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Autohersteller in der Krise Mercedes verdient nichts mehr

Zwangspause für die Mitarbeiter, abermals eine Gewinnwarnung und ein düsterer Ausblick. Daimler appelliert an den Kampfgeist seiner Arbeiter. Doch wer bestellt einen Mercedes, wenn er um sein Vermögen bangt?

© ddp Vergrößern Für die nächsten Monate ist bei Daimler keine Besserung in Sicht

Weihnachten beginnt für Daimler dieses Jahr bereits am 11. Dezember. Das ist keine frohe Botschaft. An diesem Tag schickt der Konzern die Mitarbeiter in die Zwangspause, die bis zum 12. Januar nächsten Jahres dauert. So lange wird keine S-Klasse die Produktion in Sindelfingen verlassen. Und das ist höchst bedenklich.

Wenn noch Beweise gefehlt hätten, dass das Desaster der Banken auf die Fabriken durchschlägt, dann hat Daimler-Chef Dieter Zetsche die vorigen Donnerstag geliefert: „Die Finanzkrise entwickelt sich zur Wirtschaftskrise“, hat er gesagt und die Börse – zum zweiten Mal binnen weniger Monate – mit einer Gewinnwarnung schockiert. Mercedes verdient mit Autos kein Geld mehr. Im vorigen Quartal ist der Gewinn um 92 Prozent eingebrochen, die Umsatzrendite streift die Nulllinie.

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Für die nächsten Monate ist keine Besserung in Sicht: Zetsche hat sich offiziell von dem Ziel verabschiedet, dass seine Autos bis zum Jahresende noch etwas zum Gewinn beitragen: 2,5 Milliarden Euro soll die Mercedes Car Group, zu der auch Maybach und Smart gehören, nach jüngster Prognose einspielen, das hat sie dank des ersten Halbjahres geschafft. Jetzt versagt die wertvollste Automarke der Welt als Profitbringer. All die schicken neuen Limousinen, die schönen neuen Modelle – Geld verdient der Konzern mit dem Kerngeschäft im Moment nicht mehr. Ein Debakel. Allenfalls Trucks und Busse liefern noch ein positives Ergebnis.

Infografik / Der Absatz aller Automarken sinkt © F.A.Z. Vergrößern

Auch der Rest der Branche

Wenn es Mercedes als den stolzen Erfinder des Automobils so beutelt, kann es nicht überraschen, dass auch der Rest der Branche leidet. Von überall kommen düstere Nachrichten: BMW, Volkswagen, Fiat, General Motors, Peugeot, Renault - überall wird radikal gestrichen: Schichten, Investitionen, Personal (siehe Text unten). Selten klangen Automanager so kleinlaut, so hilflos. Die Nachfrage ist abrupt zusammengebrochen, quer über die Märkte, quer über die Marken.

Dieter Zetsche mag nicht mal mehr sagen, wie viele Autos er in den nächsten Wochen noch über seine Bänder laufen lässt: „Verkaufen wir viel, dann viel. Wenn weniger, dann weniger“, so die lakonische Botschaft. Im Moment sieht es nach sehr wenig aus: Die Autohäuser sind leer, die Lager der Hersteller voll. Die Restwerte purzeln (was die Konzerne zu Hunderten Millionen Abschreibungen zwingt). Die Produktion wird, so gut es geht, gedrosselt.

Die Lust auf ein neues Auto verfliegt

Wer bestellt auch einen Mercedes, wenn er um sein Vermögen bangt? Schmilzt das Aktiendepot, verfliegt die Lust auf ein neues Auto. Und da Börsen rund um den Globus beben, reißen auch die wachsenden Volkswirtschaften, die Emerging Markets, nichts raus. „Wenn in Moskau tageweise die Börse schließt, dann leiden auch unsere Kunden“, sagt Vorstandschef Dieter Zetsche. Ausgerechnet der Smart, lange Jahre als Milliardengrab verschmäht, profiliert sich als Krisengewinnler: 20 Prozent mehr Absatz im vergangenen Quartal, meldet der Vorstandsvorsitzende. Das mag dem Image der Marke dienen, Daimler einen grünen Anstrich verleihen – für den wirtschaftlichen Erfolg ist der Kleine noch immer zu vernachlässigen: Der Deckungsbeitrag des Winzlings ist so winzig wie das Auto selbst. Wenn die Finanzkrise auch so manche These erschüttert hat, eine gilt nach wie vor: große Autos, großer Gewinn.

Nachdem Zetsche seine Prognose jetzt noch mal nach unten korrigiert hat, ist die Daimler-Aktie weiter abgestürzt. Dutzende Milliarden an Börsenwert wurden in den vergangenen Monaten vernichtet, aktuell ist der Konzern lächerliche 20 Milliarden Euro wert – dafür bekommt man nicht nur die bis vor kurzem wertvollste Automarke der Welt, sondern auch noch 10 Milliarden Euro Bares in der Kasse. Ein Schnäppchen.

In ruhigeren Zeiten würde es nicht lange dauern, bis ein Private-Equity-Investor angreifen würde. Die Finanzinvestoren haben in der Vergangenheit für schlechtere Ware schon deutliche höhere Preise bezahlt. Nur findet sich im Moment wohl keine Bank, der ihnen eine Finanzierung basteln würde. Das mag den Daimler-Vorstand beruhigen, entspannt ist die Lage nicht. Zetsche spricht davon, dass das Unternehmen stabil sei – und weckt damit erst recht Horrorvorstellungen: Wie schlimm steht es um die Industrie wirklich, wenn selbst ein Daimler-Chef solche Sätze nötig hat? Hat je einer geglaubt, Deutschlands Vorzeigekonzern könnte wanken?

Blut, Schweiß und Tränen

Der Versuch des Vorstandsvorsitzenden, die eigenen Mitarbeiter in einem Brief zu beruhigen, klingen sehr nach Blut, Schweiß und Tränen: „Was wir jetzt vor allem brauchen, ist die richtige Mischung aus Kampfgeist und Durchhaltevermögen. Daimler war immer am stärksten, wenn es wirklich darauf ankam.“ Noch spricht niemand von einem rabiaten Sparprogramm, verbunden mit dem Streichen von Tausenden Stellen. Das hat Mercedes in den vergangenen Jahren schon mehrfach hinter sich gebracht. Jetzt kürzt Zetsche erst mal den Bedarf an Leiharbeitern. Außerdem werde es „kleinere Anpassungen“ geben. An einzelnen Stellen werden Angestellten Abfindungen angeboten. Unfreiwillig muss bisher niemand gehen. Betriebsbedingte Kündigungen hat ein Standortpakt zwischen Betriebsrat und Management bis Ende 2011 ausgeschlossen.

Bisher hat niemand an der Garantie gezweifelt. Dabei wurde übersehen, dass der Vorstand eine Ausstiegsklausel hat: In Zeiten der Not darf er den Pakt aufkündigen. Bisher wurde das Eintreten des Notfalls nicht näher definiert. Und noch hoffen alle, dass dies auch jetzt nicht nötig wird.

Quelle: F.A.Z.

 
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