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Arbeitszeitdebatte Schrempp glaubt an Verhandlungslösung

16.07.2004 ·  Bundesweit haben mehr als 60.000 Mitarbeiter von Daimler-Chrysler gegen die Sparpläne des Unternehmens demonstriert. Vorstandschef Schrempp geht von einem Kompromiß zwischen Konzernleitung und Betriebsrat aus.

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Daimler-Chrysler-Vorstandschef Jürgen Schrempp geht davon aus, daß Konzernleitung und Betriebsrat eine einvernehmliche Lösung für das Streitthema Einsparungen finden. Am Rande einer Veranstaltung mit dem baden-württembergischen Ministerpräsidenten Erwin Teufel am Donnerstag in Stuttgart sagte Schrempp: „Ich sage Ihnen voraus, daß wir am Schluß eine von beiden Seiten getragene Lösung bekommen.“

Schrempp räumte ein, daß die Verhandlungen schwierig seien. Zu den Protesten befragt sagte er, es sei klar, daß es Aufregung gebe. Er halte es im übrigen für eine Frage des guten Stils, die Verhandlungen mit dem Verhandlungspartner zu führen und nicht über die Medien. Der Auto-Boß betonte: „Wir haben ein Kostenproblem im verschärften Wettbewerb.“

Bsirkse: "Schlüsselauseinandersetzung"

Teufel sagte zu dem Konflikt um Einsparungen bei Daimler-Chrysler, wenn das Unternehmen die gleichen Wettbewerbbedingungen haben wolle, wie es sie in anderen Bundesländern gebe, dann habe er dafür „großes Verständnis“. Auch der Präsident des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall, Kannegiesser, bezeichnete es als legitim, daß ein großes Unternehmen versuche, sich an veränderte Wettbewerbssituationen anzupassen. Der Flächentarifvertrag werde davon unabhängig für die meisten Unternehmen oder zumindest für die meisten Beschäftigten noch lange gültig bleiben. Allerdings werde es eine größere Vielfalt geben. Der Vorsitzenden der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft (Verdi), Bsirkse, sprach von einer "Schlüsselauseinandersetzung" um den Flächentarif. Er sei ein wesentlicher Anker, der vor einem Marsch in die Deflation schütze. Löhne und Preise sänken, gleichzeitig werde zu wenig investiert. "Setzt sich diese deflationäre Tendenz durch, dann kann uns eine ökonomische Situation wie in den frühen dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts drohen".

Mehr als 60.000 im Streik

Mehr als 60.000 Daimler-Chrysler-Beschäftigte haben am Donnerstag wegen der drastischen Sparpläne des Autokonzerns die Produktion in Deutschland vorübergehend lahm gelegt. Für etwa zwei Stunden standen während der Frühschicht in allen großen Pkw- und Nutzfahrzeugwerken die Bänder still. Ungeachtet der scharfen Attacken auf den Kundgebungen gegen das Konzernmanagement, betonten Gesamtbetriebsrat und Vorstand ihre Kompromißbereitschaft.dem Sparprogramm geht es um Schichtzulagen oder auch Pausenregeln, die zwar in baden-württembergischen, nicht aber in anderen Werken des Unternehmens, gelten.

„Wir wollen die Arbeitsplätze in Deutschland sichern und einen Abschluß im Dialog“, sagte ein Daimler-Chrysler-Sprecher in Stuttgart. Gesamtbetriebsratschef Erich Klemm betonte, es müsse eine faire Einigung geben. Der Vorstand will beim Bau der neuen C-Klasse ab 2007 jährlich 500 Millionen Euro Kosten einsparen und hat mit dem Abbau von 6000 Arbeitsplätzen gedroht.

