Home
http://www.faz.net/-gqi-pz1l
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Sonntag, 12. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Automobile Die grauen Geschäfte des Herrn Attinger

27.03.2005 ·  Ein zwielichtiger Bauunternehmer verschachert Tausende Mercedes ins Ausland. Wie macht er das? Er besticht die Leute vom Daimler-Vetrieb. Sagen die Staatsanwälte.

Von Georg Meck
Artikel Bilder (3) Lesermeinungen (0)

Franz Attinger hat sich nichts vorzuwerfen. Gar nichts. Das behauptet er zumindest. Natürlich habe er Privathäuser für Daimler-Manager gebaut - keine Frage. Auch den schwunghaften Handel mit Mercedes-Autos leugnet er nicht: "In guten Jahren habe ich 2000 Autos verkauft." Daran kann er nichts Unanständiges finden: "Das wußte Daimler." Alles legal, alles regulär. Ganz normale Geschäfte. Sagt er.

Die Stuttgarter Staatsanwälte sehen das anders: Für sie ist Franz Attinger, 53 Jahre alt und eigentlich Anbieter von Ladeneinrichtungen, die Schlüsselfigur im Schmiergeld-Skandal bei Daimler-Chrysler. Am vorigen Mittwoch haben die Ermittler seine Geschäftsräume in Schwaben durchsucht, ebenso die Wohnungen inzwischen gefeuerter Daimler-Manager. Bei der Razzia haben sie in 13 Objekten Unterlagen sichergestellt. "Untreue zum Nachteil der Daimler-Chrysler AG und Bestechlichkeit im geschäftlichen Verkehr durch die Entgegennahme von Sachzuwendungen", lautet der Verdacht der Staatsanwälte. Im Klartext: Franz Attinger soll die Mercedes-Manager bestochen haben, um günstig an fabrikneue Nobelfahrzeuge zu kommen und die dann im Ausland zu verschachern. Am regulären Vertrieb vorbei.

Schrempp tobte

"Macht mir diesen Stall sauber", hat Daimler-Chef Jürgen Schrempp angeblich getobt, als der Skandal ruchbar wurde. Das erste Opfer war Daimler-Chrysler-Vertriebschef Eckhard Panka, der in den Ruhestand geschickt wurde. Auch die Geschäftsführer Jürgen Fahr und Walter Missing erhielten die fristlose Kündigung. Gut möglich, so heißt es in Stuttgart-Möhringen, daß noch mehr Vertriebsmanager gehen müssen, wenn erst die Innenrevision ihre Arbeit abgeschlossen hat.

Der Schaden, den die Graumarkt-Connection angerichtet hat, wird die Bilanz von Daimler-Chrysler nicht erschüttern. Es geht bei der Affäre nicht um das große Geld, wohl aber um Ruf und Ansehen des Weltkonzerns. Warum läßt sich Mercedes auf einen zwielichtigen Partner wie Attinger ein? Und vor allem: Was wußte die Konzernführung von den Verkaufspraktiken? Diese Fragen sind es, die den Fall für Vorstandschef Schrempp und seinen Kronprinzen, den neuen Mercedes-Chef Eckhard Cordes, ziemlich peinlich machen.

Daimler-Chrysler nicht allein im Verdacht

Nicht nur Daimler-Chrysler, mehr oder weniger alle Autohersteller stehen seit geraumer Zeit im Verdacht, daß sie über den sogenannten grauen Markt abseits des offiziellen Händlernetzes und mit saftigen Nachlässen ihre Absatzzahlen nach oben treiben. Cordes persönlich sei in das Spiel seit seiner Zeit als Vorstand der Nutzfahrzeug-Sparte "bestens involviert", schreibt gar ein Fachblatt. Von dem weithin unverkäuflichen Vaneo habe Cordes "Zigtausende Fahrzeuge mit 40 bis 50 Prozent Rabatt an Händler wie uns abgegeben", behauptet Franz Attinger.

Wohlgemerkt, die Verkäufe über den grauen Markt sind per se nicht illegal. Bei Daimler-Chrysler verstoßen sie gegen interne Richtlinien, sie verärgern die offiziellen Händler - mehr nicht. Kriminell wird die Sache erst dann, wenn sich die Zwischenhändler ihre Rabatte durch falsche Angaben ("Firmenwagen") erschleichen oder sich die Vertriebsmanager durch Bestechung gefügig machen.

