12.12.2008 · Nach dem Scheitern des Rettungsplans für die amerikanische Autobranche im Senat bangen in Deutschland auch die Mitarbeiter von GM-Tochter Opel um ihre Zukunft. „Wir müssen jetzt aufpassen, dass uns der Riese nicht mit in den Abgrund reißt“, sagte der Betriebsratsvorsitzende, Klaus Franz, der F.A.Z.
Das geplante Hilfspaket für die amerikanische Autobranche ist bei einer Abstimmung im Senat am Widerstand republikanischer Senatoren gescheitert. Das Repräsentantenhaus hatte zuvor mit klarer Mehrheit Notkredite von 14 Milliarden Dollar (umgerechnet 18,7 Milliarden Euro) für die Autohersteller verabschiedet. Der Widerstand im Senat wuchs, da die Gewerkschaften geforderte Lohnkürzungen ablehnten.
Der demokratische Mehrheitsführer im Senat, Harry Reid, rechnet nun nicht mehr mit einer Wiederaufnahme der Verhandlungen vor Januar 2009. „Es ist vorbei“, sagte Reid. General Motors und Chrysler, die nach eigenen Angaben eine Finanzierung bis zum Jahresende brauchen, um die Insolvenz abzuwenden, hoffen nun, dass das Finanzministerium Mittel aus dem 700-Milliarden-Dollar-Hilfspaket für die Finanzbranche abzweigen wird. Die Regierung hatte solche Forderungen bisher abgelehnt. „Wir prüfen unsere Optionen und sind handlungsbereit“, sagte ein Sprecher.
Die Vorstandschefs der drei Hersteller General Motors (GM), Ford und Chrysler hatten in der vergangenen Woche insgesamt 34 Milliarden Dollar gefordert, um langfristig eine Insolvenz zu vermeiden. Die Führung der Demokraten, die im Kongress die Mehrheit stellen, hatte sich danach mit der amerikanischen Regierung auf ein Kompromisspaket von 14 Milliarden Dollar verständigt. Damit sollte von allem GM und Chrysler bis zum März geholfen werden.
„Da hängen viele Zulieferer dran“
Mitarbeiter der deutschen GM-Tochtergesellschaft Opel reagierten konsterniert. Aus der Unternehmensführung hieß es nur, man werde die Gespräche mit der Bundesregierung über eine Bürgschaft forcieren. Am Freitag tagte abermals der zuständige Regierungsausschuss in Berlin. Danach hieß es, an der Bedingung, dass ein im Rahmen der Bürgschaft gegebener Kredite nicht nach Amerika abfließen dürfe, werde eine Vereinbarung nicht scheitern. Dieser Punkt sei zu klären. Allerdings dauern die Gespräche nun länger als erwartet. Man habe sich ins nächste Jahr vertagt, hieß es. Zudem müsse eine Bank gefunden werden, die Opel mit der Finanzierung helfen wolle. „Jeder hat noch Hausaufgaben zu erledigen“, sagte ein Teilnehmer. Opel kann sich wegen seiner Zugehörigkeit zu GM nicht selbst finanzieren und hat ohne Bürgschaft keinen Zugang etwa zu Krediten der Europäischen Investitionsbank, wie sie andere europäische Hersteller nutzen.
„Wir müssen aufpassen, dass uns der Riese nicht mit in den Abgrund reißt“, sagte der Opel-Betriebsratsvorsitzende, Klaus Franz, der F.A.Z. Es bestehe die Sorge, dass die Mitarbeiter bei ihrer Rückkehr aus dem Weihnachtsurlaub am 2. Januar 2009 vor verschlossenen Toren stünden. „Deshalb war es weise, die Initiative für eine Bundesbürgschaft ergriffen zu haben. Ich bin zuversichtlich, dass wir diese bekommen. Denn Opel ist produktiv, schuldenfrei und hat Liquidität“. Die Folgen einer Insolvenz eines oder mehrere der drei amerikanischen Hersteller sieht Franz dramatisch: „Da hängen viele Zulieferer dran, auch sehr große in Deutschland“, warnt er. Dass in Amerika die Schuld an dem gescheiterten Kompromiss den Mitarbeitern gegeben wird, empfindet Franz als Unverschämtheit. „Unsere amerikanischen Kollegen haben in der Vergangenheit drastische Einbußen hingenommen. Schuld ist allein die zentralistische Führungsstruktur und die falsche Modellpolitik in Amerika“, sagt er.
