06.01.2009 · Die Übernahme war wenig spektakulär: Porsche hält nun die Aktienmehrheit an VW im Wert von 20 Milliarden Euro. Der Einfluss der Stuttgarter wird sich in Wolfsburg nun deutlich erhöhen, der Gegenwind ist abgeflaut.
Von Susanne Preuß, StuttgartDie Porsche Automobil Holding SE hat ihre Ankündigung wahr gemacht und die Mehrheit an der Volkswagen AG übernommen. Porsche, bisher ein Sportwagenbauer, der mit knapp 100.000 verkauften Autos einen Umsatz von 7,5 Milliarden Euro erzielte, wird damit zum größten Autohersteller in Europa: VW mit einem Umsatz von zuletzt 109 Milliarden Euro ist nun eine Tochtergesellschaft von Porsche. Ursprünglich hatte Porsche dieses Vorhaben schon im Jahr 2008 realisieren wollen, allerdings hatte der Vorstandsvorsitzende Wendelin Wiedeking im November bei der Porsche-Bilanzpressekonferenz erklärt, dass der Zeitplan kaum noch einzuhalten sei.
Dass nun der ursprüngliche Plan lediglich um wenige Tage überzogen wird, wurde am Markt positiv beurteilt. Außerdem betonte Porsche, dass sich auch an dem Plan, die 75-Prozent-Mehrheit in diesem Jahr wenn möglich zu übernehmen, nichts geändert habe. „Auch unter den jetzigen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen wäre das machbar“, heißt es in Stuttgart ausdrücklich. Die Sorge, dass Porsche die geplante Übernahme aufgrund der Finanzmarktkrise nicht mehr stemmen könnte, erweise sich damit als unbegründet, lautete der Kommentar von mehreren Analysten. Der Kurs der VW-Stammaktie stieg zeitweilig um mehr als 18 Prozent auf über 300 Euro. Auch die Porsche-Papiere legten leicht zu.
Übernahme wenig spektakulär
Die Transaktion, die Porsche zur Mehrheit an VW verholfen hat, war als solche wenig spektakulär: Am Montag sei durch den Kauf weiterer Stammaktien die Beteiligung an VW auf 50,76 Prozent erhöht worden, teilte Porsche am Montagabend mit (wie in einem Teil der Auflage schon berichtet). Schon zum Zeitpunkt der Bilanzpressekonferenz Ende November hatte Porsche 42,60 Prozent an VW gehalten. Seither seien mehrmals kleinere Pakete zugekauft worden, sagte ein Porsche-Sprecher: „Wir haben immer dann gekauft, wenn uns etwas angeboten wurde.“ Zu welchen Preisen die VW-Aktien gekauft wurden, sagte der Porsche-Sprecher nicht.
Der Börsenkurs der VW-Aktie lag in den vergangenen Wochen meist zwischen 250 und 300 Euro. Der seit Ende November gekaufte Anteil von gut 8 Prozent der VW-Aktien dürfte demnach zwischen 6 und 7,5 Milliarden Euro gekostet haben. Allerdings hat Porsche letztlich nicht so viel Geld für die Aktien ausgeben müssen. Über ein ausgeklügeltes System von sogenannten cash gesettelten Optionen hat sich das Stuttgarter Unternehmen die Aktienkäufe auf einem viel niedrigeren Kursniveau abgesichert. Durch diese Kurssicherungsgeschäfte hat Porsche außerdem schon einen zweistelligen Milliardenbetrag verdient. Allein im Geschäftsjahr 2007/2008 waren die Optionsgeschäfte für einen Ergebnisbeitrag von 6,8 Milliarden Euro gut, wodurch Porsche sogar einen höheren Gewinn als den Umsatz ausweist.
