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Amerikas Autoherstellern geht das Geld aus General Motors sieht sich in Existenzkrise

07.11.2008 ·  Der Autokonzern warnt vor einem Liquiditätsengpass und bittet den Staat um Hilfe. Die Übernahmegespräche mit Chrysler werden ausgesetzt. Auch bei Ford spitzt sich die Krise zu.

Von Roland Lindner, New York
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Die Finanzlage der amerikanischen Autoindustrie wird immer bedrohlicher: Die beiden größten Hersteller General Motors und Ford haben am Freitag für das dritte Quartal verheerende Zahlen vorgelegt. Beide Unternehmen meldeten einen höher als erwarteten Verlust und alarmierten mit einer rapide geschrumpften Liquiditätsdecke. Besonders düstere Szenarien beschwor General Motors auf: Das Unternehmen warnte, dass die Barbestände bald unter ein Mindestniveau rutschen könnten, um die Geschäfte fortsetzen zu können.

Gleichzeitig mit dieser Warnung hat General Motors eine kaum verhohlene Aufforderung an die amerikanische Regierung gegeben, das Unternehmen mit einer finanziellen Rettungsaktion zu unterstützen. Vorstandsvorsitzender Rick Wagoner war am Donnerstag bereits zusammen mit seinen Kollegen von Ford und Chrysler in Washington, um bei Regierungsmitgliedern für eine Hilfsaktion zu plädieren. General Motors hat wegen der sich zuspitzenden Lage offenbar außerdem die Übernahmegespräche mit dem Wettbewerber Chrysler abgebrochen. Ohne den Namen Chrysler zu nennen, teilte General Motors mit, die Bemühungen um eine Akquisition beendet zu haben, um sich auf „unmittelbare Liquiditätsschwierigkeiten“ zu konzentrieren. Der Aktienkurs von General Motors rutschte am Freitag nach Veröffentlichung der Zahlen um 14 Prozent auf 4,15 Dollar ab. Ford lag um 1,90 Dollar rund 5 Prozent im Minus. Die Aktie von General Motors hat in diesem Jahr mehr als 80 Prozent ihres Wertes verloren, Ford musste einen Rückgang von mehr als 70 Prozent hinnehmen.

Die Barbestände schrumpfen

Analysten beobachten die Liquiditätslage der amerikanischen Autohersteller mit zunehmender Sorge und haben aus diesem Grund wiederholt von Insolvenzgefahr gesprochen. Die schrumpfenden Barbestände haben in jüngster Zeit auch die Rating-Agenturen veranlasst, die Kreditbewertungen der amerikanischen Autobauer weiter herabzunehmen, die sich ohnehin längst auf Ramschniveau („Junk“) bewegen. General Motors teilte am Freitag mit, dass die Barbestände im dritten Quartal von 21,0 Milliarden auf 16,2 Milliarden Dollar abgerutscht sind. Damit hat sich das Tempo des Liquiditätsverlusts dramatisch verschärft. Im zweiten Quartal waren die Barbestände um 2,9 Milliarden Dollar geschrumpft.

General Motors warnte nun selbst, dass der Liquiditätsabfluss existenzbedrohliche Ausmaße angenommen hat: „Die geschätzte Liquidität im Rest des Jahres 2008 wird den minimal notwendigen Betrag erreichen, um das Geschäft fortzuführen, selbst wenn geplante Sparprogramme umgesetzt werden“, hieß es. In den ersten beiden Quartalen des nächsten Jahres könne der Bestand an flüssigen Mitteln sogar unter diesen Betrag fallen. Rick Wagoner bezifferte diese Marke in einem Interview mit dem Fernsehsender CNBC auf 11 Milliarden bis 14 Milliarden Dollar. Analysten halten einen Insolvenzantrag für unausweichlich, wenn das Unternehmen unter diesen Minimalwert rutschen würde. Wagoner wiederholte in dem Interview seine Position, wonach ein Insolvenzantrag nicht in Frage komme. Stattdessen zeichnete General Motors Wege auf, um die Liquidität zu verbessern - und nannte dabei Finanzhilfe vom Staat als eine Option. Mit Blick auf Chrysler sagte Wagoner, General Motors würde sich von einer Übernahme zwar mittel- bis langfristige Synergien versprechen. Allerdings sei dem Unternehmen durch eine Akquisition nicht mit den kurzfristigen Liquiditätssorgen geholfen.

