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Veröffentlicht: 10.04.2013, 19:58 Uhr

Andrea Jung Kosmetikfrau in der Kritik

Die Berufung der früheren Avon-Chefin Andrea Jung in den Daimler-Aufsichtsrat sorgt für Diskussionen. Die Aktionäre von Daimler rügen die Nominierung, kritisieren die „kosmetische“ Erhöhung der Frauenquote und fordern mehr Autokompetenz.

von und Susanne Preuss
© REUTERS Andrea Jung

Apple, General Electric und jetzt Daimler. Es ist ein illustrer Kreis von Unternehmen, in deren Verwaltungsräten Andrea Jung sitzt. Dass Jung bei solchen Spitzenadressen der Unternehmenswelt so gefragt ist, mag etwas überraschen, schließlich ist ihre eigene Karrierebilanz als Managerin durchwachsen. In ihrer Aufgabe als Vorstandsvorsitzende des amerikanischen Kosmetikkonzerns Avon, mit der Jung bekannt wurde, ist sie nach einem guten Start am Ende gescheitert. Der Abstieg zeigt sich in den diversen Hitlisten, die amerikanische Zeitschriften gerne publizieren. „Fortune“ und „Forbes“ setzten Jung vor einigen Jahren noch regelmäßig in die Spitzengruppe ihrer Listen der mächtigsten Frauen. Heute taucht sie dort nicht mehr auf. Stattdessen zählte sie „Bloomberg Businessweek“ unlängst zu den „fünf schlechtesten Vorstandsvorsitzenden des Jahres 2012“.

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Fragen nach Jungs Qualifikationen für den Aufsichtsrat von Daimler sind den Aktionären des Stuttgarter Autokonzerns somit nicht zu verübeln. Kurioserweise spielten Jungs Misserfolge bei Avon in der Kritik auf der Hauptversammlung am Mittwoch aber gar keine Rolle. Vielmehr hat Jung als Frau und langjährige Kosmetik-Managerin das Pech, dass sie sich perfekt für Vorurteile eignet, der Aufsichtsrat werde nach „Diversity“-Kriterien und nicht nach Kompetenz besetzt.

Fünfte Frau unter 20 Aufsichtsräten

So hatte ein Fondsmanager einige Schenkelklopfer auf seiner Seite, als er monierte, eine Prise mehr automobiler Kompetenz würde Daimler besser zu Gesicht stehen als die „kosmetische“ Erhöhung der Frauenquote. Dabei ersetzt Jung niemanden, der Stallgeruch aus der Branche mitbrachte. Sie folgt vielmehr auf Lynton Wilson, einen kanadischen Politiker und Telekommunikationsmanager, der 1998 im Zuge der Fusion mit Chrysler kam und sich nun im Alter von 73 Jahren verabschiedet.

Bei Daimler wird die 54 Jahre alte Jung nun die fünfte Frau unter 20 Aufsichtsräten. Im aus 18 Mitgliedern bestehenden Verwaltungsrat von GE, zu dem sie seit 1998 gehört, ist sie eine von vier Frauen. Der Verwaltungsrat von Apple hat nur acht Mitglieder, Jung ist seit 2008 dabei und die einzige Frau. Zeit für ein zusätzliches Aufsichtsratsmandat hat sie wohl, nachdem sie bei Avon in den vergangenen zwölf Monaten schrittweise immer mehr Verantwortung abgegeben hat. Vor fast genau einem Jahr kündigte Avon an, Jung als Vorstandsvorsitzende mit Sheri McCoy zu ersetzen, die vom Gesundheitskonzern Johnson & Johnson kam. Jung führte zunächst noch den Verwaltungsrat von Avon als Chairman, zum Jahreswechsel gab sie aber auch diesen Posten vorzeitig ab. Seither hat sie noch eine Rolle als „Seniorberaterin des Verwaltungsrats“.

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Andrea Jung kam 1994 zu Avon, einem der traditionsreichsten Namen der amerikanischen Konsumgüterindustrie, dessen Wurzeln bis ins Jahr 1886 zurückreichen. Vor Avon war die in Toronto geborene Tochter chinesischer Einwanderer bei den Luxushändlern I. Magnin und Neiman Marcus. 1999, als Avon in einer schweren Krise steckte, rückte sie zur Vorstandsvorsitzenden auf. Zur Überraschung der Branche gelang ihr recht schnell die Wende: Sie verjüngte Produktdesign und Werbung, weitete das Sortiment aus, senkte die Kosten und entwickelte neue Anreizprogramme für die berühmten „Avon Ladies“, die die Produkte des Konzerns direkt verkaufen. Jung wurde ein Star in der amerikanischen Wirtschaft, und ihr Name wurde auch gehandelt, wenn die Chefposten bei anderen Unternehmen zu besetzen waren.

Verweis auf die Marketing-Expertise

Aber gegen Mitte des vergangenen Jahrzehnts schwächte sich das Geschäft von Avon, und Jung sah sich zu einer Serie von Restrukturierungen gezwungen. Eine echte Wende ist ihr nie gelungen. 2011 trübte sich die Lage immer mehr ein. Im Herbst jenes Jahres musste sich Jung nach der Vorlage verheerender Quartalszahlen eine ungewöhnlich scharfe Attacke einer Analystin der Citigroup anhören, die dem Unternehmen vorwarf, „auf derart vielen Ebenen total zu versagen, dass es hier einen radikalen Wandel geben muss“. Nur wenige Monate später kündigte Avon Jungs Ablösung an. Als Jung den Posten abgab, sah sich Avon gerade einem feindlichen Übernahmeversuch des Wettbewerbers Coty gegenüber, der aber abgewehrt wurde.

Daimler-Aufsichtsratschef Manfred Bischoff verteidigte Jungs Berufung unter Verweis auf ihre Marketing-Expertise, ihre Erfahrung in wichtigen Märkten wie Nord- und Südamerika und Russland und ihre Tätigkeit für GE und Apple: „Frau Jung kann sich erfolgreich einbringen“, sagte Bischoff. Im Übrigen - da ja Daimler auch in anderen Punkten so gern mit BMW und Audi verglichen werde -: Dort gebe es auch nicht mehr automobile Kompetenz im Aufsichtsrat.

Quelle: F.A.Z.

 

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