19.07.2005 · Eine Briefkastenfirma, verschwundene Millionen und ein Ministerneffe am Laptop: Lange schon wundert man sich über Volkswagen in Indien. Nun weicht das Erstaunen dem Ärger. Denn die Affären um VW, die von Wolfsburg bis Angola reichen, berühren in Indien Regierungskreise.
Von Christoph HeinLange schon wundert man sich über Volkswagen in Indien. Nun weicht das Erstaunen dem Ärger. Denn die Affären um VW, die von Wolfsburg bis Angola reichen, berühren in Indien Regierungskreise. Der Spott darüber, daß das in Indien wuchernde Bestechungswesen seinen Meister im ehemaligen VW-Manager Helmuth Schuster gefunden habe, klingt ab. Denn es macht sich Sorge breit, ob aus dem Auftreten der Wolfsburger in Indien eine Rufschädigung für die gesamte deutsche Industrie dort werden könnte. Seine Wurzeln hat der Vorgang weit in der Vergangenheit.
Man schrieb den 21. Dezember 1997, als der damalige VW-Vorstand Robert Büchelhofer ankündigte: "Die Entscheidung, ob wir in Indien investieren, wird noch vier bis fünf Monate dauern." Aus vier bis fünf Monaten wurden knapp acht Jahre. Ende Mai bezeichnete dann VW-Vorstandschef Bernd Pischetsrieder die kolportierten Pläne, die Wolfsburger wollten ein Werk mit 10000 Mitarbeitern in Indien bauen, gegenüber dieser Zeitung als "völligen Quatsch". Was Pischetsrieder nach jahrelanger Standortsuche, nach ungezählten Reisen von VW-Teams durch einen der am schnellsten wachsenden Automobilmärkte der Welt zwischen Tür und Angel dementiert, sorgt in Indien für Enttäuschung.
„Wir waren so verzweifelt bemüht...“
"Wir waren so verzweifelt bemüht, Volkswagen in unser Land zu bekommen, daß wir alles dafür getan haben. Es fehlte nur noch, daß wir ihnen die Füße geküßt hätten", sagt Botcha Satyanarayana. Er war bis Ende vergangener Woche Industrieminister im indischen Bundesland Andhra Pradesh und verlor seinen Posten über die Affäre VW. Gleichzeitig empfahl er seinem Ministerpräsidenten, das indische Bundeskriminalamt mit der Aufklärung der Unregelmäßigkeiten zu beauftragen.
Im Kern geht es um das Verschwinden von 2 Millionen Euro. Die hatte das Bundesland über die Andhra Pradesh Industrial Infrastructure Corporation (APIIC) auf ein Konto der in Neu-Delhi eingetragenen Firma Vashishta Wahan Pte. Ltd. überwiesen - und seitdem sind sie weg. Der Name des Unternehmens ist mit Bedacht gewählt: Sein erster Teil ist der Name des heiligen Vashishta, Wahan steht für Automobil. Vashishta Wahan sollte Volkswagen als Zwischengesellschaft für den Werksneubau in Indien dienen. Der Heilige, das Auto und dieselben Initialen wie Volkswagen - das alles mußte für einen Inder ausgesprochen vertrauenerweckend klingen. Das wußte Schuster, Projektleiter für VW in Indien. Und schrieb der Landesregierung im Januar einen offiziellen Brief, in dem er Vashishta Wahan vorstellte.
Darin habe es geheißen, VW sei größter Anteilseigner an Vashishta Wahan. Und die Wolfsburger hätten sich entschlossen, das Werk in Andhra Pradesh zu bauen und daran 51 Prozent zu halten. Und weiter: "Die Regierung sollte nun ins Auge fassen, einen Kapitalanteil bereitzustellen, um ihrerseits Entschlossenheit zu dokumentieren." Der Brief habe die Kontonummer von Vashishta enthalten und die Aufforderung, 5 Millionen Euro zu überweisen. Nicht enthalten war ein Foto der Niederlassung von Vashishta Wahan. Damit wäre sie sofort als Briefkastenfirma im Kellergeschoß des heruntergekommenen Blocks 45 in East of Kailash in Neu-Delhi enttarnt worden.
