07.05.2008 · Üblicherweise liest man von polnischen Fliesenlegern, die hierzulande neue Arbeit finden. Seit kurzem geht der kleine Grenzverkehr auch anders herum: Deutsche Handwerker machen gute Geschäfte in Osteuropa. Unter anderem beim Bau des größten polnischen Spaßbades in Breslau.
Von Carsten Germis„Polnische Handwerksbetriebe bieten ihre Leistungen oft teurer an als deutsche.“ Schreinermeister Michael Hecker aus dem bayerischen Malgersdorf sagt das, als sei es die selbstverständlichste Sache der Welt. Während die Politik noch vor der Billigkonkurrenz aus dem Osten warnt und alles unternimmt, den heimischen Markt abzuschotten, machen sich immer mehr deutsche Handwerker schon auf in Richtung Osten. Für Schreinermeister Hecker ist Osteuropa ein wichtiger Markt geworden. Fast zwei Jahre lang hat der Mann mit dem Schnauzbart in Breslau an Polens größtem Spaßbad mitgebaut. 35 Millionen Euro hat der Bau gekostet. 80 Prozent der Aufträge sicherten sich kleinere deutsche Handwerksunternehmen. „Die waren einfach billiger“, sagt Pawel Moras, der Geschäftsführer des Erlebnisbads.
Sieben Stunden Fahrzeit musste Hecker für den Weg von seiner Drei-Mann-Schreinerei in Bayern nach Breslau einplanen. „Osteuropa ist für das deutsche Handwerk eine Riesenchance“, sagt er. „Man muss nur bereit sein, seinen Heimathafen auch mal zu verlassen.“ Noch sind Handwerker wie Hecker eher die Ausnahme. Gerade mal 3,5 Prozent oder 14,1 Milliarden Euro ihres Gesamtumsatzes machen deutsche Handwerksbetriebe derzeit im Ausland - doch die Tendenz ist stark steigend.
Der kleine Grenzverkehr - jetzt in die andere Richtung
„Seit ein paar Monaten erleben wir diese Entwicklung. Deutsche Handwerker fassen allmählich in Osteuropa Fuß“, berichtet Alexander Legowski vom Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH). Die steigenden Löhne in den osteuropäischen Mitgliedstaaten der EU, der Fachkräftemangel und der wachsende Bedarf durch das anhaltend hohe Wirtschaftswachstum in Ländern wie Polen macht deutsche Unternehmen auf diesen Märkten wettbewerbsfähig. Nach dem Fall der Mauer sah das lange ganz anders aus: Deutsche Handwerker litten unter der preiswerten Konkurrenz aus Osteuropa. Doch „langsam entwickelt sich der kleine Grenzverkehr auch in die andere Richtung“, sagt Legowski.
Wie Schreinermeister Heckel hat auch Malermeister Jens Adam aus Chemnitz den Zuschlag beim Breslauer Spaßbad bekommen. Immer wieder montags fuhren acht seiner Mitarbeiter die 330 Kilometer von Chemnitz nach Breslau. Die Woche über schliefen sie in Pensionen, am Freitag ging es zurück in die Heimat. „Die Leute waren schon überrascht, als es hieß: Wir haben einen Großauftrag aus Polen“, berichtet Adam.
Hecker bekam den Zuschlag für die 2500 Quadratmeter große Holz-Glas-Fassade des Bades. Der Auftrag wurde europaweit ausgeschrieben - wie es die Europäische Union (EU) verlangt. Die Zahl der Bieter aus Deutschland blieb dabei auf vier bis fünf begrenzt. „Wir waren am Ende die Günstigsten“, sagt Hecker. Er weist aber auch darauf hin, dass sich nur eine polnische Firma um den Auftrag beworben hat. In Polen fehlten einfach die Fachkräfte. Wer eigene Initiative zeige und gut ausgebildet sei, den ziehe es nach England oder Irland. Hunderttausende Polen arbeiten mittlerweile in Westeuropa - und fehlen auf dem Heimatmarkt. Plötzlich kommen so deutsche Betriebe zum Zuge.
„Amtssprache auf der Baustelle in Breslau war Deutsch“
„Die Amtssprache auf der Baustelle in Breslau war eigentlich Deutsch“, sagt Hecker und lacht. Die wichtigen Begriffe auf Polnisch habe er sich schnell angeeignet. Seine beiden Mitarbeiter ließ Hecker meistens zu Hause in Malgersdorf, wo sie weiter an den Aufträgen aus der Region arbeiteten. 70 Mal ist Hecker „rübergefahren“, 40 Mal davon allein. In Breslau hat er bis zu sieben Polen angestellt, die unter seiner Anleitung und nach seinen Plänen bauten. „Die haben unser Knowhow nicht“, sagt Hecker. Dieses Wissen und der Ruf, die Arbeit pünktlich und zuverlässig abzuliefern, machen deutsche Handwerker für Bauherren in Polen oder in Tschechien attraktiv, selbst wenn sie in dem einen oder anderen Fall immer noch zehn Prozent teurer sind als die einheimische Konkurrenz.
Hecker hat das bei seinem zweiten Auftrag gemerkt, den er beim Bau des Bades bekommen hat. Da ging es um Innenausbauten. Eine polnische Firma bot den Bauherren plötzlich 28 Prozent Rabatt. Heckers Antwort: „Das machen wir nicht, das rechnet sich nicht.“ Die Polen bekamen den Zuschlag. Gerade die Spezialarbeiten, die Hecker mit eigenen Leuten machen wollte, boten die Polen aber nicht an. Für die bekam am Ende doch der Bayer den Zuschlag - und ein Auftrag für weitere 70.000 Euro ging nach Deutschland.
