20.05.2005 · Die Horrorszenarien einer Insolvenz machen sich breit: Vielleicht werden schon bald bei dem Traditionskonzern General Motors die Bänder stillstehen. Gegen einen Zusammenbruch ist auch ein solches Imperium nicht gefeit.
Von Roland Lindner, New YorkDie Schreckensnachrichten aus Detroit nehmen kein Ende. Der größte Autohersteller der Welt, General Motors (GM), verliert erdrutschartig Marktanteile, zugleich eskalieren die Kosten für Gesundheitsleistungen. Das erste Quartal schloß mit einem Milliardenverlust, die Liquidität schmilzt dahin, und zuletzt folgte dann auch noch eine Herabstufung der Kreditbewertung auf das Niveau von Ramschanleihen.
Dazu kommt die Ungewißheit über die Absichten des neuen Investors Kirk Kerkorian. Die Restrukturierung der deutschen Tochtergesellschaft Opel erscheint da nur noch als Nebenschauplatz. Jetzt steht die Zukunft des Gesamtkonzerns auf dem Spiel. Die Horrorszenarien einer Insolvenz machen sich breit: Werden bei dem Traditionskonzern bald die Bänder stillstehen?
Desolate Lage
Ohne Zweifel steckt GM in einer der schwersten Krisen seiner Geschichte, und es ist erschütternd, wie schnell sich die Situation zugespitzt hat. Kern der Schwierigkeiten ist das Autogeschäft in Amerika: Der lange Zeit schleichende Prozeß - GM verliert seit Jahrzehnten kontinuierlich Marktanteile - ist in den Absturz gemündet. Seit Jahresbeginn meldet der Konzern Monat für Monat teils dramatische Absatzeinbrüche. Das betrifft vor allem das lukrative Geschäft mit Großraumautos wie den wuchtigen Sportwagen (Sport Utility Vehicles).
Noch im Schlußquartal 2004 schaffte GM im amerikanischen Autogeschäft einen Gewinn von 416 Millionen Dollar, in den ersten drei Monaten dieses Jahres gab es einen Verlust von 1,3 Milliarden Dollar. Wenn das Unternehmen in diesem Jahr überhaupt einen Gewinn erzielt, was äußerst ungewiß ist, dann nur aufgrund der Finanzsparte. Die Autoproduktion selbst ist ein Zuschußgeschäft. Die Lage ist so desolat, daß die Liquidität angegriffen wird: Der Bestand an flüssigen Mitteln im Autogeschäft ist innerhalb von nur drei Monaten um satte 15 Prozent auf 19,8 Milliarden Dollar geschrumpft.
Keine Entlastung absehbar
Von den verfügbaren Finanzmitteln hängt es ab, ob das Schreckgespenst eines Insolvenzantrags Wirklichkeit wird. Mit den im Moment inklusive Barbeständen der Finanzsparte verfügbaren 38 Milliarden Dollar scheint ein Gang zum Insolvenzrichter unwahrscheinlich. Das Bild kann sich aber ändern, wenn der Liquiditätsabfluß nicht gestoppt wird.
Auf ein Ende der Geldvernichtung deutet wenig hin. Im Gegenteil, die Belastungen werden immer höher. Die Kosten für die Gesundheitsversorgung der Mitarbeiter und Pensionäre, die General Motors aufgrund großzügiger Vereinbarungen mit den Gewerkschaften fast vollständig übernimmt, werden in diesem Jahr deutlich auf 5,6 Milliarden Dollar steigen. Die jüngste Herabstufung des Ratings wird die Zinsaufwendungen erhöhen. Eine Entlastung auf der Absatzseite durch bessere Verkaufszahlen ist derweil nicht absehbar.
Drastischere Schritte notwendig
Eine Branchenweisheit besagt, daß ein Autohersteller keine Probleme haben kann, die sich nicht mit guten Autos lösen ließen. Blickt man auf den Wettbewerber Chrysler, kann man dem zustimmen: Die amerikanische Tochtergesellschaft von Daimler-Chrysler steckte noch vor wenigen Jahren tief in der Verlustzone. Mittlerweile geht es dem Unternehmen glänzend, vor allem dank des Erfolgs der neuen Limousine 300. So schnell kann GM aber nicht aufholen.
Das Unternehmen ist weitaus größer als Chrysler, und ein einzelnes Zaubermodell hellt das Bild nicht schlagartig auf. Daß General Motors in diesem Jahr endlich ein paar potentielle Trumpfkarten wie den Roadster Pontiac Solstice im Programm hat, ist ermutigend, aber nicht genug. Bei GM sind drastischere Schritte notwendig. Doch davor schreckt das Management unter der Führung von Rick Wagoner bislang zurück. Dabei ist es nur ein Teil der Lösung, den Gewerkschaften so schnell wie möglich Zugeständnisse bei den Gesundheitsleistungen abzuringen.
Das kleinere Übel
Die veränderte Marktlage erfordert eine ganz andere Konzernstruktur. Das Unternehmen leistet sich derzeit in Amerika eine über acht Marken verstreute riesige Produktpalette, die sich an allen Ecken und Enden überschneidet. GM muß sich vom Anspruch des Vollsortimenters verabschieden, seine Marken klar positionieren und Mitläufermodelle ausmustern. Es darf kein Tabu sein, schwächelnde Markenfamilien wie Buick ganz in Frage zu stellen.
Das alles wäre sehr schmerzhaft: GM müßte weitere Marktanteilsverluste hinnehmen, der damit verbundene Kapazitäts- und Personalabbau würde sehr teuer. Aus heutiger Sicht erscheint dies aber als das kleinere Übel. Sieht der Konzern weiter tatenlos zu, drohen sich die Verluste und der Liquiditätsabfluß fortzusetzen. Es wäre durchaus im Interesse von GM, wenn Neuaktionär Kerkorian hier Druck ausüben würde, auch wenn er sich bislang nur als passiver Investor beschreibt.
Gegen Zusammenbruch nicht gefeit
Die Insolvenzgefahr ist reell, aber nicht akut. Sollte sich der Gang zum Konkursrichter nicht vermeiden lassen, kämen die Folgen einem Erdbeben gleich: eine Radikalverschlankung, die Massenentlassungen zur Folge hätte, sowie ein teilweiser bis totaler Verlust der Investition für Anleihegläubiger und Aktionäre. Die Fließbänder stünden aber nicht automatisch still, ebensowenig, wie bei der seit zweieinhalb Jahren insolventen Fluggesellschaft United Airlines der Flugbetrieb eingestellt wurde.
Ein Gläubigerschutzverfahren nach Chapter 11 des amerikanischen Konkursrechts dient der Restrukturierung und nicht der Liquidierung. Gleichwohl ist eine Insolvenz ein Schreckensszenario. Es gibt genügend Fälle amerikanischer Unternehmen, von denen nach einem Insolvenzantrag letztlich wenig bis gar nichts übriggeblieben ist. Auch ein Imperium wie General Motors ist nicht gegen einen Zusammenbruch gefeit.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.379,57 | −1,05% |
| Dow Jones | 12.580,70 | +1,01% |
| EUR/USD | 1,2448 | −0,33% |
| Rohöl Brent Crude | 105,48 $ | −1,28% |
| Gold | 1.579,50 $ | +0,31% |
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