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Automobile Handlungsunfähig in Wolfsburg

19.04.2006 ·  Der Aufsichtsrat von VW hat sich in Klausur begeben, um über die schwierige Lage des Konzerns zu beraten. Über eine Verlängerung des Vertrags von Bernd Pischetsrieder will das Gremium aber nicht entscheiden. Konzern und Chef wirken seit Monaten wie gelähmt.

Von Johannes Ritter
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Die Börse handelt die Zukunft. Also müßte Volkswagen rosigen Zeiten entgegensehen. Der Aktienkurs von Europas größtem Automobilkonzern hat Anfang April die Marke von 65 Euro überschritten. Das ist der höchste Wert seit vier Jahren. Der jüngste Aufwärtsschub kam Anfang Februar, als Vorstandschef Bernd Pischetsrieder ein einschneidendes Restrukturierungsprogramm ankündigte, von dem bis zu 20.000 Mitarbeiter in den westdeutschen VW-Werken betroffen sein könnten. Das Signal war klar und kam gut an der Börse an: VW ist endlich willens, die gravierenden Kostenprobleme im Herzen des Konzerns zu lösen.

Doch selbst zweieinhalb Monate nach dieser Grundsatzentscheidung ist nichts Konkretes geschehen. Der Vorstand hat zwar eine Fülle von Vorstellungen, wie der dringend erforderliche Kostenabbau bewerkstelligt werden soll. Verhandlungen mit der - bei VW traditionell besonders mächtigen - Arbeitnehmerbank hat es aber noch nicht gegeben. Obwohl Volkswagen im Grunde keinerlei Zeit zu verlieren hat, wirkt der Konzern seit Monaten wie gelähmt.

Zickzack-Kurs

Erst waren es die Betriebsratswahlen, die für Stillstand sorgten: Betriebsratschef Bernd Osterloh wollte seine Wiederwahl nicht durch konkrete Arbeitsplatzsabbau-Szenarien gefährden. Ende März wurde er de facto wiedergewählt. Doch noch immer verhalten sich die VW-Leute wie das Kaninchen vor der Schlange. Denn jetzt gilt es, eine weitere wichtige Entscheidung abzuwarten: Wird Pischetsrieders Vertrag, der im April 2007 ausläuft, verlängert oder nicht? Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff (CDU) und Porsche-Chef Wendelin Wiedeking wollen, daß der 58 Jahre alte Pischetsrieder seine Arbeit weitere fünf Jahre fortsetzt.

Darauf hatten sich die Vertreter der beiden VW-Großaktionäre schon im Januar mit VW-Aufsichtsratschef Ferdinand Piech verständigt. Doch nur einen Monat später zweifelte Piech öffentlich an der Vertragsverlängerung, weil die Arbeitnehmer im Aufsichtsrat gegen Pischetsrieder seien. Hinter dieser Äußerung stand offenkundig das Kalkül, Pischetsrieder zum Rücktritt zu bewegen. Denn Piech würde gerne seinen alten Vertrauten und Audi-Chef Martin Winterkorn an die VW-Spitze hieven.

Das Gesicht wahren

Doch Pischetsrieder hat ein dickes Fell. Er ließ Piechs Attacke - zumindest äußerlich - ungerührt an sich abprallen. Es stimmt zwar, daß etliche Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat - allen voran IG-Metall-Chef Jürgen Peters - nicht allzuviel von Pischetsrieder halten. Aber jeder andere Vorstandschef wäre ebenso zum Handeln gezwungen wie der bärtige Bayer, der in der Vergangenheit aus der Sicht seiner Kritiker eher zu zögerlich auf den Sanierungskurs eingeschwenkt ist. So soll die Hängepartie um die Vertragsverlängerung nach dem Kalkül der Gewerkschafter wohl vor allem dazu dienen, Pischetsrieder bei der nun fälligen Restrukturierung Zugeständnisse abzutrotzen.

