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Aldi, Lidl und Co. : Die Discounter schlagen zurück

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In Herten wurde kürzlich eine der modernsten Aldi-Nord-Filialen eröffnet. Bild: obs

Lange Zeit haben die Discounter im Wettbewerb mit klassischen Supermärkten Marktanteile verloren. Nun zeigt sich: Die Modernisierung der Filialen zahlt sich aus.

          Aldi Süd lädt seine Kunden ins eigene Bistro, Aldi Nord hübscht im Eiltempo seine Filialen auf und Lidl vermittelt in einer Gemeinschaftsaktion mit Sixt Mietwagen zum Sparpreis. Die deutschen Discounter geben im Kampf um die Kunden zurzeit Vollgas. Das zahlt sich aus. Mussten die Discounter noch im vergangenen Jahr Marktanteile an Supermarktketten wie Edeka und Rewe abgegeben, so wachsen sie in diesem Jahr wieder auf Kosten ihrer Konkurrenz.

          In den ersten drei Monaten seien die Umsatzzuwächse der Billiganbieter „rund viermal so hoch“ gewesen wie die der klassischen Supermärkte, heißt es in einer aktuellen Marktstudie der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK). Während die Supermärkte gerade einmal auf ein Umsatzplus von 1,1 Prozent kamen, legten die Discounter um 3,9 Prozent zu. Marktführer Aldi schaffte laut GfK sogar ein Plus von 5,6 Prozent. „Damit stellen die Discounter alle anderen Vertriebsschienen in den Schatten“, heißt es in der Studie.

          Die Trendwende kommt überraschend. Denn mit ihrem klassischen Erfolgsrezept „gut und billig“ stießen Aldi, Lidl und Co. in den vergangenen Jahren in Deutschland an ihre Grenzen. In Zeiten der Fast-Vollbeschäftigung achteten immer mehr Bundesbürger beim Einkaufen eher auf Qualität als auf den Preis. Die Folge: Die Billiganbieter verloren spürbar Marktanteile an klassische Supermarktketten wie Edeka oder Rewe.

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          Sogar Kundentoiletten werden getestet

          Zu erklären, warum die Discounter nun wieder stärker zulegen, fällt selbst den Fachleuten von der GfK schwer. Eigentlich habe sich ja für die Verbraucher nichts Wesentliches geändert: Der Arbeitsmarkt sei weiter robust, die Nachfrage nach Arbeitskräften hoch und die Arbeitslosigkeit gering, schreiben sie. Möglicherweise sei der Knackpunkt ja die steigende Inflationsrate, also die Teuerung, die die Verbraucher verunsichere, spekulieren die Fachleute. Möglicherweise. Doch vielleicht zahlt sich auch ganz einfach das immer heftigere Werben der Discounter um die Gunst der Kunden aus.

          Neben Aldi und Lidl gehören zum führenden Quartett noch Netto (Edeka) und Penny (Rewe). Sie arbeiten seit geraumer Zeit daran, ihr Arme-Leute-Image abzulegen, neue Zielgruppen zu erschließen und sich überdies voneinander abzugrenzen. Aldi Süd beispielsweise hat sich ein ehrgeiziges Investitionsprogramm vorgenommen und will bis zum Jahr 2019 sukzessive alle deutschen Filialen umfassend modernisieren. Die „Filiale der Zukunft“ zeigt Holzoptik, breitere Gänge, neue Regalsysteme, automatische Lichtregulierung und beleuchtete Deckenabhängungen. Alles soll heller und freundlicher werden, mit Kaffeeautomaten, Sitzgelegenheiten hinter den Kassenbereichen und neuerdings sogar Kundentoiletten. Auch Aldi Nord testet neue Filialkonzepte, will mehr Einkaufsatmosphäre schaffen, die Waren besser anordnen und mehr Frische bieten, sei es im Obstregal, bei Backwaren oder an der Fleischtheke.

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          Bistro am See: So sitzt es sich im neuen Aldi-Restaurant. :

          Während die klassischen Supermärkte dank intensiver Arbeit vor allem an ihrem Frische-Sortiment und den Eigenmarken kontinuierlich zulegen konnten, ging es für die Discounter vom Jahr 2008 an – da hatten sie noch einen Marktanteil von 44,5 Prozent – in der Tendenz immer weiter abwärts. „Hintergrund ist, dass die Verbraucher weniger preisfokussiert sind und mehr auf die Qualität der Produkte achten“, sagt GfK-Handelsfachmann Wolfgang Adlwarth.

          Die Liste der Maßnahmen ist vielfältig: längere Öffnungszeiten, ein ansprechenderes Ladendesign, mehr Markenprodukte, verzehrfertige Produkte wie Smoothies, Salate und Wraps, Bio-Artikel, Backstationen, umfassende Nachhaltigkeitsberichte und digitale Angebote wie Plattformen zum Musikstreaming. Selbst das iPhone gab es kürzlich bei Aldi, wenn auch das nicht mehr ganz taufrische iPhone 6. Stark in den Blick nehmen die Discounter die jüngere Kundschaft, bei der sie im Vergleich zu den Älteren einen schwächeren Stand haben. "Gerade für die Jüngeren sind Topmarken wichtig, weil sie eine hohe Begehrlichkeit wecken", stellt Adlwarth fest und verweist auf die typische Partypalette: Cola, Energy-Drinks, Chips und Süßigkeiten.

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