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Arcandor-Chef Eick im Interview „Ohne Bürgschaft ist für Karstadt Schluss“

24.05.2009 ·  Arcandor-Chef Karl-Gerhard Eick setzt der Regierung im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung die Pistole auf die Brust: Millionen her, oder wir schließen unsere Kaufhäuser. Allein der Zusammenschluss mit Kaufhof rettet Karstadt nicht.

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Arcandor-Chef Karl-Gerhard Eick setzt der Regierung im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung die Pistole auf die Brust: Millionen her, oder wir schließen unsere Kaufhäuser.

Herr Eick, löst ein Zusammenschluss mit dem Erzrivalen Kaufhof die Nöte von Arcandor?

Nein. Voraussetzung für alles Weitere ist eine Bürgschaft des Staates. Nur wenn Karstadt als gesundes Unternehmen überlebt, kann ein solider neuer Warenhauskonzern entstehen.

Nach Ihrem Treffen mit Metro-Chef Eckhard Cordes am Donnerstag klang es so, als könnte die Gründung einer Deutschen Warenhaus AG den Staat als Retter überflüssig machen.

Dieser Eindruck ist falsch. Um es klar zu sagen: Es gibt keine privatwirtschaftliche Lösung. Staatshilfe ist ohne Alternative. Erst danach können wir dem anderen ins Auge sehen. Ich lehne jeden Plan ab, der die vorherige Insolvenz von Arcandor unterstellt. Das habe ich Herrn Cordes auch mitgeteilt.

Das heißt: Sie müssen sich mit ihm erst wieder treffen, wenn die Staatshilfe bewilligt ist?

Das ist eine Frage der Terminkalender. Klar ist, dass Berlin erste Priorität hat, weitere Gespräche führen wir grundsätzlich nur auf Basis eines gesunden Arcandor. Alle anderen Versuche kann ich mir schenken. Jede Störung, die uns die Zeit stiehlt, ist schädlich.

Herr Cordes ist also ein Störer?

Bitte nicht falsch verstehen: Persönlich schätze ich Herrn Cordes sehr, schließlich kenne ich ihn seit der Zeit, als wir den Debis-Deal verhandelt haben, er für Daimler, ich für die Telekom. Nur verfolgt er jetzt seine eigenen Interessen, wittert er die Chance, einen Wettbewerber auszuschalten. Aus seiner Sicht eine logische Sache.

Seine Taktik zielt auf die Pleite von Arcandor, um sich dann aus der Konkursmasse zu bedienen?

Das ist Ihre Interpretation. Der möchte ich nicht widersprechen. Im Falle der Insolvenz holt sich Kaufhof einzelne Häuser. Dann gibt es kein Karstadt mehr.

Die Regierung schreckt dies offenbar nicht: Die Neigung, Ihnen mit Steuergeldern zu helfen, ist begrenzt.

Darüber gibt es keine abschließende Meinung, manche in Berlin sind dafür, andere dagegen, wieder andere unentschieden.

Maßgeblich ist der Wirtschaftsminister. Aus seinem Haus ist klare Ablehnung zu hören: Karstadt sei ein Fall von Managementversagen und deshalb nicht vom Staat zu retten.

Woher haben Sie diese Erkenntnisse? Mir hat das niemand so erzählt. Zudem wird die Staatshilfe nicht freihändig verteilt, nach Stimmungen, sondern gemäß klarer Regeln. Wir haben mit unseren Banken den Antrag auf eine Bürgschaft gestellt. Den begutachten jetzt die Wirtschaftsprüfer von PWC, auf der Basis tagt dann der Bürgschaftsausschuss.

Voraussetzung für eine Bürgschaft ist, dass die betreffende Firma frühestens im Sommer 2008, nach Ausbruch der Krise, in Schwierigkeiten geraten ist. Die Probleme von Karstadt sind viel älter.

Da müssen wir differenzieren, von welchen Problemen wir reden: Natürlich hatten wir trotz Fortschritten operative Schwächen, da machen wir kein Hehl daraus. All dies haben wir angepackt. Was uns jetzt die Luft nimmt, ist die Finanzkrise. Vor anderthalb Jahren hätte ich leichtes Spiel gehabt, für unser Konzept eine Finanzierung im Markt zu holen. Die Zeiten haben sich dramatisch geändert: Wir haben heute keinen Zugang zum Kapitalmarkt, eben wegen der Krise.

Worin liegt die volkswirtschaftliche Bedeutung Ihrer Kaufhäuser? Die Warenversorgung wird ohne Karstadt nicht zusammenbrechen.