„Opel braucht einen europäischen Finanzkreislauf“
In Europa seien die Mitarbeiter zur Rettung selbstverständlich abermals bereit, ihren Beitrag zu leisten, aber nur unter Bedingungen. Aus den Worten des Betriebsratsvorsitzenden lässt sich mehr denn je der Wunsch nach einer Trennung von General Motors heraushören. „Opel braucht einen europäischen Finanzkreislauf, muss sich selbst in Europa refinanzieren. Wo Opel draufsteht muss auch Opel drin sein. Es darf nicht länger sein, dass die Opel GmbH der Risikoträger ist, aber die Erträge woanders anfallen. Die Marke Opel muss wieder auf die internationalen Märkte gebracht werden, und wir müssen neue Allianzen eingehen“, mahnt er. Mit wem er sich eine Partnerschaft vorstellen könnte, sagt Franz indes nicht.
Die schwedische Marke Saab ist wohl nicht mehr im Konzern zu halten. Von GM seien die notwendigen Investitionen für weitere Modelle nicht mehr zu erhoffen, meint Franz. Man müsse deshalb einen Investor suchen und Saab verkaufen. Das für 2009 geplante Mittelklassemodell Saab 9-5 könne trotzdem wie geplant im Rüsselsheimer Opel-Werk gebaut werden - dann eben in Auftragsfertigung für einen anderen Eigentümer.
Deutsche Autozulieferer sind besorgt
Bei den Kölner Ford Werken läuft die Produktion normal. Die deutsche Tochtergesellschaft habe ihren eigenen Businessplan und hänge finanziell nicht am Nabel des amerikanischen Ford-Konzerns, versicherte deren Sprecher Wolfgang Riecke. „Natürlich achten wir sehr aufmerksam auf Kosten und Liquiditätsströme“, sagte er. Dem sehr schwierigen Autojahr 2009 sehe Ford jedoch mit gedämpftem Optimismus entgegen. „Als sich im Sommer in Europa ein Umschwung abzeichnete, hat Ford die Produktion so gedrosselt, dass in diesem Jahr etwa 4 Prozent weniger Fahrzeuge von den Bändern laufen werden“, erklärte Riecke. Für die 6600 Beschäftigten in Saarlouis sind vom 17. Dezember bis 5. Januar Werksferien angesagt. Im Stammwerk in Köln werden die 17 000 Mitarbeiter am 23. Dezember in die Weihnachtsferien bis zum 5. Januar geschickt.
Auch unter den deutschen Autozulieferer nehmen die Sorgen zu. Der Aktienkurs von Leoni etwa brach am Freitag ein. Die Zulieferer haben schon in den vergangenen Jahren unter den Schwierigkeiten von GM, Ford und Chrysler gelitten. Um dies auszugleichen haben viele versucht, mit den amerikanischen Werken ausländischer Hersteller ins Geschäft zu kommen. Man stehe vor Serienlieferungen an Nissan, Honda und Hyundai, berichtete ZF-Chef Härter in dieser Woche. Der Umsatzanteil des Nordamerika-Geschäfts beträgt beim drittgrößten deutschen Autozulieferer aber nur 8 Prozent: „Das ist nicht mehr der bestimmende Faktor für unser Wohlergehen“, sagte Härter. Bei Bosch, dem größten Autozulieferer der Welt, entfallen knapp 15 Prozent des Konzernumsatzes auf Nordamerika, wo der Konzern 25 000 Mitarbeiter beschäftigt. „Da wären wir schon betroffen, wenn einer der Großen in die Insolvenz ginge“, sagte ein Bosch-Sprecher.
Auch der Ausgleich durch Verkäufe in aufstrebende Märkte funktioniert nicht mehr gut. China hat am Freitag angekündigt, angesichts zweistelliger Rückgänge seine Automobilindustrie zu stützen, die durch Gemeinschaftsunternehmen ausländischer Hersteller wie VW und GM mit chinesischen Staatskonzernen bestimmt wird. „Die Automobilindustrie wird hart getroffen“, sagte Industrieminister Li Yizhong. Die Regierung erwäge ein Bündel von Maßnahmen. Dazu zählten Steuernachlässe für umweltfreundliche Automobile und Steueranreize für Autobesitzer, die ihren alten Wagen gegen einen neuen, umweltschonenderen austauschen. Zugleich will Peking für niedrigere Kreditzinsen für Autokäufer sorgen.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.378,81 | −1,10% |
| Dow Jones | 12.580,70 | +1,01% |
| EUR/USD | 1,2442 | −0,37% |
| Rohöl Brent Crude | 105,45 $ | −1,31% |
| Gold | 1.579,50 $ | +0,31% |
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