Von Sindelfingen nach Bremen oder Südafrika

Stimme der Betriebsrat den Kürzungen bei Löhnen, Zuschlägen, Pausen, Urlaubs- und Feiertagen nicht zu, werde die C-Klasse in Bremen und Südafrika gebaut. Dies würde 6000 der über 30 000 Jobs in Sindelfingen kosten. Dort verließen am Morgen fast 20.000 Arbeiter die Bänder, laut Betriebsrat wurden etwa 800 Mercedes-Limousinen nicht montiert. In Stuttgart-Untertürkheim protestierten etwa 10.000 Beschäftigte, in Mannheim 8000, in Wörth (Rheinland-Pfalz) und Bremen jeweils 5000. Auch in Hamburg, Berlin, Kassel, Gaggenau und Rastatt gab es Proteste.

Klemm, der stellvertretender Aufsichtsratschef des Autokonzerns ist, sagte in Sindelfingen, der Vorstand „spekuliere in zutiefst unmoralischer Weise mit der Angst der Beschäftigten vor dem Verlust des Arbeitsplatzes. Im Windschatten der Hetzkampagne gegen Gewerkschaften will Daimler-Chrysler die Tarifverträge knacken.“ Der Betriebsrat habe in den Verhandlungen bereits den Verzicht auf Lohnzuwächse von mehr als 200 Millionen Euro angeboten. Eine halbe Milliarde Euro sei jedoch völlig abwegig.

Auch der Betriebsrat setzt auf Kompromiß

Zwischen diesen Zahlen müsse ein Kompromiß gefunden werden. „Ich halte es für ausgeschlossen, daß es zu keinem Ergebnis kommt“, betonte Klemm. Nach dpa-Informationen steht er mit Vorstandschef Jürgen Schrempp in ständigem Kontakt. Die Verhandlungen werden am 20. und 21. Juli fortgesetzt. Klemm unterstrich die Leistungsfähigkeit des kritisierten Mercedes-Hauptwerks in Sindelfingen. „Wir sind und wir wollen das profitabelste Werk des Konzerns bleiben.“ Der Vorstand werde scheitern, wenn er einen Keil zwischen die Werke treiben wolle. „Wir streiten über zusätzliche Autos - alle drei Standorte Sindelfingen, Bremen und Südafrika könnten gut ausgelastet werden.“

Der baden-württembergische IG Metall-Chef Jürgen Hofmann nannte die Sparpläne des nach Umsatz größten deutschen Unternehmens unmoralisch. „Die Belegschaft hat oft genug mit ihrer Leistung Managementfehler ausgebügelt.“ Die Sparte Mercedes Car Group (Mercedes, smart, Maybach), die 160 000 Menschen in Deutschland beschäftigt, trug 2003 mit rund 3,1 Milliarden Euro zum gesamten operativen Konzerngewinn (Operating Profit) von 5,7 Milliarden Euro bei.

Dem Vorstand sind vor allem die im Vergleich zu Bremen höheren Arbeitskosten in Sindelfingen ein Dorn im Auge. Dort bekommen die Arbeiter unter anderem schon ab 12 Uhr mittags 20 Prozent Spätschichtzulage und eine Extra-Pause von fünf Minuten pro Arbeitsstunde („Steinkühler-Pause“). Diese von Mercedes-Chef Hubbert angestoßene Diskussion „kotzt mich an“, meinte Klemm. Hubbert, der im April 2005 in Ruhestand geht, will ab 2007 die Produktionskosten der C-Klasse um 500 Euro je Fahrzeug senken und damit das heutige Niveau des Konkurrenten BMW erreichen.

Rückendeckung erhielt der von Politikern und Gewerkschaften kritisierte DaimlerChrysler-Vorstand von Gesamtmetall-Präsident Martin Kannegiesser. Er sagte der „Berliner Zeitung“: „Der Wunsch von DaimlerChrysler, durch Abschaffung von Privilegien, die es nirgendwo sonst so gibt, die Produktion seiner Modellinien am Standort Stuttgart wettbewerbsfähiger zu machen, ist ein typischer Anwendungsfall unseres neuen Tarifvertrages.“

"Der Vorstand läuft Amok."

Aus der Zeitung des Betriebsrats von Daimler-Chrysler

Quelle: FAZ.NET mit Material von enn./mas./sup., dpa und AP
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