23.08.2005 · Ausländische Hedge-Fonds halten bereits 20 Prozent der Aktien von Daimler-Chrysler. Sollte nicht rasch die operative Sanierung gelingen, dürfte der Druck auf den Autokonzern rasch zunehmen - beispielsweise mit dem Ziel, Smart aufzugeben.
Der Automobilkonzern Daimler-Chrysler muß sich mit einer wachsenden Zahl von Hedge-Fonds in seinem Aktionärskreis auseinandersetzen. Nach Schätzungen führender Investmentbanker halten diese von SPD-Chef Franz Müntefering als Heuschrecken bezeichneten Fonds bereits an die 20 Prozent der Aktien des Dax-Konzerns.
„Die Hedge-Fonds sind in einem riesigen Ausmaß bei Daimler-Chrysler engagiert“, sagte ein hochrangiger Frankfurter Bankmanager dieser Zeitung. Diese spekulierten darauf, daß dem designierten Vorstandsvorsitzenden Dieter Zetsche die operative Sanierung gelinge. Wenn nicht binnen einiger Monate Fortschritte erkennbar seien, würden die Hedge-Fonds massiven Druck ausüben, erwartete ein anderer Bankmanager. Bei der verlustreichen Kleinwagensparte Smart wollen die Fonds nach Angaben aus Finanzkreisen Zetsche aber sofort in die Zange nehmen: „Sie werden bald darauf dringen, Smart zuzumachen.“
Aggressive Investoren
Ein Sprecher von Daimler-Chrysler wollte diese Informationen nicht kommentieren. „Wir sprechen mit Hedge-Fonds wie mit anderen institutionellen Investoren auch“, bestätigte der Sprecher erstmals offiziell das Engagement ausländischer Hedge-Fonds bei dem Konzern. Diese unregulierten Investmentgesellschaften sammeln Kapital bei reichen Privatanlegern und Pensionsfonds und investieren unter anderem in unterbewertete Aktien.
Spätestens seit dem Machtkampf bei der Deutschen Börse war auch Zetsche vor Hedge-Fonds gewarnt. Denn seitdem war klar, daß derart aggressive Investoren auch vor großen Namen nicht Halt machen. Zetsche braucht auch nicht viel Phantasie, um sich auszumalen, daß der Stuttgarter Automobilkonzern ein attraktives Opfer sein kann - so angeschlagen und orientierungslos wie Daimler-Chrysler derzeit scheint im kränkelnden Mutterland des Automobils.
Schrempps Rücktritt verursachte Kursfeuerwerk
In nennenswertem Umfang haben diese alternativen Investmentfonds schon vor einem Jahr Aktien des Unternehmens gekauft. Nachdem die Kritik auf der Hauptversammlung für Konzernchef Jürgen Schrempp ohne Folgen blieb, hätten einige Hedge-Fonds Anteile gekauft, um selbst Druck auf den Konzern auszuüben, heißt es im Umfeld der Fondsgesellschaften. Dabei spekulierten sie auf den „Schrempp-Kopper-Abschlag“, also darauf, daß die Aktie ohne das voneinander abhängige Führungsduo Schrempp und Aufsichtsratschef Hilmar Kopper teurer sein werde.
Damit nicht genug. Ausgerechnet die viel bejubelte Rücktrittsankündigung von Schrempp hat Daimler-Chrysler noch verwundbarer für einen Hedge-Fonds-Angriff gemacht. Denn jenen 28. Juli, an dem Schrempp die Konsequenzen zog, nutzte die Deutsche Bank, um im Zuge des Kursfeuerwerks 35 Millionen Daimler-Chrysler-Aktien zu verkaufen und ihren Anteil von 10,4 auf 6,9 Prozent zu verringern. „Die Aktien wurden bei institutionellen Investoren, darunter Pensionsfonds und Investmentgesellschaften, plaziert“, sagte ein Deutsche-Bank-Sprecher.
Die Festung Daimler-Chrysler bröckelt
In Kreisen von Investmentbanken heißt es, rund zwei Drittel dieser Anteile seien an Hedge-Fonds weitergegeben worden. Nach dem Weggang Schrempps spiele der „Kopper-Abschlag“ dabei nur eine geringe Rolle. Dennoch wird in Bankkreisen davon ausgegangen, daß auch der Druck auf Kopper zunimmt: „Ich glaube nicht, daß Herr Kopper die nächste Hauptversammlung überstehen wird“, hieß es bei Banken. Noch vor gar nicht allzu langer Zeit galt Daimler-Chrysler als uneinnehmbare Festung.
