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Alcoa-Chef Klaus Kleinfeld „Es geht um Liquidität und nochmals Liquidität“

03.03.2009 ·  Der ehemalige Siemens-Chef Klaus Kleinfeld leitet heute den amerikanischen Aluminiumkonzern Alcoa. Im Gespräch mit der F.A.Z. lobt er die Antwort Chinas auf die Krise und sieht erste Silberstreifen am Horizont.

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Der ehemalige Siemens-Chef Klaus Kleinfeld leitet heute den amerikanischen Aluminiumkonzern Alcoa. Im Gespräch mit der F.A.Z. lobt er die Antwort Chinas auf die Krise und sieht erste Silberstreifen am Horizont.

Herr Kleinfeld, wann ist die Finanz- und Wirtschaftskrise wieder zu Ende?

Das weiß ich natürlich nicht. Aber ich war vor vier Wochen noch sehr viel pessimistischer. Jetzt erkenne ich erste, sehr leichte Silberstreifen am Horizont, erste Zeichen einer Stabilisierung.

Ach ja? Wo?

Nun, von den amerikanischen Banken kommen seit einiger Zeit eher Nachrichten, von denen ich glaube, dass sie das Ende der Krise andeuten könnten. Und wenn der Finanzmarkt wieder beginnt zu funktionieren, kehrt auch das so wichtige Vertrauen zurück. Nicht zuletzt beginnt in China das riesige Konjunkturprogramm, das dort aufgelegt worden ist, zu greifen. So waren die Chinesen im Januar schon wieder Nettoimporteur von Aluminium. Und die zuletzt abgestürzten Frachtraten im Schiffsverkehr steigen wieder.

Bleiben wir zunächst bei den Banken: Was ist daran hoffnungsvoll, wenn die Citigroup nur durch eine signifikante Beteiligung des amerikanischen Staates aufgefangen werden kann und sich die 20 größten Institute des Landes einer Überprüfung unterziehen müssen, um ein Gefühl dafür zu bekommen, was passiert, wenn alles noch viel schlimmer wird?

Die Tatsache zum Beispiel, dass die Citigroup vom Staat eindeutig unterstützt wird. Dass man also darauf vertrauen kann, dass hier kein zweiter Fall einer Insolvenz wie bei Lehman Brothers am 15. September vergangenen Jahres entsteht. Und auch die begonnene Überprüfung der Belastbarkeit der größten Banken, der sogenannte Stresstest, kann in seinem Ergebnis dazu beitragen, Vertrauen zurückzugewinnen. Nicht zuletzt erkenne ich Anzeichen dafür, dass einige Banken wirklich anstreben, bisher erhaltene Hilfen des Staates so schnell wie möglich zurückzuzahlen.

Für welche Institute sind Sie so hoffnungsvoll?

Ich möchte nicht einzelne hervorheben. Aber es gibt einige.

Und warum macht Ihnen China so viel Hoffnung?

Weil die chinesische Regierung sehr verantwortungsvoll mit der Krise umgeht. Sie reagiert professionell und völlig anders, als viele befürchtet hatten, und vor allem nicht protektionistisch. Sie haben zwar eine viel kleinere Volkswirtschaft als die Vereinigten Staaten, aber das von der Regierung in Peking schon im vergangenen Jahr aufgelegte Konjunkturprogramm ist genauso groß wie das amerikanische, in Relation also um ein Vielfaches größer. Die Chinesen haben in meinen Augen eine echte Vorbildfunktion für die Weltkonjunktur übernommen.

Gilt das auch in der Branche, in der Ihr Unternehmen Alcoa tätig ist? Immerhin hat sich der chinesische Minenkonzern Chinalco gerade am Rohstoffgiganten Rio Tinto beteiligt – und Ihnen auch gleich die Alcoa-Anteile an Rio Tinto mit abgekauft …

… das war für uns kein schlechtes Geschäft. Wir haben unseren vollen Einsatz von 1,1 Milliarden Dollar zurückbekommen und freuen uns auch über die gerade heute so wichtige zusätzliche Liquidität, die der Aktienverkauf Alcoa beschert hat. Nicht zuletzt läuft unsere Zusammenarbeit mit Chinalco mehr als gut, und diese Entwicklung ist mir sehr viel lieber als die ursprünglich angestrebte Verbindung von Rio Tinto und BHP Billiton.

Haben Sie mit Blick auf Ihren China-Optimismus keine Sorge vor protektionistischen Tendenzen in der Politik?

Das hat nichts mit China zu tun. Ich bin insgesamt besorgt über protektionistische Rufe mancher Populisten in vielen Ländern. Aber ich bin mir auch sicher, dass die meisten Menschen, die Verantwortung tragen, sehr genau wissen, dass vor allem die Öffnung des Welthandels zu den großen Wohlstandsgewinnen rund um den Erdball der vergangenen Jahre geführt hat. Und die Verzahnung der weltweiten Wirtschaft hat einen größeren friedensstiftenden Effekt gehabt, als alle politischen Vorstöße und Versuche es jemals hätten erreichen können. Um noch einmal nach China zu blicken, nur mit einem Beispiel: Dort sind etwa alle Steckdosen, alle Elektroinstallationen nach der deutschen ZVEI-Norm gefertigt. Was meinen Sie, welche Chancen gerade die deutsche Industrie dort hat, weit über die aktuelle Krise hinaus …

… die Krise allerdings ist heftig. Sie haben Anfang Januar die Lage, in der sich Alcoa befindet, mit einem „perfekten Sturm“ verglichen ...

Ja. Einen Auftragseinbruch von 30 Prozent und einen Preisverfall von 60 Prozent in nur fünf Monaten hat es in der Aluminiumindustrie, und das weltweit, noch nie gegeben.