Beide Hersteller mit hohen Verlusten im dritten Quartal

Auch bei Ford ist die Liquiditätslage angespannt: Das Unternehmen teilte am Freitag mit, das dritte Quartal mit liquiden Mitteln von 18,9 Milliarden Dollar abgeschlossen zu haben. Ende des zweiten Quartals waren es noch 26,6 Milliarden Dollar, das heißt Ford hat innerhalb von drei Monaten Barbestände von 7,7 Milliarden Dollar aufgebraucht. Wenn sich der Liquiditätsabfluss im gleichen Tempo fortsetzt, hätte Ford in etwas mehr als sieben Monaten keine Barmittel mehr. Ford weist darauf hin, inklusive Kreditlinien von 10,7 Milliarden Dollar insgesamt Zugang zu Barmitteln in Höhe von 29,6 Milliarden Dollar zu haben.

Beide Autohersteller haben im dritten Quartal Verluste ausgewiesen: General Motors meldete einen Nettoverlust von 2,5 Milliarden Dollar, Ford lag bei 129 Millionen Dollar. Beide Unternehmen profitierten allerdings von positiven Sonderfaktoren. Bereinigt um diese Effekte hätte es bei General Motors einen Verlust von 4,2 Milliarden Dollar und bei Ford von 3,0 Milliarden Dollar gegeben. Die bereinigten Verluste je Aktie waren bei beiden Unternehmen deutlich höher als von Analysten erwartet.

Der Stellenabbau geht weiter

General Motors und Ford wurden insbesondere von einer dramatischen Abschwächung des Geschäfts auf dem amerikanischen Heimatmarkt getroffen und wiesen hier hohe Verluste aus. Die sich verschärfende Finanzkrise hat amerikanische Verbraucher vom Autokauf abgehalten, seit September ist das Geschäft fast zum Erliegen gekommen. Aber auch die Lage in Europa hat sich zugespitzt: General Motors meldete für seine europäische Tochtergesellschaft einen Verlust von 1,0 Milliarden Dollar, nach einem Verlust von 398 Millionen Dollar im Vorjahr. Ford blieb zwar mit einem Gewinn von 69 Millionen Dollar profitabel, im Vorjahr hatte es aber noch einen Gewinn von 293 Millionen Dollar gegeben.

Beide Hersteller sehen sich nun zu weiteren Sparmaßnahmen gezwungen. Ford kündigte zum Beispiel an, sich von weiteren 2600 Mitarbeitern in amerikanischen Werken trennen zu wollen. Zudem sollen die Personalkosten in der nordamerikanischen Verwaltung noch einmal um 10 Prozent reduziert werden. Alle drei amerikanischen Autohersteller haben in den vergangenen Jahren schon dramatische Einschnitte hinter sich gebracht und mehr als 100.000 Arbeitsplätze abgebaut. Ford will außerdem den Verkauf von Unternehmensteilen prüfen, die nicht zum Kerngeschäft gerechnet werden. Details wurden nicht genannt, aber damit könnten nun Spekulationen über einen Verkauf der schwedischen Marke Volvo sowie des Anteils am japanischen Hersteller Mazda wieder hochkochen.

Am Donnerstag war Rick Wagoner mit seinen Kollegen Alan Mulally von Ford und Bob Nardelli von Chrysler nach Washington gereist, um für staatliche Hilfen zu plädieren. Die Manager trafen sich unter anderem mit Nancy Pelosi, der Sprecherin des Repräsentantenhauses. Der amerikanische Kongress hat bereits vor einigen Wochen einen zinsgünstigen Kredit in Höhe von 25 Milliarden Dollar für die Autoindustrie gebilligt, der an die Entwicklung umweltfreundlicher Autos gekoppelt ist. Die Hersteller wollen nun ein zweites Paket von 25 Milliarden Dollar. Der designierte Präsident Barack Obama hatte sich im Wahlkampf für zusätzliche Unterstützung der Branche ausgesprochen.

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