10.10.2005 · Delphi wird zum größten bisherigen Insolvenzfall in der amerikanischen Auto- und deren Zulieferindustrie. Auf Miteigentümer General Motors dürften Belastungen in Milliardenhöhe zukommen.
Der größte amerikanische Autozulieferer Delphi Corp., Troy im Bundesstaat Michigan, hat am Samstag einen Insolvenzantrag gestellt. Das verlustreiche Unternehmen zieht damit die Konsequenzen aus einer rapide verschlechterten Wirtschaftslage, die vor allem mit der Schwäche der Kunden aus der Automobilindustrie sowie mit hohen Rohstoffkosten zusammenhängt.
Delphi wird zum größten Insolvenzfall, den es in der amerikanischen Auto- und deren Zulieferindustrie jemals gegeben hat. Das Unternehmen hat sich vorgenommen, das Insolvenzverfahren bis Anfang oder Mitte 2007 wieder abzuschließen.
Auf General Motors werden milliardenschwere Belastungen zukommen
Der Gang zum Insolvenzrichter wird weitreichende Folgen haben: Die Belegschaft von Delphi muß sich auf tiefe Einschnitte einstellen. Daneben werden auf den ohnehin schon schwer angeschlagenen Automobilhersteller General Motors (GM) Corp., dem ehemaligen Mutterkonzern von Delphi, wohl weitere Belastungen in Höhe von mehreren Milliarden Dollar zukommen.
Die Insolvenz von Delphi hatte sich in den vergangenen Wochen schon abgezeichnet. Am Freitag stürzte die Aktie von Delphi an den amerikanischen Aktienmärkten um fast 50 Prozent auf 1,08 Dollar ab, weil sich die Signale für einen Gläubigerschutz gemehrt hatten. Mit dem Insolvenzantrag dürften die Papiere ganz wertlos geworden sein, weil Aktionäre bei Insolvenzverfahren üblicherweise leer ausgehen.
Auslandsgeschäft nicht unmittelbar betroffen
Delphi ist ein riesiger Insolvenzfall: Das Unternehmen beschäftigt weltweit 185.000 Mitarbeiter und hat im vergangenen Jahr einen Umsatz von 28 Milliarden Dollar erzielt. Delphi bringt Vermögenswerte von 17,1 Milliarden Dollar in die Insolvenz ein und hat 22,2 Milliarden Dollar Schulden. Für die Aufrechterhaltung des Geschäftsbetriebs während des Insolvenzverfahrens hat Delphi nach eigener Aussage ein Finanzpaket von 4,5 Milliarden Dollar gesichert, darunter eine Zwischenfinanzierung von 2 Milliarden Dollar von den beiden Großbanken J.P. Morgan Chase und der Citigroup. Das Auslandsgeschäft ist nicht unmittelbar vom Gläubigerschutzverfahren betroffen: Insolvenzanträge wurden für die Muttergesellschaft sowie für 38 amerikanische Tochtergesellschaften gestellt. In Amerika zählt Delphi rund 50.000 Mitarbeiter.
Der Insolvenzantrag nach Kapitel 11 des amerikanischen Konkursrechts, wie ihn Delphi gestellt hat, bedeutet nicht das Ende für ein Unternehmen. Vielmehr soll angeschlagenen Gesellschaften damit ermöglicht werden, ihren Fortbestand zu sichern und sich neu auszurichten - geschützt vor dem Zugriff der Kreditgeber und mit ausgeweiteten Möglichkeiten, bestehende Tarifvereinbarungen mit den Beschäftigten zu ändern. Delphi-Vorstandsvorsitzender Robert "Steve" Miller wies am Samstag darauf hin, daß der Betrieb auf der ganzen Welt aufrechterhalten werde. Außerdem versicherte er den Kunden, daß es keine Unterbrechungen in der Belieferung geben werde.
Mitarbeiter zählen zu den bestbezahlten der Branche
Gleichzeitig ließ Miller keine Zweifel daran, daß er radikale Einschnitte plant: Ein "substantieller Teil" der amerikanischen Fertigung soll nach den Vorstellungen Millers im Zuge des Insolvenzverfahrens verkauft, konsolidiert oder heruntergefahren werden. Weiter wies er darauf hin, daß Delphi sich die derzeitigen Tarifverträge mit seinen Mitarbeitern "einfach nicht mehr leisten" könne.
