11.08.2008 · In dieser Woche bekommt die Deutsche Börse Konkurrenz aus London: „Turquoise“, gedacht für den Handel der Banken untereinander. Das drückt jetzt schon den Kurs. Das Unternehmen ist nur noch die Hälfte wert.
Von Christian SiedenbiedelKursgewinner im Dax wird Reto Francioni diesmal kaum werden - im Gegensatz zum vergangenen Jahr. Um mehr als 50 Prozent ist der Kurs der Deutschen Börse, deren Chef Francioni ist, seit vorigem Jahr eingebrochen. Dass es anderen Börsenbetreibern in Europa nicht viel anders ergeht, ist da ein schwacher Trost.
Schuld ist nicht allein die allgemeine Börsenflaute. Vielmehr befürchten Anleger und Analysten kräftige Einbußen der etablierten Börsen durch neue Konkurrenz. Der wichtigste neue Spieler geht am Freitag in London an den Start: die Aktienhandelsplattform "Turquoise" ("Türkis"), gegründet von neun großen Investmentbanken - unter ihnen Goldman Sachs, Morgan Stanley und Deutsche Bank.
Gedacht ist sie nicht für Kleinanleger, sondern für den Aktienhandel der großen Banken untereinander. Die Banken verfolgen damit nur ein Ziel: den Börsen einen Teil ihrer hohen Gewinne streitig zu machen. Die an "Turquoise" beteiligten Banken sind nämlich die größten Kunden der Börsen: Von ihnen kommen rund 50 Prozent der Aufträge im europäischen Aktienhandel. "Die Banken haben deshalb ein hohes Interesse daran, die Börse zu umgehen", sagt Jan Pieter Krahnen, Direktor des "Center for Financial Studies" in Frankfurt.
Nicht von heute auf morgen
Würden die Banken von heute auf morgen ihren gesamten Aktienhandel auf "Turquoise" verlegen, träfe das die Börsen ins Mark. Das ist aber nicht geplant: Vielmehr will "Turquoise" mit ausgewählten Aktien anfangen - und sich steigern. Bis Ende September sollen 300 Leitindex-Titel aus 14 Ländern zu handeln sein. "Turquoise"-Chef Eli Lederman will in sechs Monaten auf 15 bis 20 Prozent Marktanteil im europäischen Aktienhandel kommen.
Die Börsen nahmen die neue Konkurrenz lange nicht richtig ernst. Das hat sich offenkundig geändert: Anfang voriger Woche kündigte die Londoner Börse an, zum September ihre Gebühren senken zu wollen. Auch die Deutsche Börse präsentierte ein neues Gebührenmodell, das Rabatte vorsieht.
Wie nervös die Börsen sind, verdeutlichte der Streit um den Börsenstart am Morgen. "Turquoise" hatte angekündigt, schon um 8.45 Uhr beginnen zu wollen, 15 Minuten früher als die Deutsche Börse. Daraufhin war in Frankfurt schon der Börsenrat einberufen worden, um den Handelsbeginn vorzuverlegen. Dem Einwirken einer Bank soll es zu verdanken gewesen sein, dass "Turquoise" von den Plänen Abstand nahm - und die Deutsche Börse alles beim Alten lassen konnte.
Ob der Angriff erfolgreich sein wird, steht noch dahin: In der Vergangenheit waren solche Versuche immer wieder gescheitert. Ende der neunziger Jahre etwa hatten mehrere große Banken, darunter die Deutsche Bank, die Handelsplattform "Tradepoint" gegründet. Sie hatte ähnliche Ziele wie "Turquoise", setzte sich aber nicht durch.
Börsengeschäft mit Charakter eines natürlichen Monopols
Kein Zufall, meinten damals manche Ökonomen: Das Börsengeschäft habe den Charakter eines natürlichen Monopols. Wer einmal in ein Börsensystem investiert habe, für den sei jede zusätzliche Einheit im Aktienhandel sehr viel billiger anzubieten als für einen Neueinsteiger. Außerdem funktioniere der Handel einer Aktie umso besser, je mehr Stück davon auf derselben Plattform gehandelt würden. Beides mache den Start für Neueinsteiger fast unmöglich.
Ist also auch der neue Versuch zum Scheitern verurteilt? Zwei Dinge seien seit den Zeiten von "Tradepoint" anders geworden, sagen Analysten. Zum einen ist der technische Aufbau einer elektronischen Handelsplattform erheblich billiger geworden. Zum anderen sind die gesetzlichen Vorschriften für solche Plattformen mit der Finanzmarktrichtlinie Mifid voriges Jahr geändert worden: Die Banken können die aufsichtsrechtlichen Anforderungen jetzt leichter erfüllen.
Die entscheidende Frage für die Deutsche Börse und "Turquoise" wird deshalb sein: Kommt die neue Plattform auf ein ausreichendes Handelsvolumen, damit das Geschäft sich lohnt? "Wenn sich die wichtigen Akteure vorher verständigen, Geschäft zu garantieren, ist das möglich", meint Dirk Müller-Tronnier, Finanzmarktexperte beim Wirtschaftsprüfer Ernst & Young in Eschborn. "Dass solche Angriffe erfolgreich seien können, zeigt das Beispiel Amerika - dort haben alternative Handelsplattformen signifikant Marktanteile gewonnen", sagt Erik Theissen, Börsenexperte der Universität Bonn.
Christian Siedenbiedel Jahrgang 1969, Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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