Für Hecker rechnet sich sein Engagement in Polen. 1,15 Millionen Euro hat er in Breslau umgesetzt. „Gigantisch“, sagt er selbst. Im Durchschnitt rechnet ein Tischlerbetrieb seiner Größe mit maximal 100.000 Euro Jahresumsatz pro Beschäftigten. Obwohl er die Arbeiten in Breslau größtenteils mit polnischen Handwerkern machte, hat er mit seinem Auftrag auch in Deutschland Arbeitsplätze gesichert. „So eine Fassade wie in Breslau, die produzieren wir nicht allein“, sagt er. Fünf Betriebe aus der Nachbarschaft in Bayern lieferten Hecker zu. „Vier oder fünf Beschäftigte anderer Firmen haben so durch uns Arbeit“, sagt der Schreinermeister.
Die Handwerkskammern haben die Chancen Osteuropas erkannt
Auch das Material kaufte er in Deutschland. „Das ist in Polen nicht mehr günstiger“, sagt er. „Die Sachen kosten eher noch mehr.“ Außerdem liegt die Mehrwertsteuer in Polen bei 22 Prozent - also höher als in Deutschland. „Aluminiumaußentüren haben ungefähr einen Nettowert von 40.000 Euro“, rechnet Hecker vor. „22 Prozent drauf, da sind wir bei über 50.000 Euro. Und diesen zehntausend Euro kann ich ein Jahr und noch länger hinterherlaufen, bis ich die vom Finanzamt wiederhabe.“ Also kommen die Türen aus Deutschland. Wie das Holz. Alles ist eben eine Preisfrage.
Der ZDH sieht in den wachsenden osteuropäischen Märkten in einer Studie von Ende 2007 „noch ein erhebliches Steigerungspotential“ für die deutschen Handwerker. Polen und Tschechien seien nicht zuletzt wegen der räumlichen Nähe zu einem wichtigen Absatzmarkt geworden. Trotz dieser überraschend positiven Entwicklung zeigt die Studie des ZDH, dass die meisten Handwerksbetriebe keine Geschäftskontakte ins Ausland haben: „Das Handwerk ist fest im Inland und in seinem regionalen Umfeld verankert.“ 59,2 Prozent des Umsatzes werden direkt vor Ort, also in einem Umkreis von 30 Kilometern, gemacht, weitere 23,4 Prozent in der Region, also einem weiteren Umkreis von 100 Kilometern. Die deutschen Handwerkskammern haben die Chance erkannt, die Osteuropa bietet. Überall bieten sie daher gezielt Hilfen für Unternehmen an, die im Ausland aktiv werden wollen.
Alles rund um Bau und Ausbau boomt in Polen
Wie kommt es da, dass ein bayerischer Handwerker nach Breslau gegangen ist? Hecker kannte Architekten und Planer bereits vom Bau eines Erlebnisbades in Deutschland. Das gab ihm den Mut, sich für den Auftrag aus Breslau zu bewerben. Gerade Polen ist für deutsche Unternehmen ein interessanter Markt. „Alles, was sich um den Bau und den Ausbau bewegt, boomt in Polen“, sagt Lars Bosse vom Vorstand der Auslandshandelskammer in Polen. „Steigende polnische Löhne, Probleme mit exakten Terminplanungen sowie unterschiedliche Qualitätsanforderungen führen dazu, dass gerade ostdeutsche Unternehmen des Bau- und Ausbaugewerbes immer wieder Ausschreibungen gewinnen.“ Die im Schnitt immer noch etwas höheren deutschen Preise werden dadurch wettgemacht, dass kaum Nachbesserungen notwendig sind und die engen Terminplanungen eingehalten werden.
Vor allem spezialisierte, größere Unternehmen mit mehr als 50 Beschäftigten haben ihre Chance im Ausland erkannt. Und die Erfolge sprechen sich herum. Geschäfte mit dem Ausland bekommen für die Handwerker eine immer größere Bedeutung. Mit den Orgelbauern Wolfgang Brommer und Heinz Jäger aus Waldkirch in Baden-Württemberg wurde 2007 sogar erstmals ein Handwerksbetrieb mit dem Außenhandelspreis geehrt.
Schreiner Hecker hat schon eine neue Baustelle im lettischen Riga
Exakte Zahlen, die die Ost-Erweiterung des deutschen Handwerks belegen, gibt es noch nicht. Doch vor allem in den Grenzgebieten häufen sich die Erfolgsmeldungen. „Der Trend ist da“, heißt es bei der Handwerkskammer in Frankfurt an der Oder. Und Walter Grazzeck von der Cottbuser Handwerkskammer kommentierte den Boom in Polen bereits vor einigen Monaten mit dem Satz: „Seit rund einem Jahr spüren wir diese Entwicklung, gerade bei den sogenannten Bauhauptleistungen, also bei Maurer-, Beton- und Rohbauarbeiten: Wer eine gute Leistung anbietet, bekommt dafür auch in Polen seinen Preis. Geld ist da zurzeit genug vorhanden.“
Für Hecker bleibt der Osten jedenfalls attraktiv. Seine neue Baustelle hat er im lettischen Riga. „Polen war für mich sehr gut“, sagt er. Einen Punkt lobt er bei den Osteuropäern besonders: die Zahlungsmoral. Rechnungen würden prompt bezahlt. „Da können sich 95 Prozent der deutschen Auftraggeber eine Scheibe abschneiden.“
Carsten Germis Jahrgang 1959, Wirtschaftskorrespondent für Japan mit Sitz in Tokio.
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