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Attacke der Nachbarländer Singapur hortet Sand

19.04.2007 ·  Indonesien, Malaysia und Thailand sind nicht gut auf Singapur zu sprechen. Denn der Stadtstaat baut „nationale Sand- und Kiesreserven“ für Bauvorhaben auf - sehr zum Ärger der Nachbarn. Ein Ende des bizarren Streits ist nicht in Sicht.

Von Christoph Hein, Singapur
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Die meisten Länder Asiens leisten sich einen Devisenschatz, um für Krisen gewappnet zu sein. Viele legen Ölreserven an. Manche horten Reis oder Weizen. Singapur aber baut „nationale Sand- und Kiesreserven“ auf. Denn der rasant wachsende Stadtstaat macht gerade die bittere Erfahrung, dass Sand über Nacht zu einem teuren Rohstoff werden kann.

Das Nachbarland Indonesien hat einen Bann auf alle Sandlieferungen und einige Kiestransporte erlassen. Inzwischen haben selbst die Außenminister des kleinsten und des größten Landes Südostasiens über den Sand im Getriebe verhandelt. Ausgerechnet Burma, die schlimmste Militärdiktatur Asiens und politisch weitgehend geächtet, hat nun angeboten, mit Sandlieferungen an Singapur in die Bresche zu springen.

Kiesgrube bei Bombenanschlag in die Luft gejagt

Auf beiden Seiten der Wasserwege rund um Singapur fordert der Sand-Bann seine Opfer: In Singapur haben sich die Preise für Sand, Kies und Zement seit Anfang Februar verdreifacht. Dies zu einer Zeit, in der der Stadtstaat einen immensen Bau- und Immobilienboom vorantreibt, der mehrere Milliarden-Dollar-Projekte umfasst. Inzwischen hat Singapurs Regierung angekündigt, für alle öffentlichen Bauvorhaben bis zu 75 Prozent der Preissteigerung für Sand und Kies aufzufangen.

Eine - von Singapur betriebene - Kiesgrube in Indonesien wurde bei einem Bombenanschlag in die Luft gejagt. Auf den indonesischen Riau-Inseln mussten die Sandlieferanten Mitarbeiter entlassen, da sie mit Singapur ihren Hauptabnehmer verloren haben. Aber auch die indonesische Wirtschaftselite dürfte leiden: Viele der reichen Familien des Landes legen ihr Geld auf sicheren Konten in Singapur an, viele kaufen hier Luxuswohnungen. Deren Bau indes wird nun teurer, weil die eigene Regierung die Sandlieferungen ausgesetzt hat.

Wichtige Sandlieferungen als politisches Druckmittel

Indonesien wirft dem Inselstaat Singapur vor, seine Grenzen durch Landgewinnung auszuweiten. Zwischenzeitlich forderten indonesische Parlamentarier, den Botschafter ihres Landes aus Singapur abzuziehen. Wahr ist, dass die Äquatorinsel Singapur zwischen 1960 und dem Jahr 2000 ihre Fläche um rund 80 Quadratkilometer auf 660 ausgeweitet hat und großes weiteres Wachstum plant. Allerdings ändert sich nach internationalem Recht dadurch nicht die Seegrenze rund um Singapur. So wird es im Stadtstaat als offenes Geheimnis betrachtet, dass Indonesien die für Singapurs Bauvorhaben so wichtigen Sandlieferungen als politisches Druckmittel einsetzt.

Das freilich ist gefährlich. Denn Singapur, ohne eigene Rohstoffe, ist von einem guten Verhältnis zu seinen Nachbarn abhängig. So fertigen etwa Singapurer Firmen in Freihandelszonen auf den benachbarten indonesischen Inseln. Singapurs Hafen und sein Flughafen sind wichtige Logistikzentren für die Region.

Zerstört Singapur durch Landgewinnung die Umwelt?

