziell aber noch nicht einmal 5 Prozent der VW-Anteile gekauft.
Kaum ist der Einstieg von Porsche bei Volkswagen angekündigt, schon zeichnet sich ein Streit um die Macht im VW-Aufsichtsrat ab. Vor allem das Land Niedersachsen, bislang größter VW-Aktionär, will Ferdinand Piech offenbar dazu bewegen, den Aufsichtsratsvorsitz aufzugeben.
Druck macht angeblich insbesondere Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff (CDU), der dem VW-Aufsichtsrat angehört. Ihm sei die Doppelrolle Piechs als VW-Aufsichtsratschef und Mitinhaber der Porsche-Holding, einem wichtigen VW-Vertriebspartner, unter dem Blickwinkel einer geordneten Unternehmensführung (Corporate Governance) schon länger ein Dorn im Auge. Offenbar befürchten Wulff und andere Aufsichtsräte, daß sich die Gefahr der Interessenkollision mit dem Einstieg der Porsche AG, an der Piech ebenfalls beteiligt ist, noch verschärft. Hinzu kommen persönliche Motive: Das Verhältnis zwischen Wulff und Piech gilt als sehr angespannt: Die beiden seien wie Feuer und Wasser, heißt es.
Ein unabhängiger Dritter?
Wulff wird vermutlich darauf dringen, daß ein unabhängiger Dritter, der weder mit Porsche noch mit dem Land Niedersachsen direkt verbandelt ist, den Aufsichtsratsvorsitz übernimmt. Bei Porsche wird dieses Ansinnen strikt zurückgewiesen: "Die genannten egoistischen Interessen sind identisch mit denen des VW-Konzerns. Wenn das dem einen oder anderen Aufsichtsrat nicht gefällt, muß er schon starke Argumente aufbieten", sagte ein Porsche-Sprecher dieser Zeitung. Das Land Niedersachsen hat auf Basis seiner Beteiligung von 18,2 Prozent der Stammaktien zwei Sitze im Kontrollgremium. Porsche strebt einen Anteil von 20 Prozent an und beansprucht entsprechend dieser Beteiligung zwei bis drei Aufsichtsratssitze: zwei, weil die Beteiligung ähnlich groß ist wie die von Niedersachsen, oder drei, weil Porsche dann der größte Aktionär wäre. Ob Ferdinand Piech, der frühere VW-Chef, Porsche zugerechnet würde oder nicht, sieht man in Stuttgart auch nicht als eindeutig geklärt an: "Das muß im Einvernehmen geregelt werden." Klar sei jedenfalls, daß Ferdinand Piech bis 2007 gewählt sei. Anschließend, so wird bei Porsche signalisiert, könnte Porsche-Chef Wendelin Wiedeking als Vertreter des größten Aktionärs den Aufsichtsratsvorsitz übernehmen.
Woher kommen 20 Prozent?
Bisher hat Porsche offiziell aber noch nicht einmal 5 Prozent der Anteile gekauft. Wäre dem so, müßte Porsche dies Volkswagen innerhalb von sieben Tagen mitteilen, VW wiederum hätte neun Tage Zeit, diese Nachricht zu veröffentlichen. In Finanzkreisen gilt es aber als sicher, daß die angestrebte Porsche-Beteiligung ursächlich für den starken Kursanstieg der VW-Aktie war. Möglicherweise habe Porsche Banken dazu veranlaßt, auf eigene Rechnung Aktien zu kaufen, mutmaßen Analysten. Zu den großen VW-Aktien-Käufern der vergangenen Woche sollen Goldman Sachs, Merrill Lynch und USB gehören. Gerüchteweise kann die Beteiligung auch durch Optionen vorbereitet sein, die der Stuttgarter Autobauer ausübt, sobald es an der Zeit sei. Es habe zuletzt jedenfalls "einen sehr regen Handel in Optionen" gegeben, sagte ein Analyst.