Sonderkonditionen zum Jahresende

Genau dies wird Franz Attinger vorgeworfen. Und von diesem bestritten: "Die Mercedes-Leute haben nie etwas gefordert, sie haben nie etwas bekommen." Er habe die Autos "ganz offiziell" über Mercedes-Niederlassungen erworben, "zu Bedingungen wie jeder Händler". Nur gegen Jahresende, wenn die Daimler-Stützpunkte den vollen Hof räumen wollten, habe es Sonderkonditionen gegeben. "Es war im Konzern bekannt, daß wir große Mengen abnehmen."

Ursprünglich in der Möbelbranche aktiv, hat sich Attinger Ende der achtziger Jahre erstmals als Autohändler versucht. Über Zeitungsinserate hat er Mercedes, Porsche und Ferrari verhökert. Weltweit, schnell und zuverlässig, wie er sagt. "Ein Russe hat morgens angerufen, daß er einen Mercedes braucht, nachmittags kam er vorbei und hat für 100 000 Euro einen Wagen mitgenommen."

Attinger bereits einmal verurteilt

Im Zusammenhang mit den Autogeschäften hat das Landgericht Berlin Attinger im Herbst bereits wegen Bestechung und Steuerhinterziehung den Prozeß gemacht und ihn zu viereinhalb Jahren Gefängnis verurteilt. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig, da Attinger Revision eingelegt hat. Deswegen ist er auch auf freiem Fuß, nach fast einem Jahr Untersuchungshaft in Berlin-Moabit.

Den aktuellen Fall hat ein Bericht über die angebliche Geliebte des altgedienten Mercedes-Vertriebschefs Panka ins Rollen gebracht. Deren Haus auf Mallorca sei auf Firmenkosten errichtet worden - unter anderem von jenem Herrn Attinger aus Pfaffenhofen an der Roth, der außerdem Mercedes-Autohäuser baut, Mercedes-Autos verkauft und den auffallend viele Mercedes-Manager auch privat zum Baumeister ihres Vertrauens erkoren haben. Er habe auf Mallorca lediglich eine Balkendecke geliefert, wehrt sich Attinger; und die sei ordnungsgemäß bezahlt und verbucht worden. "Die Rechnungen habe ich den Staatsanwälten übergeben."

Mehr als 500 Bauvorhaben hat Attinger nach eigenen Angaben über die Jahre für den Autokonzern erledigt. Wenn er jetzt kriminalisiert werde, so spinnt er seine Verschwörungstheorie, liege die Ursache in den internen Machtkämpfen bei Daimler: "Cordes, vielleicht auch Schrempp wollen ihnen nicht genehme Manager loswerden, deswegen diese Schmutzkampagne. Und ich bin das Schlachtopfer." Die Staatsanwälte haben viel zu tun.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 27.03.2005, Nr. 12 / Seite 37
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Mit Schulden

Von Johannes Ritter

Die Stadt Hamburg will ihren Anteil an der Reederei Hapag-Lloyd aufstocken. Solche ordnungspolitischen Sündenfälle haben in der Hansestadt Tradition. Mehr 1

10.02.2012 17:45 Uhr
  Vortag
Dax 6.692,96 −1,41%
 OK
10.02.2012
Name Kurs Prozent
DAX 6.692,96 −1,41%
FAZ-INDEX 1.495,13 −1,32%
TecDAX 769,89 −0,43%
MDAX 10.249,10 −1,04%
SDAX 4.985,13 −0,71%
REX 421,06 −0,02%
Eurostoxx 50 2.480,76 −1,65%
F.A.Z. EURO INDEX 80,01 −1,60%
Dow Jones 12.801,20 −0,69%
Nasdaq 100 2.547,32 −0,65%
S&P500 1.342,64 −0,69%
Nikkei225 8.947,17 −0,61%
EUR/USD 1,3195 −0,67%
Rohöl Brent Crude 117,61 $ −0,91%
Gold 1.711,50 $ −2,09%
Bund Future 138,62 € +1,01%