07.10.2009 · Die Krise wirkt sich immer deutlicher auch am Arbeitsmarkt aus. Immer mehr Unternehmen kündigen Entlassungen an: im September zum Beispiel die Bahn 6000, Opel im Inland 4100, Quelle 3100 und Heidelberger Druck 2500 Stellen. Einige Branchen klagen aber über Fachkräftemangel.
Von Georg GiersbergDie Krise am deutschen Arbeits- und Stellenmarkt spitzt sich zu. Zwar berichten viele Unternehmen davon, dass der freie Fall der Auftragseingänge aus den ersten Monaten des Jahres inzwischen verlangsamt oder gar gestoppt werden konnte. Und manche berichten seit Juni wieder von leicht steigenden Auftragseingängen. Aber dass das Auftragsloch – das bei vielen Unternehmen hoch zweistellig ausgefallen ist – kurzfristig gestopft werden könnte, glaubt fast niemand mehr. Es hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass erst in den Jahren 2013, 2014 oder bei manchen gar erst 2015 wieder jene Umsatzhöhen erreicht werden, wie man sie in den Jahren 2007 und 2008 verbuchen konnte. So lange kann man aber keine Leerkapazitäten vorhalten.
Diese Entwicklung hat für viele Mitarbeiter schlimme Folgen. Es werden Arbeitsplätze abgebaut. Noch wird durch Kurzarbeit vieles überbrückt. Das bestätigte auch die Nürnberger Bundesagentur für Arbeit bei der Vorlage ihrer jüngsten Zahlen in der vergangenen Woche.
Jeder fünfte in Großunternehmen arbeitet kurz
In den deutschen Großunternehmen arbeitet derzeit im Durchschnitt jeder fünfte Mitarbeiter kurz. Der Umfang der Arbeitszeitreduzierung liegt meist zwischen 20 und 40 Prozent. Es gibt aber auch, beispielsweise im Werkzeugmaschinenbau, nicht wenige Unternehmen, in denen inzwischen nur noch an ein oder zwei Tagen in der Woche gearbeitet wird. Die Branche blickt daher mit Spannung auf ihre größte internationale Messe, die derzeit in Mailand läuft. Aber selbst wenn durch neue Bestellungen das Auftragspolster wieder etwas dicker wird, ist nicht davon auszugehen, dass alle Kurzarbeiter wieder schnell zur Vollbeschäftigung zurückkehren können.
Über Fluktuation und Einstellungsstopps wird allerorten versucht, ohne Entlassungen auszukommen. Selbst der große Automobilzulieferer Schaeffler will versuchen, Personalkosteneinsparungen im Volumen von 4500 Stellen ohne betriebsbedingte Kündigungen zu erreichen. Aber längst hat eine Entlassungswelle eingesetzt, die weiter – und mit zunehmender Geschwindigkeit – anschwillt. Die vierteljährliche Auswertung der öffentlich angekündigten Stellenstreichungen oder Neueinstellungen durch das Archiv der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zeigt, dass im dritten Quartal nur zwei Unternehmen in nennenswertem Umfang Neueinstellungen angekündigt haben.
Aufwärts im Hanauer Versandhaus Schwab
Das war zum einen das zur Otto-Gruppe gehörende Hanauer Versandhaus Schwab. In einem neuen Zentrallager im hessischen Langenselbold plant die Schwab GmbH die Schaffung von mehreren hundert neuen Arbeitsplätzen. Das Gesamtprojekt umfasst nach Firmenangaben ein Investitionsvolumen von 15 Millionen Euro, um vom Sommer 2010 an dort für myToys.de die Lagerung und Konfektionierung aller Waren des Spielzeug- und Kinderbekleidungsanbieters mit Sitz in Berlin zu übernehmen. 2010 soll das neue Zentrallager in Betrieb genommen werden. Der Baubeginn ist für diesen Sommer geplant. Drei weitere Bauabschnitte folgen, bis dann rund 500 Menschen in dem Lager in Langenselbold beschäftigt sein sollen.
Der zweite nennenswerte Stellenschaffer der vergangenen drei Monate war der Bonner Solarkonzern Solarworld. Er kündigte vor wenigen Tagen an, die Produktionskapazität für Solarstrommodule im sächsischen Freiberg bis Ende 2010 auf 450 Megawatt verdreifachen zu wollen. Gemeinsam mit einem Ausbau der Waferfertigung in Freiberg schaffe das Unternehmen damit mehr als 500 neue Arbeitsplätze in der Region, hieß es. Solarworld wollte die Entscheidung als „klares Bekenntnis zum Standort Deutschland“ gewertet wissen. Den Mitbewerber Q-Cells dagegen zieht es nach Asien. Er baut deshalb 500 Stellen in Deutschland ab.
