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Autoindustrie Ringen um den Ruf nach Staatshilfe

 ·  Ein neuer Eklat im Opel-Werk Bochum wird zum Symbol für die Absatzkrise der Massenhersteller in Europa: Fiat reduziert seine Investitionen, Peugeot verkauft sein Tafelsilber. Noch ist Staatshilfe tabu.

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© dpa Den nächsten Grande Punto bringt Fiat aus Geldmangel erst später: Produktion im Turiner Werk Mirafiori

Bei Opel hat sich am Wochenende ein Eklat ereignet. Die Belegschaft des Bochumer Werkes, das Ende 2016 geschlossen werden soll, hat in einer Belegschaftsversammlung am Samstag das Management brüskiert. Der Bochumer Betriebsratschef Rainer Einenkel hatte zuvor eine Standortgarantie für das Werk über das Jahr 2016 hinaus gefordert. Opel-Chef Karl-Friedrich Stracke und der ebenfalls anwesende Personalvorstand Holger Kimmes signalisierten jedoch, dass eine derartige Zusage von ihnen nicht zu erhalten sei. Daraufhin verließen 2000 Opel-Arbeiter den Versammlungssaal, so dass keiner der beiden Manager mehr das Wort an sie richten konnte, berichtete Einenkel. Die Veranstaltung sei dann beendet worden.

Der Eklat bei Opel ist nur ein Symptom der aktuellen Krise der Massenhersteller in Europa. Die Absatzschwäche in Westeuropa spitzt sich zu. So schrumpften die Neuwagenverkäufe in den ersten fünf Monaten des Jahres um 7 Prozent auf 5,6 Millionen Einheiten. Im Mai ist der Markt den achten Monat hintereinander eingeknickt. Für 2012 erwarten Fachleute, dass Europas Automarkt das fünfte Jahr hintereinander schrumpft und nur noch 12,4 Millionen Autos verkauft werden. Das wären drei Millionen weniger als 2007 und so wenige wie seit 1996 nicht mehr. Mit einer baldigen Erholung ist nicht zu rechnen.

Diskussionen über neue Freihandelsabkommen

Anders als ihre Billigkonkurrenten in Frankreich und Italien konnten die deutschen Premiumhersteller Audi, BMW und Mercedes die Krise in Europa bisher durch Exporte nach Amerika, China und in weitere Schwellenländer ausgleichen. Doch nun verschlechtert sich auch die Lage auf dem weltweit fünftgrößten Automarkt Brasilien. Der brasilianische Markt schrumpfte im Mai um 9 Prozent, weil die dortigen Banken weniger Konsumkredite vergeben und die Arbeitslosigkeit wächst.

Trotz der insgesamt schwieriger werdenden Lage konnten sich die Vorstandschefs der europäischen Autokonzerne bei einem Treffen am Freitag in Madrid nicht auf eine gemeinsame Linie einigen. Fiat-Chef Sergio Marchionne, der auch Präsident des Branchenverbands Acea ist, fordert eine koordinierende Rolle der Politik sowie finanzielle Hilfen der EU-Kommission in Brüssel beim als notwendig erachteten Abbau von Überkapazitäten. Der Manager steht damit jedoch allein. „Ich denke, mein Vorschlag wird nur eine Marchionne-Idee bleiben“, sagte Marchionne in Madrid. Auch eine Abmilderung der hohe Kosten verursachenden Klimaschutzvorgaben für die Branche war im Gespräch. Ebenso wurde über neue Freihandelsabkommen diskutiert, welche verbesserten Zugang zu ausländischen Märkten wie Indien und Japan gewähren sollen, indem in diesen Ländern Zölle und nichttarifäre Handelshemmnisse - etwa besondere technische Vorgaben - abgebaut werden.

Doch die Branche, die in Europa zwölf Millionen Beschäftigte zählt, ist uneins über den Ruf nach Staatshilfe. Der Volkswagen-Konzern und die deutschen Premiumhersteller Audi, BMW und Daimler, denen es dank der florierenden Exporte nach Übersee noch deutlich besser geht, halten staatliche Hilfen für unvereinbar mit dem Prinzip gleicher Wettbewerbsbedingungen für alle. Auch der koreanische Hyundai-Kia-Konzern und die amerikanische Opel-Schwestermarke Chevrolet, die ihre Autos in Kore produziert, agieren so erfolgreich in Europa, dass sie keine staatliche Unterstützung benötigen.

In Frankreichs Regierung wird über staatliche Hilfen diskutiert

Am schlimmsten vom Absatzrückgang betroffen sind die auf Europa konzentrierten Massenhersteller Fiat, Opel, Peugeot und Renault, deren Verkäufe in diesem Jahr um jeweils 15 bis 19 Prozent eingeknickt sind. Fiat-Chef Marchionne kündigte in Madrid an, sein Unternehmen werde als Reaktion auf den Absatzschwund die für Europa in diesem Jahr geplanten Investitionen um eine halbe Milliarde auf 7 Milliarden Euro zusammenstreichen. Das Kleinwagenmodell Grande Punto solle statt 2013 erst 2014 an den Markt kommen und vielleicht gemeinsam mit einem Partner hergestellt werden.

Auch der Vorstandschef des Konkurrenten PSA Peugeot Citroën, Philippe Varin, leitet weitere Schritte gegen die Krise ein. Um die Kasse des Konzerns aufzufüllen, will Varin einen Mehrheitsanteil an dem Logistikunternehmen Gefco an Investoren verkaufen. Die Peugeot-Familie hatte zuvor schon den amerikanischen General-Motors-Konzern als Miteigentümer an Bord geholt. Eine Allianz mit der deutschen GM-Marke Opel für die Entwicklung neuer Familienwagen und Mittelklasselimousinen soll helfen, die Kosten von Peugeot zu senken. Der Aktienkurs des PSA-Konzerns ist auf den tiefsten Stand seit 23 Jahren gefallen. Das ganze Unternehmen, immerhin der zweitgrößte Autohersteller Europas, ist nur noch 2,6 Milliarden Euro wert. Zum Vergleich: Der VW-Konzern wird an der Börse mit 56 Milliarden Euro bewertet.

Schon vor Monaten hatte Peugeot den Abbau von rund 7000 Stellen angekündigt. Dass der Konzern gern seine Werke in Aulnay bei Paris und in Rennes in der Bretagne schließen würde, ist ein offenes Geheimnis. Schon wird in Frankreichs Regierung auf Anfrage des Rivalen Renault über staatliche Hilfen diskutiert.

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Jahrgang 1972, Redakteur in der Wirtschaft.

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