Natürlich sind wir nicht systemrelevant wie eine Bank, so wenig wie Opel übrigens. Ich habe das auch nie behauptet. Sehr wohl hat Arcandor aber erhebliche volkswirtschaftliche Bedeutung.

Jetzt kommt das Argument mit den vielen Arbeitsplätzen.

Natürlich sind 46.000 deutsche Mitarbeiter, die um ihren Job bangen, ein Argument. Weitere 25.000 Mitarbeiter hängen mittelbar von uns ab. Karstadt ist aber auch lebenswichtig für die Innenstädte. Die Kaufhäuser sind unverzichtbar, um eine intakte Handelsstruktur und damit die Stadtzentren zu erhalten.

Warum soll der Steuerzahler Ihre Großaktionäre, Frau Schickedanz sowie die Privatbank Sal. Oppenheim, rauspauken, wenn die den Kaufhauskonzern heruntergewirtschaftet haben?

Vergessen Sie nicht, dass auch unsere Eigentümer einen erheblichen Beitrag leisten. Ohne deren Kapitalerhöhung geht es nicht, ebenso unterstützen uns Lieferanten, Gläubigerbanken, Vermieter, Mitarbeiter. Die bringen alle Opfer. Es kann nur gelingen, wenn alle mitziehen. Alles steht jedoch unter dem Vorbehalt der Staatsbürgschaft, ohne dass der Steuerzahler am Ende belastet wird. Wir zahlen dem Staat Zinsen und führen die Bürgschaft zurück.

Die Erfahrung lehrt: Am Ende ist der Bürge der Dumme, an ihm bleiben die Verluste hängen.

Dieses Risiko besteht immer, klar. Aber wenn alles läuft, wie wir es vorhaben, erleidet der Steuerzahler keinerlei Schaden. Eine Insolvenz käme ihn zweifellos teurer, das wäre für den Staat die mit Abstand teuerste Lösung.

Die ehemaligen Karstadt-Häuser, die unter dem Namen Hertie einen Neuanfang versucht haben, sind jetzt endgültig pleite. Das Genick gebrochen haben ihnen die horrenden Mieten, sagt der Insolvenzverwalter. Werden Sie davon auch erdrückt?

Nein. Ich bin weit davon entfernt, anderen die Schuld an unserer Lage zu geben. Verantwortlich für die Situation ist das Unternehmen selbst.

Das heißt: Schuld ist Ihr Vorgänger Thomas Middelhoff, der sich bis vor kurzem als Sanierer gepriesen hat?

Die Lage ist so, wie sie ist.

Kann es sein, dass die Zeit der Warenhäuser einfach vorbei ist?

Diese Ausrede akzeptiere ich nicht. Natürlich müssen sich Kaufhäuser weiterentwickeln, müssen wir das Sortiment anpassen. Aber Tag für Tag betreten 1,5 Millionen Menschen in Deutschland einen Karstadt - nicht weil es draußen so kalt ist, sondern weil sie einkaufen wollen. Soll mir, verdammt noch mal, niemand erzählen, damit ließe sich kein Geld verdienen.

Akut fehlen Ihnen 650 Millionen Euro. Wie lange haben Sie noch Zeit, das Geld zu beschaffen?

Der 12. Juni ist der Tag der Wahrheit, zu dem Termin brauchen wir die Bürgschaft. Dann läuft ein Kredit aus.

Wie viel wetten Sie darauf, dass Arcandor an dem Tag nicht Insolvenz anmeldet und überlebt?

Ich wette grundsätzlich nicht, rechne aber fest damit, dass wir das hinbekommen.

Karl-Gerhard Eick, 55, steht seit März dieses Jahres an der Spitze des Arcandor-Vorstandes. Ein Spaß ist das nicht. Er komme gegenwärtig mit vier Stunden Schlaf aus, sagt Eick, ein Schwabe, der über die Stationen BMW, WMF, Carl Zeiss, Haniel und Deutsche Telekom zu Arcandor gestoßen ist. Das Unternehmen hieß früher Karstadt-Quelle und wurde von Eicks Vorgänger Thomas Middelhoff in einen Handels- und Touristikkonzern umgewandelt. Die Misere der Karstadt-Kaufhäuser bringt das Unternehmen nun an den Rand der Insolvenz. Zum Überleben will Arcandor eine staatliche Bürgschaft von 650 Millionen Euro plus einen Kredit von der KfW in Höhe von 200 Millionen Euro.

Das Gespräch führte Georg Meck.

Quelle: F.A.S.
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