Analysten fordern Bewertung zum Kurs am Übernahmetag
Der Anteil am VW-Konzern, den Porsche künftig in der Bilanz ausweisen muss, dürfte nun mit etwa 20 Milliarden Euro bewertet werden. Die vielfach auch von Analysten geäußerte Annahme, Porsche müsse VW zum Börsenkurs am Tag der Mehrheitsübernahme bewerten, weist man in Stuttgart ausdrücklich zurück. „Bewertet wird zum Durchschnittskurs. Da sind wir auf der sicheren Seite“, sagte ein Porsche-Sprecher: „Abschreibungsbedarf gibt es daher nicht, auch nicht bei sinkenden Kursen.“
Finanzvorstand Holger Härter hatte bei der Porsche-Bilanzpressekonferenz im November gesagt, die bis dahin erworbene Beteiligung von 42,6 Prozent an VW sei mit 117 Euro je Aktie verbucht. Weil die Kaufpreise seither deutlich gestiegen sind, dürfte sich der Durchschnittspreis mittlerweile auf eine Größenordnung von 130 Euro je Aktie erhöht haben. Bei 148 Millionen VW-Aktien, die Porsche nun hält, entspräche das einem Wert von 19,24 Milliarden Euro. Zum Vergleich: Die Marktkapitalisierung von Porsche liegt bei 9 Milliarden Euro. Schon im Sommer, als die Porsche-Aktie noch zum Doppelten des derzeitigen Kurses notiert war, hatte Finanzvorstand Holger Härter mit Blick auf diese Relationen gesagt, die Porsche-Aktie sei völlig unterbewertet.
Gegenwind aus Wolfsburg ist abgeflaut
Mit der Übernahme der Mehrheit an VW wird sich der Einfluss von Porsche in Wolfsburg deutlich erhöhen. In Kürze wird es eine erste gemeinsame Sitzung mit dem VW-Vorstand geben, die allerdings noch nicht terminiert ist. „Wir werden mit dem VW-Vorstand einvernehmlich zusammenarbeiten und garantiert nichts tun, was den wirtschaftlichen Interessen von VW entgegensteht“, betonte ein Porsche-Sprecher. Der Gegenwind, den die Stuttgarter aus Wolfsburg verspürt hatten, ist abgeflaut. Im Dezember hatte es klare Friedenssignale auf Seiten der Arbeitnehmer gegeben.
Bernd Osterloh, Konzernbetriebsratschef von VW, wurde einstimmig zum Betriebsratsvorsitzenden der Porsche Holding SE gewählt, ebenso einstimmig fiel die Wahl von Porsche-Betriebsratschef Uwe Hück als Osterlohs Stellvertreter aus. Ein Gerichtstermin, bei dem die Wolfsburger ihre Mitspracherechte bei Porsche klären lassen wollten, wurde auf Antrag der VW-Arbeitnehmer vertagt. Eine außergerichtliche Einigung über die Mitsprache wird nun erwartet. Zuvor hatten Ende Oktober schon die Familien Porsche und Piëch ihren Streit beigelegt. VW-Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch, der die geplante Machtübernahme durch die Stuttgarter Porsche-Manager immer wieder zu durchkreuzen versucht hatte, war auf die Linie der übrigen Familienmitglieder eingeschwenkt, die zusammen die Stammaktien an der Porsche Holding SE halten.
Piëch hat nur noch begrenztes Mitspracherecht
Bei der Gestaltung der künftigen Strukturen hat Ferdinand Piëch nur noch ein begrenztes Mitspracherecht. Er ist jetzt lediglich noch der Aufsichtsratsvorsitzende eines Teilkonzerns von Porsche. „Wenn wir Konzernlenkungskreise mit VW bilden, dann wird die Besetzung auf operativer Ebene stattfinden“, stellte ein Porsche-Sprecher klar. Dagegen wird Piëchs Cousin Wolfgang Porsche als Vorsitzender des Porsche-Holding-Aufsichtsrats noch mehr Einfluss haben. So ist auch über die Besetzung des Porsche-Holding-Vorstands zu entscheiden. Neben Wendelin Wiedeking und Holger Härter, die bisher den Vorstand bilden, dürfte ein Manager aus Wolfsburg in das Gremium einziehen, möglicherweise der VW-Vorstandsvorsitzende Martin Winterkorn. Wann die Entscheidung fällt, ist unklar.
Eine Aufsichtsratssitzung vor der Hauptversammlung der Porsche Holding am 30. Januar ist bisher nicht anberaumt. Nach der Hauptversammlung wird auch der Aufsichtsrat der Porsche Holding anders zusammengesetzt sein. Gemäß der Mitbestimmungsvereinbarung werden jeweils drei Sitze durch die Arbeitnehmer von Porsche und drei durch die Arbeitnehmer von Volkswagen bestimmt. Eine Zustimmung der Hauptversammlung zu der Wahl ist nach einer Satzungsänderung nicht mehr nötig.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.376,76 | −0,07% |
| Dow Jones | 12.454,80 | −0,60% |
| EUR/USD | 1,2527 | −0,11% |
| Rohöl Brent Crude | 107,03 $ | −0,21% |
| Gold | 1.574,60 $ | +0,32% |
Anonym bewerben? Ist das gut?