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Automobile Machtkampf in Wolfsburg

19.10.2005 ·  Zum Wohle des Konzerns müßten die Widersacher im Volkswagenvorstand an einer einvernehmlichen Lösung der Blockade des Gremiums interessiert sein. Doch die wird durch persönliche Feindschaften erschwert. Der Streit schadet VW.

Von Johannes Ritter und Henning Peitsmeier
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Als Ferdinand Piech das Wort ergriff, war der Streit im Aufsichtsrat für alle Teilnehmer offensichtlich. Das sei der schlechteste Vortrag, den er je gehört habe, lästerte der VW-Aufsichtsratschef selbstgefällig. Gemeint war die Präsentation der Investmentbank J.P. Morgan am vorvergangenen Montag.

Was die vom Vorstand beauftragten Herren dem Aufsichtsgremium soeben empfohlen hatten, konnte dem früheren Vorstandsvorsitzenden des Automobilkonzerns nicht gefallen: Sie forderten seinen Rücktritt. Als zu groß bewerteten sie die Interessenkonflikte, in die Piech aufgrund seiner Doppelrolle als VW-Chefkontrolleur und Miteigentümer der Porsche AG geraten sei, seitdem der Sportwagenhersteller mit einem Anteil von knapp 19 Prozent zum größten VW-Aktionär aufgestiegen ist.

Mit Porsche kann sich Wulff nicht so recht anfreunden

Damit sprachen die Investmentbanker einem anderen Aufsichtsrat aus dem Herzen. Erstmals hat Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff (CDU) ein neutrales Gutachten gegen seinen erbitterten Widersacher in der Hand. Wulff beteuert zwar, nicht grundsätzlich gegen Porsche als VW-Großaktionär zu sein, schließlich ist er seit seinem eigenen Amtsantritt vor zweieinhalb Jahren aktiv auf der Suche nach einem "weißen Ritter".

Aber mit dem Sportwagenhersteller aus Zuffenhausen kann er sich so lange nicht richtig anfreunden, wie dessen Anteilseigner Piech gleichzeitig im Aufsichtsrat von Volkswagen bleibt. Außerdem wäre Wulff eine Überkreuzbeteiligung mit Daimler-Chrysler viel lieber gewesen. Dazu wird es vorerst nicht kommen: Der designierte Daimler-Chef Dieter Zetsche dürfte sich das Schauspiel aus der Ferne anschauen, bis der Vorhang in Wolfsburg gefallen ist. Dort tobt hinter den Kulissen ein Machtkampf, der möglicherweise erst nach der Hauptversammlung am 3. Mai kommenden Jahres entschieden ist.

Putschisten sind schwer zu finden

Piech will seinen Posten trotz der engen Verbindung zu Porsche nicht räumen. Er weiß die von IG-Metall-Chef Jürgen Peters mobilisierte Arbeitnehmerseite hinter sich. Wulff hat außer seinem Wirtschaftsminister Walter Hirche keine festen Verbündeten im Aufsichtsrat. Deshalb dürfte es ihm sehr schwer fallen, genügend Putschisten zu finden, um Piech vor Ablauf seines Mandats 2007 aus dem Amt zu jagen. Also geht es für Wulff nur noch um die Frage, wie er den von Porsche-Chef Wendelin Wiedeking im Schulterschluß mit Piech geforderten Machtanspruch im Aufsichtsrat in Grenzen halten kann.

Porsche will mit Wiedeking und Finanzchef Holger Härter mindestens zwei eigene Vorstandsmitglieder entsenden. Dazu müßten zwei der vier Aufsichtsräte, deren Mandate zur Hauptversammlung auslaufen, am 3. Mai ausscheiden: Doch dazu haben sich bisher weder Klaus Liesen noch Heinrich von Pierer, Hans Michael Gaul oder Gerhard Cromme öffentlich bereit erklärt. Im Gegenteil: Der 74 Jahre alte Liesen erklärte, er werde nicht für Porsche weichen. Das macht Liesen & Co. aber nicht automatisch zu Verbündeten von Wulff. Denn ihre Wiederwahl ist gegen den Willen Piechs nicht gesichert, und deshalb können die vier nicht offen gegen den Patriarchen rebellieren.

Sieger einer möglichen Kampfabstimmung steht nicht fest

Auf der anderen Seite muß Wiedeking befürchten, daß seine Wahlvorschläge an der Opposition von Wulff scheitern, der als Vertreter des Aktionärs Niedersachsen immerhin 18,2 Prozent der stimmberechtigten VW-Aktien vertritt. Bleiben die Fronten hart, kommt es in der Hauptversammlung zur Kampfabstimmung. Welche Seite gewinnt, ist heute noch vollkommen offen. Wulff glaubt offenbar, daß die bei VW engagierten angelsächsischen Finanzinvestoren seiner, von J.P. Morgan unterstützten Linie folgen. Wiedeking wiederum lockt die Investoren mit dem Argument, daß Porsche als renditestarker und sachverständiger Partner entscheidend zur Sanierung von VW beitragen könne und deshalb im Aufsichtsrat willkommen sei.

