http://www.faz.net/-gqe-ve21
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
F.A.Z.-Index -- --
DAX ® -- --
Dow Jones -- --
EUR/USD -- --

Veröffentlicht: 22.09.2007, 15:20 Uhr

Alan Greenspan „Die Ratingagenturen wissen nicht was sie tun“

Welche Rolle kommt den Ratingagenturen bei der aktuellen Krise am amerikanischen Hypothekenmarkt zu? Der frühere Fed-Chef Alan Greenspan hat dazu in einem Interview mit der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ deutliche Worte gefunden.

von und Claus Tigges
© REUTERS Übte scharfe Kritik an den Ratingagenturen: Alan Greenspan

Der ehemalige amerikanische Notenbankchef Alan Greenspan hat die großen Kreditbewertungsagenturen wegen ihrer Rolle in der aktuellen Krise am Hypothekenmarkt scharf kritisiert. „Die Ursache des Problems war, dass die Leute glaubten, die Ratingagenturen verstünden etwas vom ihrem Geschäft. Die wissen aber nicht, was sie tun“, sagte Greenspan in einem Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

Norbert Kuls Folgen:

Kritiker werfen Ratingagenturen wie Standard & Poor's oder Moody's Investors Service vor, zu spät auf steigende Kreditausfälle besonders mit Markt für zweitklassige Hypotheken (Subprime) reagiert zu haben. Ratingagenturen bewerten die Bonität unter anderem von Anleihen, die mit diesen Hypotheken besichert sind. Die späte Abstufung dieser Papiere hatte zu Turbulenzen in den Kreditmärkten beigetragen. Die amerikanische Börsenaufsicht SEC und die Generalstaatsanwälte von New York und Ohio untersuchen deswegen derzeit die Rolle der Ratingagenturen.

Mehr zum Thema

„Das hat sich selbst reguliert“

Greenspan hält allerdings eine stärkere Regulierung der Branche nicht für notwendig. „Das hat sich selbst reguliert“, sagte Greenspan. Anleger hörten jetzt nicht mehr auf das Urteil der Agenturen, die wegen der Fehlurteile eine Menge ihres Geschäfts verlieren dürften. Greenspan rechnet zudem damit, dass das Volumen dieser sogenannten strukturierten Finanzprodukte zurückgehen wird. „Die Produkte überlebten nur, weil Anleger glaubten, dass deren Preis richtig bewertet war. Jetzt weiß jeder, dass das wahrscheinlich gar nicht möglich ist“, sagte Greenspan. Die Wertverluste dieser zunächst mit hohen Bonitätsnoten versehenen Hypotheken-Anleihen hatten zu Schieflagen bei der Düsseldorfer Mittelstandsbank IKB sowie der Sächsischen Landesbank geführt. Die Banken hatten massiv in diese Papiere investiert.

Kritiker werfen Greenspan und der Fed vor, nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 die Leitzinsen zu lange niedrig gehalten und damit zur Bildung der spekulativen Blase am amerikanischen Immobilienmarkt beigetragen zu haben. Greenspan wies diese Vorwürfe zurück und machte dafür einen allgemeinen, weltweiten Rückgang der langfristigen Zinsen verantwortlich. Die Fed habe dagegen keine Mittel gehabt. „Die Notenbank in diesem Land kann kaum etwas gegen die Kräfte der globalen Märkte ausrichten“, sagte Greenspan.

„Spuren im Konsum“

Der ehemalige Fed-Chef rechnet mit einem weiteren deutlichen Rückgang der Häuserpreise in den Vereinigten Staaten, was sich negativ auf die für das Wirtschaftswachstum wichtigen Verbraucherausgaben auswirken dürfte. „Das wird unweigerlich Spuren im Konsum hinterlassen, denn der private Verbrauch wird zu einem großen Teil nicht aus dem laufenden Einkommen, sondern aus Vermögenswerten finanziert, die auf Kredit erworben wurden“, sagte Greenspan.

Greenspan sprach sich zudem gegen eine Regulierung von Hedge-Fonds aus. Schieflagen bei diesen Fonds für reiche Privatanleger und institutionelle Investoren hatten jüngst ebenfalls für starke Verunsicherung an den Kapitalmärkten geführt. „Hedge-Fonds spielen eine wichtige Rolle für die Flexibilität und Belastbarkeit der Märkte“, verteidigte Greenspan die Bedeutung der in den vergangenen Jahren stark gewachsenen Branche. Obwohl Greenspan mit weiteren Zusammenbrüchen von Hedge-Fonds rechnet, erwartet er davon keine Bedrohung für das Finanzsystem. Er verwies auf den Zusammenbruch des großen Hedge-Fonds Amaranth im vergangenen Jahr, der kaum Auswirkungen auf die Finanzmärkte hatte. Zudem sei es praktisch unmöglich, Hedge-Fonds zu regulieren. „Das Problem mit den Hedge-Fonds ist, dass sie sich so schnell verändern. Wenn sie sich die Bilanz vom Ende des Tages anschauen, sagt das nicht viel darüber aus, was die Fonds um 11 Uhr morgens am nächsten Tag tun“, sagte Greenspan.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
F.A.S. exklusiv Schäuble hält Niedrigzinsen für schädlich

Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung hat Politiker und Ökonomen zum Thema Niedrigzinsen befragt. Keiner rechnet damit, dass die Phase niedriger Zinsen bald enden wird. Und die Auswirkungen? Mehr

27.08.2016, 15:41 Uhr | Finanzen
Kabul in Afghanistan Tote nach Angriff auf Amerikanische Universität

Bei einem Angriff auf die Amerikanische Universität in Kabul sind mehrere Menschen ums Leben gekommen. Zu dem Angriff bekannte sich zunächst niemand. Mehr

25.08.2016, 15:40 Uhr | Politik
Brexit Britische Verbraucher gewinnen Vertrauen zurück

Die britischen Konsumenten haben nach dem Schock infolge des Brexit-Votums wieder Vertrauen in ihre Wirtschaft gewonnen. Auch die Kauflaune der Deutschen steigt. Aber ist das nur ein Zwischenhoch? Mehr

26.08.2016, 13:25 Uhr | Wirtschaft
Persischer Golf Boot kommt amerikanischem Kriegsschiff zu nahe

Im Persischen Golf sind sich ein Schif der amerikanischen Marine und vier Boote von Iran sehr nahe gekommen. Darauf hat die Besatzung des amerikanischen Kriegsschiffes mit Warnschüssen auf die iranischen Schnellboote reagiert. Mehr

26.08.2016, 08:05 Uhr | Politik
Notfallplan 40 Liter Wasser und 214 Gramm Thunfisch

Mit 5200 Brunnen will der Staat in Notsituationen die Wasserversorgung sichern. Doch die Bürger müssen beim neuen Zivilschutzkonzept der Regierung auch mitmachen. Wie man für den Notfall wirklich gewappnet sein kann. Mehr Von Eckart Lohse, Berlin

23.08.2016, 20:44 Uhr | Politik

Nach dem Golde drängt alles

Von Christian Siedenbiedel

Schon in Goethes „Faust“ heißt es: „Nach Golde drängt, am Golde hängt doch alles“. Was aber rückt das Gold heute wieder so in den Mittelpunkt des Interesses der Anleger? Der Brexit? Sorgen um die Weltwirtschaft? Etwas ganz anderes? Mehr 3 13

Abonnieren Sie den Newsletter „Wirtschaft“

Nachrichten in 100 Sekunden
Nachrichten in 100 Sekunden