2 Millionen Euro auf das vermeintliche VW-Konto
Also überwies die Landesregierung umgerechnet 2 Millionen Euro auf das vermeintliche VW-Konto bei der britischen HSBC-Bank. Der Minister behauptet zudem, er habe im Vorfeld "diskrete Erkundigungen bei der Deutschen Botschaft in Delhi" über Vashishta Wahan eingezogen, was diese dementiert: "Wir haben nie eine Anfrage bekommen." Auf einer Reise nach Wolfsburg im Mai habe Minister Satyanarayana dann erfahren, daß das Geld nicht mehr auf dem Konto sei. Indische Zeitungen vermuten nun, der VW-Konzern sei auf die Betrügereien von Schuster erst aufmerksam geworden, nachdem die indische Delegation auf Vashishta Wahan und ihre Zahlung auf deren Konto zu sprechen gekommen sei. Kurz darauf sickerte durch, daß das Indien-Projekt von VW auf Eis gelegt worden sei.
Die Reise nach Wolfsburg schadet dem Minister aber auch in anderer Hinsicht: An ihr hat nämlich auch sein Neffe Murali Krishna Botsa teilgenommen. Warum? "Ich bin kein Technik-Freak. Er sollte meinen Laptop bedienen", sagt Satyanarayana. Nach Angabe der Inder handelte es sich um eine Einladungsreise von VW - auch für den Neffen am Laptop. VW selbst prüft gerade, "ob es diese spezielle Reise überhaupt gegeben hat - es gab einige Hin und Hers." Es scheint vorbei mit den Freundlichkeiten. Andhra Pradeshs Ministerpräsident Rajasekhara Reddy sagt: "Wir haben keine Angst um unser Geld. Volkswagen ist hundert Prozent verantwortlich für das Handeln des Helmuth Schuster, der uns Vashishta Wahan als VWs Bevollmächtigten für das vorgeschlagene Projekt vorstellte." Jagadesh Raja, einer der Teilhaber von Vashishta Wahan, war vergangene Woche in Deutschland, um unter anderem mit der Staatsanwaltschaft die Vorgänge zu klären.
Ärgerliches Auftreten der VW-Mitarbeiter
Für Ärger aber sorgt auch, wie sich Mitarbeiter des Konzerns in Indien aufgeführt haben. Dabei geht es weniger um die Prostituierten, die VW angeblich bis nach Indien einfliegen ließ. Es geht ums Geschäft: Seit einem Jahrzehnt streifen hochrangige Erkundungstrupps von VW durch Indien, ohne den üblichen Kontakt etwa zur Deutschen Botschaft oder zur Handelskammer zu suchen. "Wir hoffen nun, daß VW die Summe schnell erstattet, um einen Imageschaden für die gesamte deutsche Industrie in Indien abzuwenden", heißt es in Wirtschaftskreisen in Neu-Delhi. Indische Zeitungen machen aus "Volkswagen" derzeit gerne "Hoaxwagen" - nach dem englischen Verb "hereinlegen, einen Streich spielen". In Mumbai (Bombay) sagt ein Vertreter der deutschen Industrie: "Wenn die Geschichte so stimmt, ist es beschämend für Volkswagen, aber auch für Deutschland insgesamt. Andersherum mag es ja üblich sein, sich bezahlen zu lassen. Aber wir Deutschen wollen immer alle zu korrektem Handeln erziehen, und dann läßt sich eines der Aushängeschilder bestechen."
Würde der Markteintritt doch Wirklichkeit
Bernhard Steinrücke, Hauptgeschäftsführer der Deutsch-Indischen Handelskammer, sagt: "Volkswagen hat nun den Schaden. Denn dadurch verzögert sich die Entscheidung für Indien weiter. Wenn aber VW-Markenvorstand Bernhard seine Sparziele erreichen will, kommt er um den Standort Indien nicht herum." Über Ashok Jain, den ausgeschiedenen Berater Volkswagens, heißt es in den Kreisen nun, er sei immer "halbseiden aufgetreten" und man habe sich gewundert, wie ein Konzern wie VW "solch einem Mann vertrauen" könne.
Beigelegt dürfte die Affäre dann werden, würde der Markteintritt von VW nach einer Dekade Wirklichkeit. Andhra Pradesh hat die Hoffnung nicht aufgegeben. So zitiert Ministerpräsident Reddy indischen Zeitungen gegenüber aus einem Brief von Skoda-Vorstandschef Detlef Wittig: "Volkswagen ist weiterhin stark daran interessiert, den indischen Markt zu betreten sowie ein attraktives Paket von Anreizen aus Andhra Pradesh zu erhalten, unabhängig von den genannten organisatorischen Änderungen auf unserer Seite und den damit verbundenen Verzögerungen." Der Brief datiere vom 22. Juni, sagt Reddy, eine Woche, nachdem Schuster entlassen worden war. Auch Satyanarayana hat den Ernst der Lage nicht verstanden: "Wäre Schuster heute noch bei Volkswagen, könnten wir das Projekt jetzt unter Dach und Fach haben", sagt er.
Christoph Hein Jahrgang 1960, Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.
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