Der Streit um Macht und Einfluß schadet dem gesamten Konzern. "Es ist zu befürchten, daß künftig jede Aufsichtsratssitzung völlig unproduktiv bleibt", sagt ein Mitglied des Kontrollgremiums. Festzumachen ist dies bereits an der ungeklärten Nachfolge von Personalvorstand Peter Hartz. Der enge Vertraute von IG-Metall-Chef Peters ist Ende Juli im Zuge der Sex- und Schmiergeldaffäre zurückgetreten. Die Gewerkschaft schlägt unverdrossen Audi-Personalvorstand Horst Neumann als Nachfolger vor; doch der ist allein schon wegen seiner Liaison mit der Sprecherin der SPD-Parteilinken, Andrea Nahles, für CDU-Politiker Wulff ein rotes Tuch. Umgekehrt hat die IG Metall bis heute alle Vorschläge der Gegenseite vom Tisch gewischt. Eine Einigung ist derzeit nicht in Sicht.

Inkompetent, anmaßend

Zum Wohle des gesamten Konzerns mit seinen 340.000 Beschäftigten müßten die Widersacher an einer einvernehmlichen Lösung der Blockade interessiert sein. Doch die wird jenseits aller Sachfragen durch persönliche Feindschaften erheblich erschwert. Piech, der sich noch immer als genialer Konstrukteur und eigentlicher Herrscher über Wolfsburg versteht, hält den Politiker Wulff für inkompetent und anmaßend. Wulff wiederum klagt über Piechs Verhalten und noch mehr über dessen Kungelei mit den Sozialdemokraten. Ihn macht er für den Filz zwischen Betriebsrat, Gewerkschaft und SPD verantwortlich.

Wie also könnte eine Lösung aussehen, bei der keiner das Gesicht verliert? J.P. Morgan schlägt vor, daß Wiedeking Vertraute nach Wolfsburg entsendet, die nicht direkt für die Porsche AG und deren Haupteigentümer, die Familien Piech und Porsche, arbeiten. Darauf wird sich der selbstbewußte Wiedeking gewiß nicht einlassen. Schließlich muß er seinen Aktionären zeigen, daß er mit dem Einsatz von 3 Milliarden Euro auch ein Stück Kontrolle über VW erlangt hat. Vielleicht einigen sich die Widersacher also auf einen Kompromiß, nach dem lediglich ein Porsche-Vorstand, nämlich Wiedeking selbst, in das VW-Kontrollgremium rückt.

Gemischte Gefühle in Wolfsburg über Porsche-Engagement

Kurzfristig steht indes der Abschluß des Grundlagenvertrags im Vordergrund, in dem die künftige Zusammenarbeit zwischen VW und Porsche geregelt werden soll. VW-Vorstandschef Bernd Pischetsrieder hat sich die meisten Empfehlungen von J.P. Morgan zu eigen gemacht: Die Kooperationsprojekte müssen beiden Partnern nutzen und von unabhängiger Seite überprüft und überwacht werden; VW bleibt operativ unabhängig und darf auch mit anderen Autoherstellern kooperieren; sollte Porsche die VW-Aktien unabgestimmt weiterverkaufen, kann Volkswagen die Kooperationsverträge einseitig kündigen.

Für nicht durchsetzbar hält Pischetsrieder aber offenbar den Vorschlag der Investmentbanker, Porsche dazu zu verpflichten, die VW-Beteiligung nicht über die angekündigten 20 Prozent hinaus aufzustocken (Stillhalteabkommen). Wegen der im VW-Gesetz geregelten Stimmrechtsbeschränkung auf 20 Prozent würde Porsche ein höherer Anteil im Moment keinerlei Vorteile bringen. Das ändert sich jedoch, sobald das umstrittene VW-Gesetz vom Europäischen Gerichtshof gekippt wird.

In Wolfsburg verfolgt man das Engagement von Porsche schon heute mit gemischten Gefühlen. Jedes Jahr im November werden den VW-Aufsichtsräten die Heiligtümer des Konzerns präsentiert: die Auto-Modelle der Zukunft - darunter Spitzenfahrzeuge der Konzernmarken Audi, Lamborghini, Bentley und Bugatti. "Die Vorstellung, daß dieser intime Einblick künftig auch Porsche-Vorständen gewährt wird, macht mich sehr nervös", sagt ein leitender VW-Ingenieur.

Quelle: F.A.Z., 19.10.2005, Nr. 243 / Seite 20
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