http://www.faz.net/-gqe-8bx6u
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 03.01.2016, 10:26 Uhr

Arbeiten 4.0 Geld verdienen von der Couch aus

Im Internet erledigen Auftragsarbeiter heute alles: Kleider einsortieren, Produkte beschreiben oder Softwares programmieren. Droht Deutschland ein Heer digitaler Tagelöhner?

von
© Picture-Alliance Home Office: Flexible Arbeitsbedingungen sind in Deutschland (noch) unbeliebt.

Johannes Christoph ist wählerisch. Der 27-Jährige nimmt längst nicht jeden Auftrag an, der ihm auf der Online-Plattform „Clickworker“ angeboten wird. Kleidung für Internet-Versandhändler in Kategorien einzusortieren zum Beispiel, das liegt ihm nicht. Denn um zu entscheiden, ob ein Kleid eher ein Freizeitkleid oder ein Jerseykleid ist, es sich um eine Bluse oder eine Tunika handelt, muss er erst eine Weile recherchieren. Weil es für jedes einsortierte Kleidungsstück nur Centbeträge gibt, lohnt sich das nicht – zu groß ist der Zeitaufwand. Besser läuft es mit den Ebay-Aufträgen. Hier gilt es, zu entscheiden, ob die Verkäufer ihre Produkte der richtigen Kategorie zugeordnet haben, Ersatzteile für Autos also nicht bei Motorrädern einsortiert sind. Dafür gibt es jeweils 14 Cent, zwei bis drei Teile schafft Christoph in der Minute. Das bringe 6 bis 7 Euro in der Stunde, sagt er.

Britta Beeger Folgen:

Spaß? „Nein, Spaß macht das natürlich nicht“, sagt der Erfurter. Er müsste diese Arbeit auch gar nicht machen, schließlich hat er zwei halbe Stellen als Landschaftsarchitekt sowie als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität. Doch ihm gefällt, dass er seine freie Zeit so besser nutzen kann. Wenn er im Fernbus sitzt oder zu Hause einen Film schaut, verdient er sich nebenbei ein bisschen was dazu. Mal kommen so im Monat 5 Euro zusammen, mal 80 Euro, mal 20 Euro, „ein nettes Taschengeld“, wie er sagt.

So wie Christoph könnten bald noch viel mehr Menschen vom heimischen Computer aus Geld verdienen – ganz flexibel, wann immer sie Zeit haben und in einem Ausmaß, das sie selbst festlegen. Denn die Digitalisierung führt dazu, dass Unternehmen Projekte zunehmend in kleine Aufgaben zerlegen und über Plattformen wie „Mechnical Turk“ von Amazon oder „Elance-oDesk“ an eine große Menge Menschen auf der ganzen Welt auslagern – sogenannte Crowdworker. Allein auf der Clickworker-Seite sind nach Unternehmensangaben 700.000 Menschen registriert. Die Bandbreite an Aufträgen ist groß, in Frage kommt alles, was über das Internet abgewickelt werden kann: Adressen recherchieren, Preise im Supermarkt abfotografieren, Produkte in kurzen Texten beschreiben, Logos entwerfen, Software programmieren.

Flexible Arbeitsverhältnisse sind unbeliebt

Schon werden Befürchtungen laut, Deutschland könne sich zu einem Heer digitaler Tagelöhner entwickeln, das sich ohne soziale Sicherung, Kündigungsschutz, Urlaubsanspruch und Lohnfortzahlung im Krankheitsfall von einem Auftrag zum nächsten hangelt. Ob es so weit kommt, darf bezweifelt werden, überhaupt kann noch niemand mit Sicherheit sagen, wie die Arbeitswelt der Zukunft genau aussehen wird. Schon jetzt stellen sich Arbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) und die großen Gewerkschaften aber die Frage, wie die soziale Absicherung von Erwerbstätigen sowie die Finanzierbarkeit der Sozialsysteme in der digitalen Arbeitswelt funktionieren sollen. Unter dem Stichwort „Arbeiten 4.0“ hat Nahles deshalb schon im Frühjahr einen Dialogprozess zur Digitalisierung der Arbeit angestoßen. Die Gewerkschaft IG Metall hat ein eigenes Internetportal zum Thema gestartet, das Rechtsrat und Bewertung verschiedenen Crowdworking-Anbieter bietet.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Christian Kern Ein Genosse der Bosse für Österreich

Österreichs künftiger Kanzler ist ein Mann aus der Wirtschaft. Entsprechend hoch sind die Erwartungen an seine Wirtschaftspolitik. Wird er sie erfüllen können? Mehr Von Christian Geinitz

14.05.2016, 11:03 Uhr | Wirtschaft
Gehälter Das verdienen Ingenieure 2016

Wer die Wirtschaft digitalisieren und Maschinen vernetzen will, der braucht dafür hochqualifizierte Entwickler und Produktionsfachleute. Der Gehaltsatlas von F.A.Z. und Gehalt.de zeigen, wo Ingenieure daraus am meisten Kapital schlagen. Mehr

26.04.2016, 12:33 Uhr | Beruf-Chance
F.A.Z. Exklusiv Zeitarbeit sorgt sich um Tausende Arbeitsplätze

Personalverleiher erwarten kaum noch Wachstum. Schuld an der schwierigen Geschäftslage sei vor allem ein neues Gesetz. Lässt sich noch ein wichtiger Punkt ändern? Mehr Von Sven Astheimer

17.05.2016, 08:59 Uhr | Wirtschaft
Sowjetische Arbeitslager Das Gulag-Museum in Moskau

In der russischen Hauptstadt Moskau hat ein Museum eröffnet, dass sich dem Grauen der sowjetischen Arbeitslager, der sogenannten Gulags, widmet. Die Verbrechen der Sowjet-Zeit werden im heutigen Russland nicht mehr geleugnet, doch unter Wladimir Putin werden Stalins Sieg über Nazi-Deutschland und seine Verdienste um die Industrialisierung stärker in den Vordergrund gerückt. Umso wichtiger ist das Museum, sagen Besucher. Mehr

06.05.2016, 07:50 Uhr | Feuilleton
Zukunft des Radios Die Digitalisierung muss sich an den Hörern orientieren

Die Zukunft des Hörfunks ist digital. Das heißt nicht, dass UKW einfach abgeschaltet werden darf. Geschähe dies, blieben Sender auf der Strecke. Das Programm verlagert sich aufs Smartphone. Ein Gastbeitrag. Mehr Von Kai Fischer

22.05.2016, 15:28 Uhr | Feuilleton

Mehr Wettbewerb im Taximarkt

Von Britta Beeger

Hat es das Taxi-Gewerbe geschafft, den unliebsamen Wettbewerber Uber loszuwerden? Hoffentlich nicht! Verbote dürfen nicht die Antwort auf innovative Ideen wie die von Uber und Airbnb sein. Mehr 5 7


Die Börse
Name Kurs Änderung
  Dax --  --
  F.A.Z.-Index --  --
  Dow Jones --  --
  Euro in Dollar --  --
  Gold --  --
  Rohöl Brent --  --

Umfrage Zwei Drittel der Europäer für Grundeinkommen

Gute Idee oder schlicht Schwachsinn? Immer mehr Menschen diskutieren über ein bedingungsloses Grundeinkommen. Die Schweizer stimmen bald ab. Nun kommt eine überraschende Umfrage heraus. Mehr 62

Abonnieren Sie den Newsletter „Wirtschaft“