In der Tat zählen die Mitarbeiter von Delphi zu den am besten bezahlten in der gesamten amerikanischen Automobilzulieferindustrie. Das gilt vor allem für die 24.000 Beschäftigten, die der mächtigen Gewerkschaft UAW angehören, in der insgesamt mehr als 600.000 Arbeitnehmer organisiert sind. Inklusive aller Zusatzleistungen bezahlt Delphi seinen UAW-Mitarbeitern rund 65 Dollar in der Stunde, wohingegen viele Wettbewerber nur 25 Dollar zahlen. Der reine Stundenlohn liegt mit mehr als 26 Dollar ebenfalls deutlich über dem Branchenschnitt. Daneben gibt Delphi jedes Quartal 100 Millionen Dollar für eine sogenannte "Job-Bank" aus, die an 4000 freigestellte Mitarbeiter weiter Löhne und Zusatzleistungen ausbezahlt. Am vergangenen Donnerstag hatte Delphi von der UAW drastische Einschnitte gefordert, um eine Insolvenz noch abzuwenden, zum Beispiel eine Kürzung des Stundenlohns auf 10 bis 12 Dollar.
General Motors muß weitreichende Hilfe versagen
Eine Einigung war aber offenbar in weiter Ferne. Außerdem wäre dies nur einer von mehreren notwendigen Schritten gewesen, um eine Insolvenz zu vermeiden. Delphi hätte nach früheren Angaben von Delphi-Chef Miller auch von GM Zusagen über finanzielle Unterstützung erhalten müssen. Delphi wurde im Jahr 1999 von GM abgespalten, allerdings wurde damals vereinbart, daß GM Verpflichtungen wie Gesundheitsleistungen und Pensionen von Delphi übernehmen müßte, falls der Zulieferer einen Insolvenzantrag stellt. GM wollte den Umfang dieser Verpflichtungen nicht beziffern, Analysten schätzen die möglichen Belastungen auf 6 Milliarden Dollar und mehr. Die Ausgangsbasis für die Verhandlungen mit Delphi wurden von der Tatsache erschwert, daß auch GM wirtschaftlich schwer angeschlagen ist und auf dem amerikanischen Heimatmarkt in den beiden ersten Quartalen jeweils Verluste von mehr als einer Milliarde Dollar ausgewiesen hat.
Am Samstag hielt sich GM bedeckt. Das Unternehmen teilte mit, "keine unmittelbaren Auswirkungen" der Delphi-Insolvenz auf den eigenen Geschäftsbetrieb zu erwarten. Zu den Sozialleistungen sagte GM lediglich, der Autobauer habe bei der Delphi-Abspaltung "beschränkte Garantien" gegeben, die allerdings nicht automatisch bei der Stellung eines Insolvenzantrags wirksam würden. Daneben wies GM darauf hin, daß die Delphi-Insolvenz dem Autobauer auch finanziellen Nutzen bringen könnte: GM zahle wegen der ungünstigen Kostenstruktur von Delphi derzeit, gemessen an wettbewerbsfähigen Weltmarktpreisen, jährlich rund 2 Milliarden Dollar zuviel für Autoteile. Mit einer Restrukturierung im Insolvenzverfahren könne diese Lücke im Laufe der Zeit geschlossen werden. GM ist noch heute bei weitem der wichtigste Kunde von Delphi und steht für rund die Hälfte des Gesamtumsatzes.
Die Insolvenz von Delphi ist der bisherige Höhepunkt in der derzeitigen Krise der Autozulieferindustrie. Mehrere kleine Unternehmen haben in den vergangenen zwölf Monaten schon einen Insolvenzantrag gestellt, zum Beispiel Tower Automotive oder Collins & Aikman. Der zweite große amerikanische Zulieferer Visteon mußte sich kürzlich von seiner ehemaligen Muttergesellschaft Ford in einer Notaktion zu Hilfe kommen lassen und hat seine gesamte nordamerikanische Fertigung an Ford abgegeben. Visteon wurde im Jahr 2000 von Ford abgespalten und hat seither kein einziges Mal Jahresgewinn ausgewiesen. Delphi hat in drei der vergangenen sechs Jahre Verlust gemacht, im vergangenen Jahr waren es 4,7 Milliarden Dollar.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.379,57 | −1,05% |
| Dow Jones | 12.580,70 | +1,01% |
| EUR/USD | 1,2448 | −0,33% |
| Rohöl Brent Crude | 105,48 $ | −1,28% |
| Gold | 1.579,50 $ | +0,31% |
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