Durch Optionen hätte Porsche die notwendige Flexibilität, mit VW und den anderen Aktionären über jene 13 Prozent im Eigenbesitz der Wolfsburger zu verhandeln. Eine Abgabe dieses Pakets an Dritte ist nach den bisherigen Aussagen des VW-Vorstands allerdings nur im Zusammenhang mit einer strategischen Akquisition möglich. So sollte zum Beispiel im vergangenen Jahr der Erwerb der Leasinggesellschaft Lease Plan teilweise mit eigenen Aktien finanziert werden. Dies scheiterte aber, weil man sich mit VW-Interessent Abu Dhabi nicht über den Preis für die Anteilsscheine einig wurde. Die Hauptversammlung in diesem April hat den Vorstand ermächtigt, die eigenen Aktien mit Zustimmung des Aufsichtsrats "unter Beachtung des Grundsatzes der Gleichbehandlung aller Aktionäre wieder zu veräußern." Dies heißt im Klartext, daß VW dieses Paket nicht in Gänze an eine einzige Adresse verkaufen kann. Die Aktien müßten allen Aktionären zum Bezug angeboten.
Bisher sind die eigenen Aktien nicht Teil der Berechnungsgrundlage für den Gewinn je Aktie. Würde Porsche sie erwerben, stiege die Zahl der gewinnberechtigten Aktien von 383,8 Millionen auf 425,5 Millionen Stück. Folglich gäbe es einen Verwässerungseffekt beim Ergebnis je Aktie, und bei gleichbleibender Dividende je Aktie stiege die erforderliche Ausschüttungssumme.
Volkswagen-Phantasie dahin
Einen solchen Effekt könnte Porsche vermeiden, wenn der Sportwagenbauer die VW-Anteile der Brandes Investment Partners (10,65 Prozent) und der Capital Group (5,12 Prozent) erwerben würden. Doch diese langfristig orientierten amerikanischen Vermögensverwalter arbeiten auf Rechnung verschiedener Kunden und haben die VW-Aktien entsprechend auf etliche Depots verteilt. Auch dem Land Niedersachsen kann Porsche keine Anteile abkaufen: Wulff hat am Sonntag offiziell bekräftigt, daß das Land seine Beteiligung an VW behalten wolle.
Zumindest einen Teil der notwendigen Aktien kann Porsche auch jetzt noch über den Markt kaufen, ohne mit einem Kursanstieg rechnen zu müssen. "Die Hedge-Fonds, die sich in der vergangenen Woche eingedeckt haben, müssen nun alle verkaufen", heißt es: "Und als Käufer steht Porsche bereit." Die Phantasie, Volkswagen zu zerschlagen und die Einzelteile mit Gewinn zu verkaufen, sei dahin, mithin auch das Kurspotential. Allein in der vergangenen Woche sind nach Händler-Angaben 18 Prozent des Aktienvolumens von Volkswagen gehandelt worden.
Diese Kursbewegungen sind nun auch Gegenstand einer routinemäßigen Untersuchung der Finanzaufsicht Bafin. Eine formelle Insideruntersuchung gebe es nicht, heißt es. Ihr Augenmerk richten die Bafin-Mitarbeiter zudem auf die Pflichtmitteilung von Porsche. Während der "Spiegel" schon am Samstag vorab über die Porsche-Pläne berichtet habe, sei der Sportwagenhersteller erst am Sonntag mit einer Mitteilung an die Öffentlichkeit gegangen.
Porsche hat nach eigener Einschätzung der Informationspflicht nach dem Wertpapierhandelsgesetz Genüge getan. Nachdem der Volkswagen-Vorstand über den Beteiligungsplan in Kenntnis gesetzt worden sei, habe man die Märkte nicht sofort informieren müssen, betonte ein Porsche-Sprecher. Dieser Aufschub gelte, wenn für das Unternehmen durch die Information ein wirtschaftlicher Schaden entstünde - und das wäre durch einen sofortigen Kursanstieg der Fall. Erst ein "qualifiziertes Gerücht", und dies sei der "Spiegel"-Bericht gewesen, habe Porsche in Sachen Pflichtmitteilung in Zugzwang gesetzt.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.379,20 | −1,07% |
| Dow Jones | 12.580,70 | +1,01% |
| EUR/USD | 1,2447 | −0,33% |
| Rohöl Brent Crude | 105,40 $ | −1,36% |
| Gold | 1.579,50 $ | 0,00% |
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