Und auch Schwab steht nicht für generelles Wachstum im Versandhandel oder gar der ganzen Otto-Gruppe. Der weltgrößte Versandhandelskonzern Otto mit Sitz in Hamburg strafft und bündelt nämlich gerade seine gesamte Lagerlogistik. Dies geht einher mit einem beträchtlichen Personalabbau: In Hamburg, Hanau, Würzburg sowie im österreichischen Graz streicht Otto knapp 1000 Stellen. Auf der anderen Seite soll das Auslieferungslager in Haldensleben (Sachsen-Anhalt) ausgebaut werden. Dadurch werden nach einer Mitteilung des Unternehmens 620 Arbeitsplätze neu geschaffen werden. Von dem Plan, die Auslieferungen in Haldensleben und Burgkunstadt sowie die Retourenlogistik in Hamburg, Hanau und Pilsen zu bündeln, ist der Standort Hamburg am stärksten betroffen: Dort fallen 590 Stellen weg. Der Logistikbetrieb in Graz wird komplett geschlossen. Das kostet 270 Menschen den Job. In Hanau müssen 100 und in Würzburg 34 Mitarbeiter gehen.
Mit dem Stellenabbau in illustrer Gesellschaft
Otto befindet sich mit dem Stellenabbau in illustrer Gesellschaft. Allein im September haben mit der Bahn (6000 Stellen sollen wegfallen), Opel (im Inland 4100), Quelle (3100) und Heidelberger Druckmaschinen (2500) vier Unternehmen bekanntgegeben, jeweils mehr als 1000 Stellen streichen zu wollen. Und auch unter der Tausenderschwelle kamen mit DHL (720), Lufthansa (670), Schmitz Cargobull (Nutzfahrzeughersteller, 410), dem Autozulieferer AE (400), dem Ingenieurdienstleister Ferchau (400) und dem Spielwarenhersteller Märklin (400) einige prominente Stellenabbauer in den letzten Wochen und Tagen hinzu.
Die Gesamtstatistik der veröffentlichten Ankündigungen von Stellenstreichungen und Stellenschaffungen ist in den letzten drei Monaten ganz eindeutig auf die Seite der Stellenstreicher gekippt. 2007 wurde fast doppelt so viel Stellenaufbau angekündigt wie Stellenstreichungen. 2008 war die Bilanz nahezu ausgeglichen. Auch im ersten Quartal 2009 lagen beide Zahlen noch etwa auf gleicher Höhe. Einstellungen wurden noch vom Einzelhandel vorhergesagt; die Liste der Stellenschaffer wurde angeführt von den beiden großen Einzelhandelsunternehmen Rewe und Edeka sowie Kaufland und Lidl (beide gehören zur Schwartz-Gruppe).
Dann aber kippte die Statistik. Seit dem zweiten Quartal 2009, also seit April dieses Jahres, überwiegen die Stellenstreichungen – mit zunehmender Geschwindigkeit. Während die Stellenzuwächse stagnieren, schnellten die Stellenstreichungen bis Ende Juni auf das Doppelte hoch, und per Ende September kommen auf eine angekündigte neue Stelle fast drei angekündigte gestrichene Stellen. Die Zahl der Stellenstreichungen bislang hat bereits fast die Höhe des gesamten Vorjahres von 86 000 (öffentlich angekündigten Streichungen) erreicht. Es ist daher davon auszugehen, dass 2009 deutlich mehr Stellen wegfallen als ein Jahr zuvor und nur wenige neue Stellen hinzukommen.
Nach wie vor nicht alle Stellen besetzt
Allerdings sind auch nach wie vor nicht alle Stellen besetzt. Vor allem fehlt der deutschen Wirtschaft zunehmend der Nachwuchs. Das trifft auf Ingenieure ebenso zu wie auf Auszubildende in Lehrberufen. Der VDI (Verein Deutscher Ingenieure) teilt in seinem gemeinsam mit dem Institut der deutschen Wirtschaft herausgegebenen monatlichen Ingenieurmonitor mit, dass auch im August „das gesamtwirtschaftliche Stellenangebot über alle Ingenieurberufsordnungen hinweg 52 069 unbesetzte Stellen“ betragen habe. Das sei zwar 5,4 Prozent weniger als im Vormonat und sogar ein Rückgang von 40 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat, aber angesichts der allgemeinen Wirtschaftslage noch immer eine beeindruckend hohe Zahl. Dem stehen zwar auch 27 000 arbeitslose Ingenieure gegenüber, die aber von ihrer Ausbildung her nicht auf die offenen Stellen passen. Trotz aller Absatzsorgen beklagen vor allem die Maschinen- und Fahrzeugbauer, 18 300 Ingenieurstellen nicht angemessen besetzen zu können.
Immer mehr Branchen beklagen einen Mangel an Auszubildenden. Das Fleischerhandwerk kann weder alle Ausbildungsplätze für Verkäuferinnen noch die für Metzger besetzen. Vor einem Mangel an Bewerbern für Ausbildungsplätze im Einzelhandel hat der Hauptverband des Deutschen Einzelhandels (HDE) gewarnt. Vor allem in den neuen Bundesländern gebe es einen dramatischen Rückgang an jugendlichen Bewerbern. Betroffen seien aber auch westdeutsche Ballungsräume. Die Jugend muss also trotz der negativen Schlagzeilen vom Arbeitsmarkt nicht verzweifeln. Sie wird gebraucht. Am dringendsten werden Schüler und Studenten mit guter mathematisch-naturwissenschaftlicher und technischer Ausbildung gesucht.
Georg Giersberg Jahrgang 1955, Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.
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