Darauf haben Sie mit einem umfassenden Sparprogramm reagiert. Wird das ausreichen?

Ja, nicht zuletzt weil wir sehr früh und sehr klar gehandelt haben. Hätten wir später angesetzt, wären die erforderlichen Maßnahmen noch schmerzlicher gewesen. Wir haben 18 Prozent unserer Kapazitäten stillgelegt, insbesondere dort, wo die Effizienzen geringer waren. Bei der Reduktion der Mitarbeiter versuchen wir, mit großer Verantwortung vorzugehen.

Sie haben die Kapazitäten um 18 Prozent reduziert ...

... wir senken die Zahl der Stellen aber nur um 13 Prozent, also deutlich unterproportional. Wir trennen uns bis zum Ende des laufenden Quartals von 15 000 Mitarbeitern; 13 500 davon waren eigene, festangestellte Mitarbeiter. Das ist mir sehr schwergefallen. Und wir setzen das so um, dass wir stillgelegte Standorte schnell wieder hochfahren können, wenn sich die wirtschaftliche Lage verbessert. Weitere Potentiale zur Kostensenkung sehe ich im Einkauf. Wir achten aber zugleich sehr darauf, dass wir uns so aufstellen, dass wir bei einem Wiederanspringen der Konjunktur in Relation zum Wettbewerb den besten Start haben. Und wir wollen die Krise nutzen, Marktanteile zu gewinnen.

Sind Sparprogramme in Zeiten wie diesen eigentlich vor allem ein Selbstzweck, nach dem Motto: Wer jetzt nicht spart, ist selbst schuld?

Eben nicht. Wir müssen die Krise managen und uns zugleich eine gute Ausgangsposition für einen Aufschwung schaffen. Deshalb geht es uns derzeit vor allem darum, Cash, also Bargeld, im Unternehmen zu generieren und zu halten. Wir haben deshalb zusätzlich zum Sparprogramm ein Liquiditätsprogramm aufgelegt, das uns selbst unter schwierigsten Bedingungen Zugriff auf ausreichend Barreserven garantiert und uns damit große Handlungsspielräume schafft.

Sie haben nicht etwa Refinanzierungsprobleme?

Nein, die haben wir nicht. Die hätten wir möglicherweise wie viele andere auch, wenn wir nicht frühzeitig gehandelt hätten. Vergessen Sie nicht: Wir haben uns Anfang November noch einen zusätzlichen Kreditrahmen über 1,9 Milliarden Dollar gesichert. Dennoch muss es angesichts der Lage auf dem Finanzmarkt und in der Wirtschaft derzeit um Liquidität, Liquidität und nochmals Liquidität gehen. Deshalb haben wir auch unsere Investitionen für eine gewisse Zeit auf ein Minimum heruntergefahren.

Das heißt?

Investiert wird bis auf weiteres nur noch, wenn es sich dabei um Projekte handelt, hinter denen letztlich ein zahlender Kunde steht. Und wenn Projekte nahezu vor dem Abschluss stehen. Wir bauen etwa unsere neue Bauxit-Mine in Brasilien zu Ende. Es wäre einfach nicht sinnvoll gewesen, dieses sehr große Projekt nicht zu beenden. Dorthin fließen also noch 500 Millionen Dollar.

Ist das der Grund, warum die Ratingagenturen beklagen, Alcoas Mittelzufluss („free cash flow“) sei immer noch negativ?

Ja, aber das ist ausschließlich auf die Belastung durch die Brasilien-Investition zurückzuführen.

Gleichwohl, Moody’s hat Alcoas Bonitätsnote zurückgestuft …

… und zugleich festgestellt, die Bonität des Unternehmens sei im Ausblick sehr stabil. Gleichzeitig haben die Ratingagenturen unsere Maßnahmen gegen die Krise ausführlich gewürdigt. Die Rückstufung ging nahezu ausschließlich auf das Konto rückläufiger Preise.

Standard & Poor’s schreibt, die Lagerbestände seien hoch …

… ja, und das bleiben sie noch eine Weile. Aber wahr ist auch, dass die Lagerbestände bei unseren Kunden auf historischen Tiefständen angekommen sind. Wenn die Nachfrage also wieder anzieht, wird das sofort bei uns ankommen. Es gibt im Übrigen keinen Grund, warum das Wachstum nicht wiederkehren sollte: In den vergangenen zehn Jahren hat sich die Nachfrage nach Aluminium verdoppelt. Jahr für Jahr nahm die Bedeutung dieses Werkstoffes für fast alle Industrien zu. An diesem Trend hat sich auch in der Krise nichts geändert.

Und die langfristigen Wachstumstreiber sind intakt?

Ja, natürlich. Bis zum Jahr 2050 wird es auf der Welt 3 Milliarden Menschen mehr geben. Und mehr als 50 Prozent von ihnen werden in Städten wohnen. Das wird viele Investitionen nach sich ziehen und damit einen großen Bedarf an Technologie, Infrastruktur und damit einem so einmaligen Werkstoff wie Aluminium mit seinen Vorteilen bei Gewicht, Haltbarkeit und Recyclingfähigkeit auslösen.

Ihre Investoren sind da skeptischer. Die Alcoa-Aktie notiert in der Nähe ihrer tiefsten Kurse seit 20 Jahren.

Ja, und das ist Folge der Konjunkturkrise. Aber: Wir sind ein hochattraktives Investment mit großer Solidität und Nachhaltigkeit. Für Anleger mit einem mittelfristigen Zeithorizont könnte jetzt ein guter Zeitpunkt für einen Einstieg sein.

Das Gespräch führte Carsten Knop.

Quelle: F.A.Z.
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