12.10.2005 · Kann Porsche-Miteigentümer Ferdinand Piech VW-Aufsichtsratschef bleiben? Der Streit spitzt sich zu: Die Investmentbank J.P. Morgan warnt vor einem gravierenden und dauerhaften Interessenkonflikt, Porsche legt ein Gegengutachten vor.
"Projekt Vektor" steht auf dem Deckblatt des Vortrags, den J.P. Morgan am Montag dem Aufsichtsrat der Volkswagen AG vorgetragen hat. In der als "streng vertraulich" titulierten Präsentationsvorlage, die der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vorliegt, fächert die Investmentbank die Chancen und Risiken auf, die sich für VW aus dem Einstieg der Porsche AG ergeben.
Und sie gibt klare Empfehlungen, wie VW auf das Engagement des Sportwagenbauers reagieren sollte. Wie berichtet, plädiert die Investmentbank J.P. Morgan dafür, daß kein Vorstand oder Großaktionär von Porsche im VW-Aufsichtsrat sitzen sollte (siehe auch: J.P. Morgan empfiehlt Piech den Rücktritt). Das würde bedeuten, daß VW-Aufsichtsratschef Ferdinand Piech zurücktreten und Porsche-Chef Wendelin Wiedeking und sein Finanzvorstand Holger Härter - entgegen den bisherigen Überlegungen - nicht in das Kontrollgremium einziehen dürften. Porsche besitzt seit Ende vergangener Woche 18,5 Prozent des stimmberechtigten VW-Kapitals.
„Dauerhafter Interessenkonflikt“
Eigentlich ist es durchaus üblich, daß ein Großaktionär Aufsichtsratsmandate für sich in Anspruch nimmt. Für VW/Porsche gelte das aber nicht, weil hier Aktionärs-, Wettbewerbs- und Kooperationsinteressen kollidierten und daher die Gefahr bestehe, daß VW fortan zugunsten von Porsche, aber zu Lasten einer eigenständigen Entwicklung und damit zu Lasten der übrigen VW-Aktionäre gesteuert werde. Konkret warnen die Investmentbanker vor einer "ungebührlichen Einflußnahme" etwa auf die Produktplanung der VW-Tochtergesellschaft Audi.
Die Grundlage für das Urteil der Investmentbank bildet ein Rechtsgutachten der renommierten Stuttgarter Anwaltskanzlei Gleiss Lutz. Darin wird zunächst die Doppelrolle Piechs als VW-Aufsichtsratschef und Miteigentümer von Porsche beleuchtet: "Die Interessenkonflikte zwischen VW und Porsche werden im Zuge der angekündigten Zusammenarbeit zunehmen und die Aufsichtsratsmitglieder von VW in wachsendem Maße sensibles Wissen über VW erhalten. Es bestehen daher gewichtige Anhaltspunkte dafür, daß Herr Prof. Piech zumindest künftig aus wichtigem Grund als Aufsichtsratsmitglied von VW abberufen werden könnte, zumal sein Stimmrecht immer häufiger bei wesentlichen Gegenständen ausgeschlossen und ihm die ordnungsgemäße Ausübung seines Amtes insoweit nicht mehr möglich sein wird; er ist dann auch zur Niederlegung seines Amtes verpflichtet." Die Möglichkeit einer Abberufung Piechs (gemäß Paragraph 103 Aktiengesetz) begründen die Experten von Gleiss Lutz mit der Doppelrolle Piechs, die zu einem "gravierenden und dauerhaften Interessenkonflikt" führen könne.
„Gute Gründe“
Genau wie Piech unterlägen auch Vorstandsmitglieder der Porsche AG, sofern sie in den VW-Aufsichtsrat rückten, zunächst einem Stimmverbot bei Themen, die die Zusammenarbeit von VW und Porsche betreffen. Aber "auch sie können beim Auftreten gravierender und dauerhafter Interessenkonflikte sowie bei zunehmend auftretenden Stimmverboten aus wichtigem Grund gerichtlich abberufen werden und zur Amtsniederlegung verpflichtet sein", heißt es in dem Rechtsgutachten.
Die Autoren sind der Ansicht, daß der Deutsche Corporate Governance Kodex (DCGK) die Interessenkonflikte von Aufsichtsratsmitgliedern sogar noch strenger beurteilt: "Nach dem DCGK sprechen gute Gründe dafür, daß aufgrund der Wettbewerbssituation schon heute Herr Prof. Piech und sämtliche Organmitglieder von Porsche nicht zugleich dem Aufsichtsrat von VW angehören sollen."
Gegengutachten von Porsche
Porsche hat selbst ein Gutachten in Auftrag gegeben, daß den Angaben zufolge zu einer anderen Auffassung gelangt: "Porsche strebt daher weiterhin eine Vertretung im VW-Aufsichtsrat entsprechend der Beteiligungsquote an", heißt es bei dem Sportwagenbauer. Offenbar sollen Konzernchef Wiedeking und Finanzvorstand Härter spätestens nach der Hauptversammlung 2006 in den VW-Aufsichtsrat einziehen können, und zwar ohne daß es darüber zu allzu heftigen Kontroversen mit anderen Anteilseignern komme. Angelsächsische Fonds neigten zwar möglicherweise zu einer schärferen Anwendung der Corporate-Governance-Richtlinien, schätzten aber andererseits den Erfolg, den das Team Wiedeking/Härter bei Porsche erzielt habe und der auf VW abstrahlen könnte, lautet die Rechnung, die bei Porsche aufgemacht wird. Und: Christian Wulff als Landespolitiker werde die Standorttreue von Porsche zu schätzen wissen, wird nachgeschoben.
Wiedeking hat einiges vorzuweisen: Die Arbeitsplätze der Porsche AG sind bis 2010 garantiert, eine neue Lackiererei soll für 200 Millionen Euro im Raum Stuttgart zu bauen, ein neues Motorenwerk ist gerade entstanden, und Wiedeking kündigte unlängst an, daß die Wertschöpfung für die vierte Baureihe zum allergrößten Teil aus Deutschland kommen werde. Die Werke müßten eben ausreichend effizient arbeiten, lautet Wiedekings Erfolgsformel. Für VW würden ihm bestimmt einige Verbesserungen einfallen, wird im Konzern kolportiert.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.380,08 | −1,01% |
| Dow Jones | 12.580,70 | +1,01% |
| EUR/USD | 1,2448 | −0,33% |
| Rohöl Brent Crude | 105,48 $ | −1,28% |
| Gold | 1.579,50 $ | +0,31% |
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