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Donnerstag, 20. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Autoindustrie in Baden-Württemberg Herrscher kommen und gehen

 ·  Autofeindlich dürfen in Baden-Württemberg selbst die Grünen nicht sein, sonst wird das Volk nervös. Die Wirtschaft aber sieht den ökologischen Umbau als Chance.

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Jutta Benz hütet ihr Geheimnis. Natürlich darf sie nichts über die künftige A- und B-Klasse erzählen, aber das Schwärmen lässt sie sich nicht nehmen. Die neuen Modelle sind so recht nach ihrem Geschmack. Das scheint selbstverständlich, denn Jutta Benz ist die Urenkelin von Carl Benz, dem Erfinder des Automobils, und zudem Markenbotschafterin von Mercedes-Benz. Aber die 69 Jahre alte Lehrerin ist auch von Herzen Umweltschützerin, war einst sogar bei der Gründung der Grünen in Karlsruhe mit von der Partie. Ein Widerspruch ist das für sie nicht: „Das Auto wird es immer geben. Es kommt nur darauf an, es so sicher und so umweltfreundlich wie möglich zu machen“, sagt sie und vermerkt zufrieden, dass bei Daimler eine Menge Geld und Grips in entsprechende Forschung gesteckt wird.

Wie die neue grün-rote Landesregierung von Baden-Württemberg mit dem Erbe ihres Urgroßvaters umgehen wird, ist noch unklar. Zwar ist im Koalitionsvertrag viel von wirtschaftlichen Stärken die Rede, von Wachstumspotentialen und von zukunftsfähigen Arbeitsplätzen. Doch das Land, das der Autoindustrie seinen Wohlstand verdankt, sieht sich auch konfrontiert mit einem designierten Ministerpräsidenten, der Laufen und Fahrradfahren in einem Atemzug mit dem Wort „Mobilitätskonzept“ nennt und erklärt: „Weniger Autos sind natürlich mehr.“ Gerade weil Winfried Kretschmann nicht die lockere Plaudertasche gibt, sondern eher den Typ Landesvater, der seine Worte mit Bedacht wählt, schrillen angesichts solcher Äußerungen die Alarmglocken. „Die Baden-Württemberger werden es noch bereuen, diese grünen Scharlatane an die Macht gewählt zu haben“, heißt es so oder ähnlich in Kommentaren im Internet. Oder: „Kaputtgemacht ist vieles schnell, wiederaufgebaut werden muss es dann in Jahrzehnten.“

Die Logik liegt auf der Hand

Volkes Stimme kann als Seismograph gelten für die Befindlichkeit im Autoland Baden-Württemberg. Der Stern auf der Kühlerhaube gilt weltweit als das Statussymbol, ein Porsche ist der Inbegriff für sportliches Fahren made in Germany, und was bei Bosch oder ZF, bei Mahle oder Elring-Klinger ausgetüftelt wird, findet sich in allen Automarken. Das macht stolz – und verletzlich. „Wer im Autoland Nr. 1 verlangt, dass weniger Autos produziert werden, ist weit weg von den Menschen“, schimpft Markus Malm, Facharbeiter im neuen Halbleiterwerk von Bosch und seit neuestem Landesvorsitzender der Christlichen Gewerkschaft Metall. Und Porsche-Betriebsratschef Uwe Hück, ein SPD-Mitglied, schilt Kretschmann, er habe mit seinen Äußerungen die heimischen Hersteller „in die Schmuddelecke“ gestellt.

Es geht aber nicht nur um große Gefühle, sondern auch um Geld. Knapp 200.000 Arbeitsplätze stellen Autohersteller und Zulieferer in Baden-Württemberg, Hunderttausende weiterer Arbeitsplätze hängen mittelbar davon ab, und das Wohl und Wehe ganzer Regionen. „Damit ist nicht zu spaßen“, warnt Irmgard Balzer, die für die Freien Wähler im Sindelfinger Gemeinderat sitzt. Die Kommunalpolitikerin hat mit ihren 71 Jahren den Ausbau des Werks Sindelfingen zum wichtigsten Produktionsstandort von Mercedes mit zeitweise 40.000 Mitarbeitern und entsprechend fetten Steuereinnahmen ebenso erlebt wie auch die schwierigen Jahre, in denen Daimler sogar Gewerbesteuer zurückforderte. „Wir sind in einem Maße von Daimler abhängig, wie man sich das woanders kaum vorstellen kann. Daran hängen Arbeitsplätze, Existenzen, Schicksale – und die Finanzierung von Kommunen. Das kann man nicht so einfach in Frage stellen“, gibt sie mit Blick auf Kretschmanns Äußerungen zu bedenken.

