08.11.2006 · Audi-Chef Martin Winterkorn soll 2007 das Steuer bei Europas größtem Autokonzern VW übernehmen. Mit VW-Aufsichtsratschef Piëch verbindet ihn eine einge Freundschaft; die Wege der beiden Manager haben sich beruflich schon oft gekreuzt.
Von Marcus TheurerDer Termin am Montag in München war einer der letzten im alten Leben von Martin Winterkorn. Vor der Staatskanzlei drückte der Audi-Chef Edmund Stoiber persönlich die Schlüssel für dessen neuen Dienstwagen in die Hand. Erstmals fahre der bayerische Ministerpräsident nun neben BMW auch Audi, jubelten Winterkorns Presseleute.
Das Auto - ein silbergrauer A8 mit 12 Zylindern und 450 PS - ist so ganz nach dem Geschmack des designierten VW-Chefs: Groß, gediegen verarbeitet, im Innenraum teures Leder und Edelholz wohin das Auge blickt. Winterkorn ist ein detailversessener Autonarr und Qualitätsfanatiker. „Ich kenne jede Schraube an unseren Autos“, sagt er.
Er wird sich umstellen müssen
Am Dienstag abend hat das neue Leben von Martin Winterkorn begonnen. Um 18.39 Uhr lief die Ad-hoc-Meldung von Volkswagen über die Ticker der Nachrichtenagenturen: Winterkorn soll im Januar VW-Chef werden. Für Termine wie den mit Stoiber wird er in Wolfsburg wohl keine Zeit mehr haben. Und daß Winterkorn, der bei Audi in Personalunion auch Entwicklungschef ist, wie bisher selbst beim Design von Leichtmetallfelgen mitentscheidet, ist nur schwer vorstellbar.
Er wird sich umstellen müssen: Der Automann blüht auf, wenn er von Schweißnähten und Nockenwellen erzählt. Cash-Flow und Nachsteuerrenditen sind seine Welt nicht, das hört man dem promovierten Metallurgen an. Doch beim wirtschaftlich kriselnden Volkswagen-Konzern wartet auf ihn anders als bei dessen florierender Tochter Audi die Mühsal der Ebene.
Und dennoch ist der Wechsel nach Niedersachsen ein Triumph für den 59 Jahre alten Schwaben aus Leonberg bei Stuttgart. Als enger und stets loyaler Vertrauter von VW-Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch ist er immer wieder als Nachfolge-Kandidat für den wankenden Vorgänger Pischetsrieder gehandelt worden. Er war stets klug genug, abzuwiegeln. Jetzt sieht es so aus, als schaffe Winterkorn den Sprung an die VW-Spitze doch noch.
Handfest und polterig
Der neue Chef wird in Wolfsburg vermutlich für einen anderen Ton sorgen. Seinem gescheiterten Vorgänger Pischetsrieder, einem zurückhaltenden, überlegten Bayern, ist mangelnde Entscheidungsfreude und Führungskraft angekreidet worden. Der bodenständige Winterkorn ist da von anderem Kaliber: Er mag es handfest. Wohlgesonnene beschreiben ihn als impulsiv und manchmal polterig. Die anderen nennen ihn einen Choleriker, der Mitarbeiter mit Jähzornanfällen in Angst und Schrecken versetze. „Wenn die Altersmilde durchkommt, setze ich mich hoffentlich rechtzeitig zur Ruhe“, sagt Winterkorn selbst. Man darf gespannt sein, wie die Zusammenarbeit mit dem selbstbewußten Chef der Marke VW, Wolfgang Bernhard, funktionieren wird.
Winterkorn und seinen Förderer Piëch eint ihre Technikvernarrtheit und das Streben nach Perfektion. Für den Audi-Chef ist ein Auto „ein Kunstwerk“ und damit meint er nicht Brot-und-Butter-Wagen vom Zuschnitt eines VW Golf. In seiner Zeit als VW-Entwicklungschef entwarf er in den neunziger Jahren für Piëch die technisch hervorragende aber im Verkauf grandios gefloppte Oberklasse-Limousine Phaeton. Manchmal war Winterkorns Perfektionismus auch kontraproduktiv: Der aktuelle Golf, dem er eine besonders aufwendige Hinterachse spendierte, gilt in der Produktion als zu teuer.
Seit 2002 auf Wachstumskurs
Bei Audi steht Winterkorn für Boliden wie den wuchtigen Edel-Geländewagen Q7 oder den Mittelmotor-Renner R8. Die gut 100.000 Euro teure Flunder ist sein liebstes Prestige-Projekt und die Entwicklung des Q7 hat Winterkorn vor vier Jahren an seinem allerersten Arbeitstag in der Ingolstädter Audi-Zentrale in Auftrag gegeben.
In der Öffentlichkeit genießt der Audi-Chef als „Herr der Ringe“ bisher den Nimbus des Erfolgsmanagers. Und tatsächlich hat er Audi seit 2002 mit großem Engagement auf Wachstumskurs gehalten. Winterkorns rührige PR-Abteilung verkauft die Erfolge freilich auch bestens. Gerne mißt sich der Audi-Chef etwa mit dem Oberklasse-Rivalen BMW.
Dort verweist man dagegen darauf, daß die eigenen Verkaufszahlen in den vergangenen Jahren deutlich stärker gewachsen seien als die von Audi. Und daß zu der von Winterkorn geführten „Markengruppe Audi“ auch der seit vielen Jahren notleidende spanische Hersteller Seat gehört, hängt in Ingolstadt - anders als die monatlichen Absatzrekorde der Stammarke - niemand an die große Glocke.
Gewiß haben sich am VW-Stiefkind Seat haben sich schon andere vor ihm die Zähne ausgebissen. Doch auch Winterkorn ist den Beweis schuldig geblieben, daß er das Unternehmen sanieren kann. Großen Ehrgeiz soll er dabei auch nicht gezeigt haben. „Winterkorn hat lieber die Ringe poliert“, sagt ein Spötter in Ingolstadt. In Wolfsburg sei es damit nicht getan, warnen Skeptiker.
| Name | Kurs | Prozent |
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