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Altersgerechte Personalpolitik Fitnessprogramm gegen den Diaspora-Nachteil

25.08.2010 ·  Daimler oder Bosch - der Traum junger Ingenieure. Sie gehen lieber zu großen Firmen als in den Schwarzwald. Dort kämpft ein Mittelständler gegen den Mangel und investiert in seine älteren Mitarbeiter. Die müssen sich auf neue Aufgaben einstellen.

Von Sven Astheimer
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Schiltach ist ein Zentrum - für Schwarzwaldtouristen. Mögen Bollenhut und Fachwerkhäuser auf Urlauber eine überaus anziehende Wirkung entfalten, so wirken sie auf Ingenieure und Techniker eher abschreckend, wie Siegfried Gänßlen weiß. Der Vorstandsvorsitzende des Sanitärherstellers Hansgrohe spricht deshalb vom „Diaspora-Nachteil“, der sich von Jahr zu Jahr deutlicher bemerkbar mache.

Mehr als 3100 Mitarbeiter stellen für Hansgrohe Brausen und Armaturen her, zwei Drittel davon an sechs deutschen Standorten. Im vergangenen Jahr betrug der Umsatz mehr als 600 Millionen Euro. Am Stammsitz in Schiltach sind Hauptverwaltung sowie Forschung und Entwicklung konzentriert. In diesen Abteilungen sowie im Vertrieb und im Marketing macht der Fachkräfteanteil 80 Prozent aus, wie Personalleiter Thomas Egenter erklärt. „Die Tätigkeiten, für die keine spezielle Ausbildung notwendig ist, nehmen immer mehr ab.“

Stellenanzeigen speziell für über 50-Jährige

Die passenden Mitarbeiter zu finden wird zunehmend schwieriger und teurer. Schon heute seien trotz übertariflicher Bezahlung Ingenieure, Konstrukteure und Techniker knapp. Das Unternehmen kooperiert deshalb mit Hochschulen im süddeutschen Raum, stellt Gastdozenten und leistet finanzielle Unterstützung. Früher kamen viele Mitarbeiter aus dem Umland.

Doch die Absolventen von heute hätten genügend Angebote und gingen lieber „zum Daimler oder zum Bosch“, sagt Vorstandschef Gänßlen. „Deshalb strecken wir unsere Fühler schon nach Frankreich und in die Schweiz aus.“ Über die Behauptung, der Ingenieurmangel sei ein Medienphänomen und die Unternehmen wollten nur keine Älteren und Arbeitslosen einstellen, kann er nur lachen. Man habe sogar schon Stellenanzeigen speziell für über- Fünfzigjährige ausgeschrieben. Gekommen sei aber so gut wie niemand. Mittlerweile verbiete das Gleichstellungsgesetz aber auch solche Annoncen.

Die Übernahme ist so gut wie sicher

Auch am Auszubildendenmarkt wird die Lage eng. Kamen vor fünf Jahren 30 Bewerber auf eine Stelle, sind es heute noch fünf bis zehn. Dabei sinken die Ansprüche. War früher der Realschulabschluss Pflicht, tue es heute auch die Hauptschule. Ein wachsender Teil der Schulabgänger sei jedoch „nicht berufsschulreif“, sagt Gänßlen. Also werden sie vom Unternehmen zunächst in Schreiben und Rechnen nachgeschult, ehe die Lehre beginnen kann. Für die aktuell 140 Auszubildenden hat die Situation freilich eine gute Seite: Die Übernahme ist ihnen so gut wie sicher.

Die Altersstruktur im Unternehmen verschärft das Nachwuchsproblem zusätzlich. Derzeit wechseln jährlich rund 60 Mitarbeiter in den Ruhestand, in nur fünf Jahren müssen doppelt so viele ersetzt werden. Das faktische Renteneintrittsalter liegt heute schon bei 63 Jahren, sagt Gänßlen. Zum einen habe man nie versucht, Mitarbeiter durch staatliche Frührenteprogramme loszuwerden, zum anderen gibt es eine breite Palette an Maßnahmen, um ältere Angestellte möglichst lange zu beschäftigen.

Weniger Rückenschmerzen, mehr Sport

Angefangen habe es vor rund acht Jahren, als viele Ältere über Probleme mit einem neuen Computerprogramm klagten. Der Vorstand war wachgerüttelt und ließ durch die Universität Freiburg erfragen, wo denn die Routiniers noch überall der Schuh drückt. Flexible Arbeitszeitmodelle standen ganz oben auf der Wunschliste. „Gerade in der Produktion war die Umsetzung nicht einfach“, sagt Gänßlen. Durch die Teilung von Schichten und neue Teilzeitmodelle habe man es aber geschafft, den Leuten ein bisschen von dem Stress zu nehmen. Nach einem Hinweis der örtlichen AOK auf die überdurchschnittlich hohe Zahl von Rückenleiden wurden zudem Hebehilfen und spezielle Stühle gerade für die Älteren angeschafft. Der Krankenstand sei daraufhin spürbar gesunken. Außerdem gehört mittlerweile zum betrieblichen Gesundheitsmanagement ein festangestellter Sportlehrer.

Doch Sport allein reicht in Zukunft nicht aus, um die demographische Herausforderung zu meistern, das weiß auch die Hansgrohe-Leitung. Deshalb definieren Personalabteilung und Betriebsrat derzeit spezielle Tätigkeitsfelder, in denen ältere Menschen arbeiten können, wenn sie ihre bisherigen Aufgaben nicht mehr zu 100 Prozent erfüllen können. Gänßlen nennt als Beispiel die Werkinstandhaltung, schließlich müsse man nicht für jeden Anstrich immer gleich einen Maler holen. Auch der Datenabgleich im Vertrieb sei ein mögliches Einsatzfeld, daneben schule das Unternehmen schon ältere Mitarbeiter für Aufgaben im Transport und im Marketing um. Die Rente mit 67 wird hier nicht als Schreckgespenst, sondern als Aufgabe gesehen.

„Nach zehn Stunden ist der Akku leer“

Martin Fehrenbacher findet diese speziellen Arbeitsplätze für Ältere nicht diskriminierend. Der 56 Jahre alte Maschinenbau-Techniker arbeitet in der CAD-Systembetreuung, sorgt also dafür, dass die Hard- und Software für die Konstrukteure rund um die Uhr und in aller Welt einsatzbereit sind. Früher habe er an drei Abenden in der Woche noch als Dozent an der örtlichen IHK Vorträge gehalten. Heute räumt der immer noch sehr agil wirkende Mann ein, dass nach einem Zehn-Stunden-Tag der Akku einfach leer sei. Deshalb stehe er einem neuen Tätigkeitsfeld nicht ablehnend gegenüber. „Wenn ich das Gefühl habe, dass meine Arbeitskraft wirklich noch gefordert ist, dann sage ich nicht nein.“

All diese Maßnahmen kosten Geld, und Gänßlen gesteht, dass sein amerikanischer Investor gerade am Anfang dafür nicht immer viel Verständnis aufgebracht habe. Einige Ideen seien auch dem Renditedruck zum Opfer gefallen. Seit rund zwei Jahren sei man aber auch in Übersee für das Thema demographischer Wandel sensibilisiert und bereit, weitere Investitionen vorzunehmen. „Solange die Gesamtrendite stimmt, kriegen wir das meiste genehmigt“, sagt Gänßlen.

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Jahrgang 1972, Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.

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