Doch auf Kurzarbeit folgten noch immer Sonderschichten, und das macht die Menschen anscheinend gelassen. „Die Aufgeregtheit hält sich sehr in Grenzen“, berichtet Florian Wahl, der mit seinen 26 Jahren erstmals für die SPD in den Landtag einzieht, als Gemeinderat aber reichlich Kontakte zu den Menschen in der Region hat. Ein bisschen mehr Verbundenheit wünscht er sich vom neuen Regierungschef aber schon: „Ich erwarte, dass der Ministerpräsident sich als Handlungsreisender der Unternehmen in seinem Land empfindet.“

In den Unternehmen geht man pragmatisch mit Kretschmanns Ansage um, wonach weniger Autos besser seien als mehr. „Ich halte diese Aussage für unglücklich und unrealistisch, weil nicht die Landesregierung über die Zahl der Autos entscheidet, sondern die Märkte“, kommentiert Dieter Hundt, Arbeitgeberpräsident in Baden-Württemberg und selbst Eigentümer eines Autozulieferbetriebs. Die Logik liegt auf der Hand: Seit vor 125 Jahren Erfinder wie Carl Benz, Gottlieb Daimler oder Robert Bosch den Grundstock für die heute so erfolgreiche Industrie gelegt haben, sind schon viele Herrscher gekommen und gegangen.

„Der Wirtschaftsstandort wird nicht leiden

Auch deshalb lassen die Konzernchefs ihre Pressesprecher allenfalls unverbindlich-diplomatische Äußerungen zur aktuellen politischen Lage verbreiten und generelle Gesprächsbereitschaft ankündigen. Selbst wenn eine Landesregierung in völliger Verkennung der Realitäten versuchen sollte, die Autoindustrie zu gängeln, so blieben ihr dafür nur wenige Mittel. Tempolimits oder Mautgebühren wären Nadelstiche, mehr nicht – denn der Heimatmarkt spielt längst nur noch eine untergeordnete Rolle. Und in China oder Brasilien schert man sich wenig, ob der Ministerpräsident in Stuttgart ein grünes oder schwarzes Parteibuch hat.

„Ich gehöre nicht zu jenen, die glauben, angesichts einer neuen politischen Farbenlehre in Baden-Württemberg in Panik und Hysterie verfallen zu müssen“, sagt Hundt denn auch, obwohl er gewiss nicht im Verdacht steht, mit Grün-Rot zu sympathisieren. Er findet sich dabei in bester Gesellschaft. Reinhold Würth, der Selfmade-Milliardär, der für seine markigen Sprüche berüchtigt ist, prognostiziert: „Der Wirtschaftsstandort wird nicht leiden.“ Die Parteivorsitzenden seien loyale Baden-Württemberger und sich fraglos bewusst, dass nur eine blühende und wachsende Wirtschaft auch die zwingend nötigen, höheren Steuereinnahmen bringe. Man werde wohl mit höheren Strompreisen durch die angekündigte Energiewende rechnen müssen, so der Patriarch: „Dies wird überwiegend wettbewerbsneutral geschehen.“

Neue Chancen unter der grün-roten Führung

Was Würth nicht erwähnt, aber sehr wohl bemerkenswert ist: Schon 1996 ist der Schraubenhändler in die Solarwirtschaft eingestiegen, hat seit dem Jahr 2000 in einem ehemaligen Kohlekraftwerk die Produktion von Dünnschicht-Solarmodulen aufgenommen und gilt heute als etablierter Anbieter. Was im grünen Parteiprogramm steht, haben die Unternehmen längst als Wachstumsmarkt entdeckt. Gerade die baden-württembergische Metallindustrie wächst kräftig mit dem Bau von energie- und rohstoffsparenden Maschinen und Anlagen, mit der Ausrüstung für Solarunternehmen, dem Bau von Turbinen oder der Zulieferung für Windparks, unter ihnen auch Traditionsunternehmen wie Voith oder Liebherr, die man gemeinhin noch als Papiermaschinenhersteller oder Kranfabrikanten verortet.