Drei Großaktionäre hielten ein Fünftel des Kapitals: Gegen den Willen der Deutschen Bank, Kuwait und Dubai lief nicht viel bei Daimler-Chrysler. Jetzt bröckelt die Festung. Auch von den Kuwaitis heißt es, sie könnten ihren derzeitigen Anteil von 7,2 Prozent reduzieren, wenn der Preis stimmt. Der wirksamste Schutz ist ein hoher Aktienkurs. Derzeit ist Daimler-Chrysler mit rund 43 Milliarden Euro Marktkapitalisierung zwar kein Leichtgewicht im Dax. Aber die Summe der einzelnen Konzernbereiche ist nach Einschätzung von Branchenexperten deutlich mehr wert.
Komplettübernahme derzeit nicht möglich
Doch eine Komplettübernahme durch Beteiligungsgesellschaften gilt als unmöglich. Denn einschließlich Schulden und der Unternehmenskasse ist der Konzern 111 Milliarden Euro wert - ein Betrag, den selbst die derzeit vor Kraft strotzende Private-Equity-Branche nicht bewältigen kann. „Das ist unmöglich“, sagte ein Banker. Zum einen, weil derzeit ein einzelner Fonds einschließlich Fremdkapital wohl nicht mehr als 4 Milliarden Euro in eine Transaktion investieren kann. Selbst ein Bündnis aus zehn Fonds könnte das also nicht stemmen. So sorgt wohl auch die Eitelkeit mancher Private-Equity-Manager dafür, daß entsprechende Berichte kursieren.
„Damit kokettiert der eine oder andere, aber das ist definitiv ein viel zu großer Brocken“, sagt der Manager einer großen Private-Equity-Gesellschaft. Zwar bestätigte ein Banker dieser Zeitung einen Bericht der „Financial Times“, nach dem die britische CVC zusammen mit anderen angloamerikanischen Beteiligungsfonds schon mehrmals ein Auge auf Daimler-Chrysler geworfen habe. Allerdings stand dabei anders als berichtet nicht eine Mehrheitsübernahme zur Debatte, sondern die Fonds hätten vielmehr das Unternehmen unter die Lupe genommen, um im Falle einer Zerschlagung für den Kauf von Einzelteilen parat zu stehen.
Die Marke mit dem Stern muß profitabler werden
Längst werden Zerschlagungsszenarien bei Hedge-Fonds durchgespielt. Daß sich Daimler bald von der milliardenschweren EADS-Beteiligung trennen könnte, liegt auf der Hand. Auch eine Trennung der Nutzfahrzeuge von den Autos erschiene logisch. Das Geschäft mit den Lastwagen brummt, die Sparte - übrigens noch saniert vom zurückgetretenen Mercedes-Chef Eckhard Cordes - brächte viel Geld und hat wenig gemein mit der Pkw-Sparte. Anders verhielte es sich mit der Abspaltung der Chrysler Group von der Mercedes Car Group. Augenblicklich ergibt diese Trennung keinen Sinn.
Chrysler hat im zweiten Quartal mit 544 Millionen Euro operativ mehr verdient als die Mercedes Car Group mit ihren schwächelnden Marken Mercedes-Benz und Maybach sowie dem Milliardengrab Smart. Dennoch heißt es in Kreisen der Hedge-Fonds, daß eine Abspaltung von Chrysler schon erwogen wurde. Gerüchteweise ist gar zu hören, einige Hedge-Fonds hätten bei der amerikanischen Regierung angefragt, ob ein Verkauf von Chrysler an einen chinesischen Konkurrenten - der offenbar schon Interesse bekundet hat - Chancen hätte, genehmigt zu werden. Dies wurde aber verneint.
Daß Chrysler so gut dasteht, ist letztlich das Verdienst von Zetsche. Auf dem großgewachsenen Mann mit dem markanten Schnauzbart ruhen derzeit alle Hoffnungen. Zetsche muß dafür sorgen, daß Daimler-Chrysler als Ganzes mehr wert ist. Als frisch ernannter Interimschef der Mercedes Car Group wird er als erstes dafür sorgen müssen, daß die Marke mit dem Stern wieder profitabler wird. Die üblichen hundert Tage eines neuen Chefs gönnen ihm sicherlich auch die sonst ungeduldigen Hedge-Fonds. Dann wollen sie jedoch rasch Taten sehen. Zetsche ist gewarnt.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.319,85 | −3,26% |
| Dow Jones | 12.118,60 | −2,22% |
| EUR/USD | 1,2433 | +0,58% |
| Rohöl Brent Crude | 98,82 $ | −2,76% |
| Gold | 1.606,00 $ | +3,08% |
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