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Aufschwung in Schottlands Brennereien : Der Whisky-Kult

In den Hafenkneipen in Port Ellen auf der Insel Islay können sich die Besucher durch alle erdenklichen Whiskys trinken Bild: Maike Neuendorff

Die Globalisierung hat schottischen Whisky zum Exportschlager gemacht. Die karge Insel Islay ist ein Standort, der selbst schon eine Marke ist. Die Sammler reisen in Scharen an, um dort die Brennereien zu sehen und Whisky zu kaufen. Die Preise werden im Internet von Spekulanten in die Höhe getrieben.

          Was Anthony Wills vorhatte, konnte eigentlich nicht gutgehen. „Es ist verrückt, eine Whiskydestillerie aufmachen zu wollen“, sagt der Mann, der genau das getan hat. Das Problem dabei ist, dass zwischen dem ersten erzeugten Tropfen und dem ersten Umsatz Jahre liegen - mindestens drei, oft zehn und manchmal noch mehr, denn so lange muss der Alkohol im Eichenfass reifen. Während dieser Durststrecke läuft zwar die Produktion, aber nicht das Geschäft und am Ende entsteht eine neue Whiskysorte, von der vorher niemand so genau weiß, wie sie schmeckt.

          Marcus Theurer

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Andererseits: Wenn das Wagnis überhaupt irgendwo Erfolg versprach, dann hier, wo es Anthony Wills versucht hat, auf diesem Fleckchen Erde im Nordatlantik, 30 Kilometer vor der schottischen Westküste. Auf Islay. 3500 Menschen leben auf dem regendurchweichten Eiland, das man mit dem Auto in 40 Minuten durchqueren kann. Vom schottischen Festland aus dauert die Überfahrt mit der Fähre gut zweieinhalb Stunde oder man fliegt mit der Propellermaschine von Glasgow herüber.

          Die flache, vom Westwind zerzauste Hebrideninsel, vor deren Küsten Hunderte von Schiffswracks liegen, ist in der Welt des Whiskys das, was das Bordelais für den Rotwein ist - ein Produktionsstandort, der selbst schon eine Marke ist. Der Islay-Whisky ist berühmt für seinen rauchigen Geschmack, denn die verwendete Gerste wird über Torffeuern gemälzt.

          Das erste Fass Kilchoman-Whisky: Anthony Wills von Kilchoman in seinem Lagerhaus

          Der heilige Gral der Whisky-Welt

          Islay ist der heilige Gral der Whisky-welt und zugleich ein Mikrokosmos dieser Industrie. Acht Brennereien gibt es auf der Insel, darunter einige der legendärsten, wie Lagavulin, Ardbeg und Laphroaig. Getränkeriesen aus der ganzen Welt haben sich eingekauft: Die Bowmore-Destillerie gehört Suntory aus Japan und Laphroaig zu Fortune Brands aus den Vereinigten Staaten. Ardbeg ist Teil des französischen Luxusgüterkonzerns LVMH. Zugleich gibt es auf Islay aber auch knorrige Mittelständler und wagemutige Gründer.

          Anthony Wills hat seinen Whisky Kilchoman genannt, nach dem gälischen Namen des Bauernhofs im Westen von Islay, auf dem er gebrannt wird. Wills ist eher von der wortkargen Sorte, und er muss wohl einen ziemlichen Dickkopf haben. Vier Jahre brauchte der frühere Wein- und Spirituosenhändler, bevor er 2005 endlich die 2 Millionen Pfund Startkapital von wagemutigen Privatinvestoren für den Bau seiner Brennerei zusammen hatte. Am Ende benötigte er fast doppelt so viel Geld.

          5400 Pfund für die erste Flasche Kilchoman

          Es war am 28. Mai 2009, als Wills klar- wurde, dass er doch nicht verrückt war. 5400 Pfund - das war der Preis, den ein Sammler bei einer Auktion für die erste Flasche Kilchoman-Whisky zahlte. Inzwischen ist Kilchoman fester Teil des Reiseplans vieler Whiskyverehrer, die Jahr für Jahr scharenweise aus der ganzen Welt nach Islay pilgern. In der kleinen Brennerei gibt es nur 8 Mitarbeiter, aber mehr als 15 000 Besucher im Jahr kommen über schmale Feldwege auch auf die entlegene Farm gefahren, um die weit und breit nur die Getreidefelder wogen.

          Der Whisky vom Bauernhof ist zurzeit eines der heißesten Spekulationsobjekte in der Spirituosenwelt und bei Sammlern extrem begehrt. Bisher wurden nur 50 000 Flaschen abgefüllt. Diese Knappheit treibt die Preise nach oben: 45,50 Pfund verlangt Wills für eine Flasche, bei Ebay werden sie teilweise für das vierfache angeboten. „Es ist lächerlich, welche Beträge manche Leute bezahlen“, findet der Whiskybrenner und will selbst seine Preise nicht erhöhen: „Wir denken langfristig und sind nicht auf Spekulationsgewinne aus.“ Die Zockerei mit seinem Whisky ärgert Wills.

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