Auch Branchen, die scheinbar wenig mit Ökologie am Hut haben, sehen unter der grün-roten Führung neue Chancen. „Die Telekommunikationsindustrie betreffend sehen wir aufgrund der neuen politischen Konstellation keinesfalls negative Einflüsse, weder auf Seiten unserer Kunden, noch bei unseren eigenen Investitionen“, erklärt beispielsweise Alf Henryk Wulf, Deutschland-Chef von Alcatel-Lucent. Im Gegenteil, sagt er: Der Umbau der Energieversorgung werde die Nachfrage ankurbeln: „Unsere neuen Geschäftsfelder rund um das Energieinformationsnetz, Smart Metering und Smart Grid werden davon eher profitieren, da der Umbau der Energienetze mehr Fahrt aufnimmt.“

Bürokratieabbau und Förderangebote

Brigitte Vöster-Alber, geschäftsführende Gesellschafterin von Geze, einem Spezialisten für Tür- und Fenstertechnik mit gut 2000 Mitarbeitern, ist zwar noch skeptisch, was die neue Regierung wirklich umsetzen wird, warnt aber vor negativer Erwartungshaltung: „Uns allen tut eine stärkere Beachtung der Umwelt gut, schließlich wollen wir diese sauber an unsere Kinder weitergeben.“ Vöster-Alber hofft auf konkrete Hilfen beim Bemühen um ökologisches Handeln, etwa Entbürokratisierung oder eine kostengünstigere Zertifizierung der zunehmend wichtigen „green label“. Der in dieser Woche vorgestellte Koalitionsvertrag schürt diese Hoffnung. Er stellt Bürokratieabbau und Förderangebote für den Mittelstand in Aussicht.

Selbst die Konzerne können auf Hilfe hoffen, zumindest auf wichtige Symbole. Die Landesregierung werde mit gutem Beispiel vorangehen und eine Flotte von Elektro-Fahrzeugen beschaffen, stellte der künftige Wirtschafts- und Finanzminister Nils Schmid, SPD, in Aussicht. Das dürfte für Daimler weit entzückender sein als die Tatsache, dass bisher der baden-württembergische Ministerpräsident mit der Mercedes-Benz S-Klasse 600 Guard das luxuriöste Gefährt aller deutschen Landesfürsten fuhr. Denn wo eine Elektroflotte angeschafft wird, liegt die Frage nach der notwendigen Infrastruktur auf der Hand. Man werde die Diskussion um Subventionen der Elektromobilität „begleiten“, kündigte Schmid an. Auch die Aussicht darauf dürfte ein Grund dafür sein, warum die Chefs von Daimler, Porsche, Bosch & Co. auch kleine grüne Provokationen geduldig aushalten.

Ungeachtet möglicher Subventionen aber ist die Autoindustrie längst auf einen neuen Kurs geschwenkt, nicht aus politischen Erwägungen, sondern weil die Ölreserven endlich sind und der Lebenszyklus des Verbrennungsmotors sich dem Ende entgegen neigt. „Sicher, sauber, sparsam“ lautete zwar schon der Werbeslogan von Bosch, als diese Marke noch für Zündkerzen stand, doch die drei Worte sind noch immer die Maxime aller Forschung im Hause Bosch. Bei Daimler schlägt man ebenfalls den Bogen zwischen Tradition und Moderne. „Wir müssen das Auto neu erfinden“, fasst Daimler-Chef Dieter Zetsche die Herausforderung in Worte, das Geschäftsmodell der vergangenen 125 Jahre erfolgreich fortzusetzen. „Was wäre Daimlers und Benz Rat für die Zukunft?“, fragte Zetsche im Januar bei der 125-Jahr-Feier und antwortete: „Ich glaube, er wäre glasklar: „Macht grüne Autos noch faszinierender – und faszinierende noch grüner.“

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Wirtschaftskorrespondentin in Stuttgart.

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