Beliebt waren die Singapurer im Umland nie, nur beneidet werden sie. Seit Dekaden schwelen Zwistigkeiten mit dem direkten Nachbarland Malaysia. Von ihm ist Singapur etwa bei der Trinkwasserversorgung abhängig. Als die Konflikte zunahmen, auch weil Malaysia das Wirtschaftsmodell Singapurs vor dessen Haustür offensichtlich mit niedrigeren Löhnen kopiert, hat Singapur eine effiziente Brauchwasseraufbereitung entwickelt, die es immer unabhängiger von der Wasserversorgung des Nachbarn werden lässt.

Politiker Malaysias und Indonesiens halten Singapur vor, durch seine Landgewinnung die Umwelt zu zerstören. Zerrüttet ist auch das Verhältnis Singapurs zu Thailand. Weite Kreise im Bürgertum Bangkoks werfen dem reichen Kleinstaat vor, beim Kauf der thailändischen Shin Corp. durch Singapurs staatliche Investitionsgesellschaft Temsek Holdings gegen Gesetze verstoßen zu haben.

Beziehung zu Thailand immer weiter verschlechtert

Wahr ist zumindest, dass die Shin-Eigentümer, die Familie des von den Generälen gestürzten thailändischen Ministerpräsidenten Thaksin Shinawatra, Milliarden dabei einnahmen, ohne einen Baht Steuern zu zahlen. Nun sind die thailändischen Gerichte gefragt. So oder so aber ist Singapurs Image ramponiert. Zumal man hätte erwarten dürfen, dass ein Unternehmen wie Temasek um die Sensibilitäten im Nachbarland gewusst hätte.

Die Beziehungen zwischen dem wohlhabenden Zwergstaat und seinen größeren, aber viel ärmeren Nachbarn haben sich über die Monate Schritt für Schritt verschlechtert. Dies hat Auswirkungen auf die gesamte Region. Denn Singapur gilt als Antreiber einer politischen und wirtschaftlichen Einigung Südostasiens - die für 2015 angestrebt ist, nun aber in weiterer Ferne scheint.

„Ist Singapurs kaltherzig, berechnend, egoistisch?“

Singapur pocht auf seine Rechte. Die Nachbarländer indes schüren Emotionen. Singapur denke nur an sich selber, Singapur wolle die Region ausbeuten zum eigenen Nutzen, Singapur strebe die offene Vorherrschaft in Südostasien an, lauten die Vorwürfe. Will nicht der Stadtstaat seine Bevölkerung von derzeit gut 4 auf 6,5 Millionen Menschen hochtreiben und die Eliten auch der Nachbarländer anziehen?

„Es gibt eine alte Wahrnehmung, Singapur sei ein Parasit der Region. Es liegt an uns, zu zeigen, dass wir den Wert der Region steigern“, sagt Kishore Mahbubani, Ex-UN-Botschafter Singapurs und heute einer der Vordenker des Stadtstaates. Selbst die staatstragende Singapurer Tageszeitung „The Straits Times“ fragt schon: „Könnte etwas daran sein an der Kritik, Singapurs Diplomatie sei kaltherzig, berechnend, egoistisch?“

Sandstreit von Singapur ist kein Unikum in Asien

Die weniger erfolgreichen Nachbarländer suchten nach einem Buhmann, um von ihrem eigenen wirtschaftspolitischen Ungeschick abzulenken, heißt es dagegen auf Singapurs Straßen. Die Verschlechterung des Verhältnisses ist auch deshalb nicht ungefährlich, weil die Geschicke des Stadtstaates weitgehend von ethnischen Chinesen bestimmt werden. Die wirtschaftliche Elite der Auslandschinesen aber war immer wieder Opfer von Unruhen in den Nachbarländern.

Allerdings ist der Sandstreit von Singapur inzwischen kein Unikum mehr in Asien: So hat nun auch China einen Ausfuhrstopp für Sand erlassen. Die Begründung: Illegale Sandgruben im Lande führten zu einer weiteren Umweltzerstörung. Ausgerechnet - das von China nicht anerkannte - Taiwan fürchtet nun einen Sand-Lieferstopp aus der Volksrepublik. Denn immerhin ein Fünftel des benötigten Bausandes Taiwans stammt aus dem „Mutterland“.

Quelle: F.A.Z., 19.04.2007, Nr. 91 / Seite 13
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Jahrgang 1960, Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

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