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Automobile Immer auf die Kleinen

09.09.2011 ·  Mit dem neuen „Up“ will VW-Chef Martin Winterkorn den Kleinwagenmarkt in Europa „ordentlich aufmischen“. Das trifft Peugeot, Fiat & Co. ins Mark. Aus Angst senken sie schon jetzt die Preise.

Von Johannes Ritter und Christoph Ruhkamp
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Wieder einmal probt Volkswagen den Spagat. Auf der Automesse IAA, die nächste Woche in Frankfurt beginnt, wird Europas größter Automobilkonzern den neuen Porsche 911 präsentieren. Der edle Sportwagen ist für 88 000 Euro zu haben. Für diesen Preis könnte man sich neun "Up" kaufen. So heißt der neue Kleinwagen, den VW auf der IAA ebenfalls erstmals einem größeren Publikum vorstellt. Das 3,54 Meter kurze Wägelchen bildet den Auftakt für eine Offensive im Kleinwagensegment, die eine wichtige Rolle in Martin Winterkorns Wachstumsstrategie spielt. Der Konzernchef will Volkswagen bis spätestens 2018 zur größten Automobilgruppe der Welt machen.

Der Up ist für VW ein "sehr wichtiges Fahrzeug", sagt Winterkorn, denn kaum eine Fahrzeugklasse biete so viel Potential wie die der kleinen Stadtautos: "Alleine in Westeuropa wird der Kleinwagenmarkt bis 2016 um über 20 Prozent wachsen." Den Vorwurf mangelnder Umweltverträglichkeit, wie von Greenpeace gerade erst wieder erhoben, muss sich VW mit dem Up nicht gefallen lassen.

Stefan Bratzel, Direktor des Center of Automotive Management in Bergisch Gladbach, sieht rund um den Globus einen Trend zum "Downsizing". Bratzel erwartet, dass der Anteil der Kleinwagen an den Neuzulassungen in Westeuropa bis 2015 auf 45 Prozent steigen wird. 1990 lag dieser Anteil noch bei 30 Prozent.

Und ausgerechnet in diesem überdurchschnittlich wachsenden Marktsegment tat sich VW in den vergangenen Jahren sehr schwer. Der Polo ist mittlerweile so groß wie der erste Golf und war lange Zeit ein Verlustbringer. Der Lupo war viel zu teuer. Und der in Brasilien gebaute Fox litt unter Wechselkurseffekten und gefiel den Kunden nicht. Doch mit dem komplett neu entwickelten Up soll nun alles anders und besser werden. Mehr als 200000 Stück wollen die Wolfsburger pro Jahr in Europa verkaufen. Darin sind freilich auch die baugleichen Varianten der Schwestermarken Skoda und Seat eingeschlossen, die schrittweise auf den Markt kommen. Später soll der Up auch in Südamerika und Asien angreifen. Dort ist ein Einstiegspreis von 9500 Euro allerdings nicht durchzusetzen. Daher soll der Wagen früher oder später in abgespeckten Varianten aus lokaler Fertigung in Brasilien und Indien vom Band laufen.

Mit dem Up schließt VW eine bedeutende Lücke in der Produktpalette - allerdings recht spät. Nur Opel kommt mit seinem geplanten Stadtwagen, der unter dem internen Projektnamen "Junior" entwickelt und in Eisenach produziert werden soll, noch später, nämlich im kommenden Jahr, an den Markt. Die meisten anderen Wettbewerber sind aber schon deutlich länger im Segment für Stadtwagen vertreten: Beispiele dafür sind der Toyota Aygo, Peugeot 107, Citroën C1, Ford Ka, Fiat Panda und Cinquecento, Renault Twingo. Sie werden das Feld kaum kampflos überlassen und bieten ihre Wagen schon jetzt rund 1000 Euro billiger an als VW. Der Wolfsburger Konzern wird einiges leisten müssen, um noch kostengünstiger zu produzieren als etwa Toyota und der französische PSA-Konzern, die ihre Stadtwagen in einer Gemeinschaftsfabrik im tschechischen Ort Kolin vom Band laufen lassen. Dadurch, dass die beiden Konzerne gemeinsam produzieren, kommen sie auf eine Stückzahl von um die 300 000 Einheiten - um die Hälfte mehr als VW anstrebt. Der Kampf um die Marktanteile dürfte um so härter ausfallen, als VW in Südeuropa weniger stark vertreten ist - genau da, wo die Stadtwagen besonders oft gekauft werden. "Ein Teil des Absatzes, den sich VW erhofft, wird auf Kosten von Ford gehen - ein anderer Teil auf Kosten des Modells Polo aus dem eigenen Konzern", schätzt Ferdinand Dudenhöffer von der Universität Duisburg.

Für VW liegt der Fokus beim Absatz des Up zunächst auf Europa. In Ländern wie Deutschland, Italien und Frankreich will Winterkorn das Kleinstwagensegment "ordentlich aufmischen". Die Wettbewerber werden diese Kampfansage sicherlich sehr ernst nehmen. VW ist schon häufig spät in bestimmte Marktsegmente eingestiegen - und hat diese hernach trotzdem tüchtig aufgerollt. So geschehen auf dem Feld der Familienkutschen (Touran) und der geländetauglichen Straßenwagen (Touareg, Tiguan). Peugeot, Renault, Citroën, Fiat & Co. werden sich aber gewiss nicht kampflos ergeben. Sie sind weitaus stärker abhängig vom Kleinwagenverkauf als VW und können etwaige Marktanteilsverluste im europäischen Markt kaum ausgleichen, weil sie weder in China noch in Amerika stark vertreten sind. "Für die Franzosen und die Italiener ist das eine ganz harte Attacke", sagt Bratzel. Erbitterte Preiskämpfe könnten die Folge sein. Fiat und Citroën haben schon damit begonnen: Im August garnierten sie bestimmte Modelle mit Rabatten von mehr als 30 Prozent.

Vor diesem Hintergrund ist es umso wichtiger, dass die Kostenbasis stimmt. "Im Kleinwagensegment kommt es auf jeden Euro an. Man muss auch mit niedrigen Preisen Geld verdienen können", sagt Bratzel. Kann VW das? Bratzel hegt leise Zweifel: "Günstig konnte VW bisher nicht." Winterkorn hingegen verweist auf die konzernweite Zusammenarbeit bei der "New Small Family", die von der Entwicklung über den Einkauf bis zur Produktion substantielle Synergien bringe. "Volkswagen kann auch klein", beteuert der Konzernchef.

Von Vorteil ist auf alle Fälle, dass VW den Kleinen nicht in Deutschland, sondern in der Slowakei baut. Das Werk in Bratislava wurde für mehr als 300 Millionen Euro auf eine Kapazität von 400 000 Einheiten ausgebaut. Dort sind die Personalkosten in den vergangenen Jahren zwar auch deutlich gestiegen. Trotzdem bleibt ein Kostenvorteil, den Bratzel auf etwa 40 Prozent schätzt. Ob VW mit dem Up am Ende Geld verdient, hängt nach Ansicht von Marc-René Tonn, Autoanalyst beim Bankhaus M.M. Warburg, maßgeblich von den Stückzahlen ab. "Bei kleinen Autos braucht man eine gewisse Größenordnung, um erfolgreich zu sein."

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Jahrgang 1964, Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.

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