Über die Restrukturierungspläne wird der Aufsichtsrat in einer Klausur am Mittwoch und Donnerstag beraten. Während einige Anteilseignervertreter am zweiten Sitzungstag gerne auch die Personalie Pischetsrieder abhandeln würden, plädiert die Arbeitnehmerseite für einen späteren Wahltermin. Damit es nicht zu einer Kampfabstimmung kommt und damit Peters, der sich mit seiner Opposition besonders weit aus dem Fenster gelehnt hatte, nicht das Gesicht verliert, wird der Aufsichtsrat wohl erst in der Sitzung am 2. Mai über Pischetsrieders Zukunft entscheiden - dementsprechend verkündete der Aufsichtsrat, sich in der Klausur nur den konzernstrategischen Fragen widmen zu wollen. Im Moment spricht viel dafür, daß Pischetsrieder wiedergewählt wird. Eine Verschiebung dieser Entscheidung über den 2. Mai hinaus wäre ein Affront nicht nur gegenüber Pischetsrieder, sondern auch gegenüber denn VW-Aktionären, die sich am 3. Mai zur Hauptversammlung in Hamburg treffen. Ein solcher Vorgang würde auch den VW-Aktienkurs belasten, weil das Unternehmen dann weiterhin handlungsunfähig wäre.

Heilige Kühe schlachten

Erst wenn Pischetsrieder offiziell im Amt bestätigt ist, ist er stark genug für die schwierigen Verhandlungen über den Sanierungskurs. Und dafür braucht er viel Kraft. Denn sein umtriebiger VW-Markenchef Wolfgang Bernhard will einige heilige Kühe schlachten. VW lastet nur 80 Prozent seiner Produktionskapazitäten aus, wobei die Beschäftigung in den defizitären westdeutschen Werken noch schlechter ist. Im Stammwerk Wolfsburg liegt die Auslastung unterhalb von 60 Prozent. Daher erwägt der Vorstand nach Informationen dieser Zeitung, die Kapazitäten im Fahrzeugbau um bis zu 20 Prozent zu kürzen. Um dies zu bewerkstelligen, müßten wohl ganze Werksteile dichtgemacht werden. Darüber hinaus denkt Bernhard darüber nach, Teile der Komponentenfertigungen in Hannover, Kassel, Braunschweig und Wolfsburg zu schließen oder zu verkaufen.

Seit Anfang der neunziger Jahre wird in den westdeutschen VW-Werken an vier Tagen 28,8 Stunden in der Woche gearbeitet. Bernhard will damit Schluß machen und schrittweise zur 35-Stunden-Woche zurückkehren - ohne Lohnausgleich. Wenn die 100.000 VW-Mitarbeiter in Westdeutschland künftig länger arbeiten, verschärft sich indes das Problem des Personalüberhangs. Schließlich rechnet niemand in Wolfsburg mit einem plötzlichen Absatzboom. Daher wird intern darüber diskutiert, das Werk in Brüssel zu schließen und die dortige Golf-Produktion nach Wolfsburg zu verlagern.

Abbau von Arbeitsplätzen

Dennoch wird man auch am Stammsitz des Konzerns, wo fast 50.000 Menschen arbeiten, nicht um den Abbau von Arbeitsplätzen herumkommen. Zugleich muß Bernhard die Produktionsprozesse deutlich vereinfachen. Daß VW doppelt so lange braucht wie Wettbewerber, um ein Auto in der Golf-Klasse zu bauen, beruht zu einem großen Teil auf der viel zu aufwendigen Konstruktion der Fahrzeuge. „Wenn wir diese Probleme jetzt nicht lösen, steht langfristig das ganze Unternehmen auf dem Spiel“, mahnt Bernhard. Der frühere Daimler-Manager ist wild entschlossen, VW endlich auf Kurs zu bringen. Pischetsrieder muß ihm dabei den Rücken stärken. Nur wenn sich die beiden mit ihrem Sanierungsplan durchsetzen, ist der Aufwind für VW an der Börse gerechtfertigt.

Quelle: F.A.Z., 19.04.2006, Nr. 91 / Seite 22
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Jahrgang 1964, Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.

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