20.09.2006 · Für Daimler-Chrysler-Chef Dieter Zetsche ist die große Show zunächst vorbei: Nach der Gewinnwarnung gibt er sich unzufrieden: „Hoffnung mag nicht die beste Basis für Management-Entscheidungen sein.“
Von Susanne PreussDaimler-Vorstandschef Dieter Zetsche mangelt es nicht an Selbstironie: „Ich habe eine Glatze und einen großen Schnurrbart. Ich spreche Englisch mit kleinem Akzent und habe auch sonst kein Problem, mich zum Narren zu machen“ - so hat er sich einmal beschrieben. Das mit dem Narren schien geradezu Programm zu werden. Als Zetsche noch Chrysler-Chef war, schickte man ihn mit Blondinen im Arm oder mit einer E-Gitarre auf die Bühne und zum abendlichen Bierzapfen an die Journalisten-Bar, nach seiner Berufung zum Mercedes-Chef wechselte er auf der IAA in Frankfurt vom feuerroten Jeep in die nagelneue noble S-Klasse und zeigte sich auf der Tokio Motor Show Bach-spielend mit Violine.
In diesem Sommer machte sich der zuvor als Chrysler-Sanierer gefeierte Vorstandschef gar zur Hauptfigur einer Kampagne für Chrysler, mit Werbespots im Fernsehen und Zetsches Antlitz als Großplakat an der Fassade der Chrysler-Zentrale in Auburn Hills. In dieser Zeit mutierte Dieter Zetsche zu „Dr. Z.“: die Comicfigur dieses Namens, mit Glatze und Schnurrbart, beantwortet auf der Internet-Seite Dr. Z. Fragen nach den Produkten des Konzerns und dem Sinn des Zusammenschlusses von Daimler und Chrysler: 5.834.776 Fragen wurden bis gestern nachmittag beantwortet.
An die lustige Comicfigur erinnert nur noch wenig
Der leibhaftige Dr. Z. freilich beantwortete gestern nachmittag in seiner Rolle als Vorstandsvorsitzender von Daimler-Chrysler ganz andere Fragen - die der versammelten Finanzanalysten, die am vergangenen Freitag aus heiterem Himmel vernehmen mußten, Chrysler werde im dritten Quartal 1,2 Milliarden Euro Verlust machen, und das Ergebnis des Gesamtkonzerns werde schlechter ausfallen als erwartet.
An die lustige Comicfigur Dr. Z. erinnerte gestern nichts mehr, auch nicht an den Showman aus den Messehallen. Gestern gab Zetsche den Zerknirschten. „Ich bin mehr als unzufrieden“, stellte er gleich klar. Man habe gehofft, im Sommer durch satte Rabatte die Verkäufe ankurbeln zu können, und als es zunächst nicht gelang, habe man gehofft, es eben im nächsten Monat zu schaffen, vergeblich. „Hoffnung“, räumte der Vorstandschef vor den Analysten ein, „mag nicht die beste Basis für Management-Entscheidungen sein.“
Flucht nach vorn
Das klang freilich nicht nur zerknirscht, sondern enthielt auch einen handfesten Vorwurf an das Management der Chrysler-Sparte, deren Vormann Tom LaSorda bei der Konferenz im übrigen nicht anwesend war. Es sei nicht sinnvoll zu zögern, wenn man sehe, daß Pläne und deren Verwirklichung allzu weit auseinanderklafften, fügte Zetsche nämlich an, und vergaß nicht auf seine eigenen unpopulären Entscheidungen in den vergangenen Monaten zu verweisen.
Dieter Zetsche hat damit die Flucht nach vorn angetreten. Dem 53 Jahre alten Daimler-Chef, der sein ganzes Berufsleben - beginnend mit seiner Diplomarbeit - bei dem Stuttgarter Konzern verbracht hat, war sofort klar, daß der vergangene Freitag ihn entzaubert hat. Bisher applaudierte man Zetsche, weil er den Feuerwehrmann spielte, bei Chrysler zunächst, und seit einem Jahr auch in Stuttgart, wo er bei Mercedes einen strammen Personalabbau anschob, den Smart auf ein einziges Modell zurückstutzte, die Konzernzentrale von der grünen Wiese zum Werk Untertürkheim zurückverlegte und die Verwaltung radikal nach Doppelarbeiten durchforstete.
Große Glaubwürdigkeit
Mit all seinen unangenehmen Wahrheiten begab sich Zetsche jeweils persönlich zu den Betroffenen, was Zetsche vor allem eins bescherte: eine große Glaubwürdigkeit. Nach Jahren, in denen Jürgen Schrempp als Daimler-Chef immer wieder große, aber leere Versprechungen gemacht hatte, erschien Zetsche damit geradezu als Heilsbringer. Anfang Mai untermauerte Zetsche seinen Optimismus, indem er für fast eine Million Euro Daimler-Aktien kaufte. Heute ist das Paket rund ein Zehntel weniger wert. Und nicht nur deswegen wird er freundlich-bestimmt dafür sorgen, daß Anspruch und Wirklichkeit bei Daimler-Chrysler in Zukunft nicht mehr so schnell auseinanderklaffen.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.378,60 | −1,12% |
| Dow Jones | 12.580,70 | +1,01% |
| EUR/USD | 1,2449 | −0,32% |
| Rohöl Brent Crude | 105,50 $ | −1,26% |
| Gold | 1.579,50 $ | +0,31% |
Anonym bewerben? Ist das gut?