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Automobile General Motors am Abgrund

18.10.2005 ·  Nach dem Zusammenbruch des Zulieferers Delphi steht General Motors vor immer größeren Problemen und geht mit Notfallaktionen in die Offensive. Ohne bessere Verkaufszahlen wird eine Sanierung des Konzerns schwierig.

Von Roland Lindner, New York
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Ist General Motors auf dem Weg in die Insolvenz? Nach dem Kollaps des Zulieferers Delphi richten sich nun die Blicke auf den weltgrößten Autohersteller aus Detroit. Der Zusammenbruch der früheren Tochtergesellschaft ist eine neue Bedrohung für den finanziell angeschlagenen Autobauer.

Die verheerenden Quartalszahlen zwingen GM offenbar zu Notaktionen: Mit der Autogewerkschaft UAW hat sich das Unternehmen über Zugeständnisse bei den Gesundheitsleistungen geeinigt. Außerdem hat der Autobauer den Verkauf eines Teils seiner Finanzsparte GMAC in Aussicht gestellt, die als Perle des Unternehmens gilt. Offenbar ist der Handlungsbedarf so groß wie nie, zumal sich im Autogeschäft keine Besserung abzeichnet. Umfragen unter Autohändlern zufolge könnte der Oktober für General Motors ein katastrophaler Verkaufsmonat werden.

Zeitenwende für die amerikanische Autoindustrie

Die Insolvenz von Delphi ist für General Motors ein Alarmsignal, weil beide Gesellschaften ähnliche Probleme haben. Beide Unternehmen leiden unter hohen Personalkosten, die sie wegen Tarifvereinbarungen mit der Autogewerkschaft zu tragen haben. Außerdem ist der Zusammenbruch von Delphi auch ein Ergebnis der miserablen Verkaufszahlen von General Motors auf dem wichtigen amerikanischen Heimatmarkt, weil der Zulieferer fast die Hälfte seines Umsatzes mit GM erzielt.

Aller Voraussicht nach wird das Insolvenzverfahren von Delphi ein neues Milliardengrab für GM aufreißen. Denn noch immer hat der Autobauer Verpflichtungen für Pensions- und Gesundheitsleistungen bei Delphi in Höhe von bis zu 12 Milliarden Dollar. Einen großen Schaden könnte auch ein Streik bei Delphi anrichten, falls sich die Mitarbeiter gegen Lohneinschnitte wehren, mit möglichen Versorgungsengpässen und teuren Produktionsausfällen.

In der Folge könnte die Insolvenz von Delphi sogar eine Zeitenwende für die amerikanische Autoindustrie einläuten. Die Autoindustrie ist eine der letzten verbliebenen Bastionen in den Vereinigten Staaten mit mächtigen Gewerkschaften. Diese haben den Unternehmen bislang üppige Löhne und Sozialleistungen abgerungen, die es in ihrer Gesamtheit mit den Tarifvereinbarungen der IG Metall in Deutschland aufnehmen können. Hingegen haben andere traditionelle amerikanische Industrien die früher komfortablen Entlohnungspakete für ihre Mitarbeiter gekappt, weil sie im globalen Wettbewerb zurückgefallen sind. Ein Beispiel ist die Stahlindustrie, die nach einer Insolvenzwelle vor einigen Jahren nun wieder auf die Beine gekommen ist - verschlankt und mit geschwächten Gewerkschaften.

Wenig Fortschritte bei Personalkostensenkung

Der Zusammenbruch von Delphi - der bislang größte in der Branche - läutet nun die Veränderungen in der Autoindustrie ein. Vorstandschef Steve Miller hat drastische Schritte angekündigt. Er will Gehälter und Sozialleistungen um 60 Prozent und mehr kürzen. Das von Überkapazitäten geplagte Geschäft soll gesundgeschrumpft werden. Miller kann sich vorstellen, daß Delphi künftig mit einem um ein Drittel niedrigeren Jahresumsatz arbeitet. Die Gewerkschaft UAW wird sich wahrscheinlich dagegen wehren, doch letztlich wird sie die Einschnitte nicht verhindern können.

Im Vergleich dazu waren die bisherigen Sanierungsbemühungen von General Motors unter Führung von Vorstandschef Rick Wagoner zaghaft. Noch immer leistet sich der Autobauer unter einem Dach acht große Markenfamilien, die sich an vielen Stellen überschneiden. Daran haben selbst die besonders schlechten Absatzzahlen von Buick bislang nichts geändert. Außerdem hat es General Motors in den vergangenen Jahren versäumt, seine Modellpalette attraktiver zu machen. Es fehlt an Verkaufsschlagern, die dem schleppenden Geschäft eine Wende geben könnten.

Auch bei der Senkung der Personalkosten kommt das Unternehmen nur langsam voran. Die Einigung mit der Autogewerkschaft ist zwar ein echter Erfolg, doch sie könnte schon bald von wieder steigenden Kosten für Gesundheitsdienste aufgezehrt werden.

Nicht gefeit gegen einen Zusammenbruch

Die Ankündigung im Juni, bis zum Jahr 2008 rund 25.000 Stellen in Amerika abzubauen, war gar nicht so spektakulär, weil sie im Kern eine Fortschreibung vergangener Personalabbaupläne ist. Auch darin drückt sich der Widerstand der Gewerkschaften gegen größere Einsparungen aus. Die Insolvenz von Delphi war in den jüngsten Verhandlungen ein Druckmittel für die Einigung mit der Gewerkschaft - und sie wird es wohl auch in künftigen Verhandlungen sein.

General Motors wird noch von einer anderen Seite unter Druck geraten: dem neuen Großaktionär Kirk Kerkorian, der knapp 10 Prozent der Anteile hat. Kerkorian hat sich zunächst nur als passiver Investor bezeichnet. Nun aber hat er einen Anspruch auf eine Vertretung im Verwaltungsrat angemeldet. Bestimmt wird er auf weitere Veränderungen pochen: auf der Kosten- und auf der Produktseite.

Mit den Ankündigungen zum Wochenauftakt hat General Motors mehr Entschlossenheit als bislang gezeigt. Die Krise kann damit allein jedoch nicht gemeistert werden. Wenn die Verkaufszahlen nicht besser werden, wird das Unternehmen nicht aus der Verlustzone kommen. Das kann sich selbst ein Autoriese wie General Motors nicht lange leisten. Wenn dann noch Sonderbelastungen wie aus der Delphi-Insolvenz dazukommen, wird das Finanzpolster immer unbequemer.

General Motors wird weder heute noch morgen einen Insolvenzantrag stellen. Denn das Unternehmen verfügt über genügend liquide Mittel (rund 19 Milliarden Dollar). Trotzdem ist selbst General Motors nicht gegen einen Zusammenbruch gefeit, wenn das Geschäft nicht saniert wird. Der Niedergang von Delphi und das Engagement von Kirk Kerkorian könnten Katalysatoren hierfür sein.

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Jahrgang 1970, Wirtschaftskorrespondent in New York.

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