02.12.2008 · Der Essener Arcandor-Konzern erhält einen neuen Vorstandsvorsitzenden. Thomas Middelhoff wird im Frühjahr aus dem Touristik- und Handelskonzern ausscheiden. Neuer Chef des angeschlagenen Unternehmens wird der bisherige Telekom-Finanzvorstand Eick.
Von Helmut Bünder und Brigitte KochDer Essener Arcandor-Konzern erhält einen neuen Vorstandsvorsitzenden. Thomas Middelhoff wird im Frühjahr aus dem Touristik- und Handelskonzern ausscheiden. Neuer Chef des angeschlagenen Unternehmens wird Karl-Gerhard Eick, bisher Finanzvorstand der Deutschen Telekom. Arcandor bestätigte entsprechende Vorabinformationen der F.A.Z.
Eick wird die Telekom zum 1. März kommenden Jahres verlassen. Der Aufsichtsrat entsprach am Dienstag seinem Wunsch, den noch bis 2012 laufenden Vertrag vorzeitig aufzulösen. Bei Arcandor wollte man den anstehenden Wechsel an der Unternehmensspitze nicht kommentieren. Dort wird lediglich darauf verwiesen, dass das Mandat Middelhoffs Ende kommenden Jahres endgültig ausläuft.
Kritik an Middelhoff immer lauter
Nach ursprünglichen Plänen hatte der noch amtierende Arcandor-Chef schon Ende 2008 aufhören wollen, um sich neuen Aufgaben in der Investmentbranche zuzuwenden. Wegen der Fülle noch ungelöster Probleme hatte er im Frühjahr indessen verlängert. Der 55 Jahre alte langjährige Bertelsmann-Manager stieß 2004 als Aufsichtsratschef zum damals noch unter Karstadt-Quelle firmierenden, kurz vor dem Ruin stehenden Unternehmen. Ein Jahr später löste er auf Wunsch der früheren Großaktionärin Madeleine Schickedanz den glücklosen Christoph Achenbach als Vorstandsvorsitzender ab. Middelhoff war zuletzt aber zunehmend in die Kritik geraten.
Auch der Finanzmarkt hat das Vertrauen in Arcandor verloren, wie der Kursverfall der Aktie innerhalb der vergangenen Monate auf ein Niveau von unter 2 Euro zeigt. Von diesem verlorenen Terrain will der neue Hauptaktionär, das Bankhaus Sal. Oppenheim, mit der Neubesetzung der Position durch einen ausgewiesenen Kapitalmarktexperten offenbar soviel wie möglich zurückgewinnen. Ein enger Vertrauter Middelhoffs sagte, der Konzern stehe vor wichtigen strategischen Entscheidungen. Es sei besser, wenn diese von einem neuen Management vorgenommen würden.
Eick schon bei Telekom Kandidat für den Chefsessel
Eick strebt seit längerer Zeit aus der zweiten Reihe an die Spitze eines Konzerns. Er freue sich auf eine „neue spannende Aufgabe“, sagte der Finanzvorstand. Zu seinem neuen Arbeitgeber wolle er sich jedoch noch nicht äußern, um nicht den „Gremien“ vorzugreifen. Eick genießt über die Deutsche Telekom hinaus hohes Ansehen. Bei der Deutschen Bank sitzt er seit 2004 im Aufsichtsrat. Es gilt auch als sein Verdienst, dass es dem Konzern gelang, die Schuldenlast binnen weniger Jahre zu halbieren und neuen Spielraum für Unternehmensübernahmen und Zukunftsinvestitionen zu gewinnen.
„Wir verlieren einen ausgezeichneten Fachmann, respektieren aber natürlich seine Entscheidung“, sagte Ulrich Lehner, der Aufsichtsratsvorsitzende der Telekom. Mehrfach hat Eick unter Beweis gestellt, dass er sich auch außerhalb seines Finanzressorts zu behaupten weiß. So übernahm er im vorigen Jahr übergangsweise den Posten des Personalchefs. Während des ersten großen Streiks in der Konzerngeschichte führte er die Verhandlungen mit der Gewerkschaft Verdi über die Auslagerung von 50.000 Beschäftigten in eine Untergesellschaft mit niedrigeren Löhnen und längeren Arbeitszeiten. Nach dem Rücktritt von Lothar Pauly leitete Eick vorübergehend außerdem die Geschäftskundensparte T-Systems und trieb dort die Suche nach einem Partnerunternehmen erfolgreich voran.
Der promovierte Betriebswirt, Jahrgang 1954, ist kein trockener „Herr der Zahlen“. Er schätzt den öffentlichen Auftritt, den er gern mit einer Prise Humor anreichert. Souverän wirkt sein Umgang mit den Medien, eine wichtige Voraussetzung für eine Position an der Konzernspitze. Schon in der Telekom war Eick als Kandidat für den Chefsessel gehandelt worden. Letztlich machte aber René Obermann Ende 2006 das Rennen um die Nachfolge des glücklosen Vorstandsvorsitzenden Kai-Uwe Ricke gewann. Eick wurde im Jahr 2000 Finanzvorstand der Telekom. Seit 2004 ist er auch stellvertretender Vorstandsvorsitzender.
Nachfolge Eicks noch offen
Das Verhältnis zwischen Eick und Obermann wird von deren Mitarbeitern als sehr professionell und kooperativ beschrieben. „Die beiden sind gut zusammengewachsen“, sagte ein Vertrauter von Vorstandschef Obermann. Auch bei gemeinsamen öffentlichen Auftritten hinterließen die beiden den Eindruck eines gut eingespielten Teams. Für das intakte Verhältnis spricht, dass Eick die Telekom erst nach der Bilanzpressekonferenz verlassen wird, um einen möglichst reibungslosen Übergang auf seinen Nachfolger zu gewährleisten. Wer seinen Posten übernimmt, steht noch nicht fest. Aus der Telekom hieß es, sowohl interne als auch externe Kandidaten seien im Gespräch. Begonnen hatte Eick seine Laufbahn bei BMW in München.