26.10.2005 · EADS-Vorstand Thomas Enders über seinen Kollegen Noel Forgeard, den Streit mit Boeing bei der Welthandelsorganisation, die Jahresprognose und eine mögliche Übernahme von Thales: das F.A.Z.-Interview.
Seit Juni sind der Deutsche Thomas Enders und der Franzose Noel Forgeard Vorstandschefs des europäischen Luft-, Raumfahrt- und Rüstungskonzerns EADS. Der Berufung ging ein monatelanges Ringen um die Macht im Unternehmen voraus. Forgeard wollte die EADS allein führen, doch der deutsche Großaktionär Daimler-Chrysler bestand darauf, an einer deutsch-französischen Doppelspitze festzuhalten. Jetzt fordert Enders die Vereinigten Staaten nochmals auf, in direkten Verhandlungen mit der Europäischen Union offen über Subventionen für die großen Flugzeughersteller zu sprechen.
Im Streit um die Subventionen für Airbus und Boeing sind die Fronten verhärtet. Sie haben einen Schritt nach vorne gemacht. Die Amerikaner haben Sie abblitzen lassen. Gibt es überhaupt noch eine Chance?
Aber sicher. Entscheidend ist dafür jedoch der politische Wille in Washington und Brüssel. Wir haben angeboten, bis Ende 2006 die Auszahlung von staatlichen Darlehen für Entwicklungskosten der A350 zurückzustellen. Unser Angebot zu einem Moratorium schafft Spielraum für eine Verhandlungslösung außerhalb der Welthandelsorganisation WTO. Es stimmt, die erste Reaktion aus den Vereinigten Staaten war nicht positiv. Das war aber aus der Hüfte geschossen. Ich habe den Eindruck, daß die Amerikaner begonnen haben, intensiv nachzudenken. Mein Kollege Forgeard und ich werden in Gesprächen diese Woche in Washington dazu vielleicht mehr hören.
Was erwarten Sie von den Amerikanern?
Eine konstruktive Antwort auf unser Angebot. Sinnvoll wäre es, das laufende WTO-Verfahren anzuhalten und alle staatlichen Hilfen für unsere Industrie auf den Tisch zu legen - und zwar auf beiden Seiten des Atlantiks. Auch die Milliarden, die Boeing bekommt, gehören auf den Prüfstand. Nehmen Sie die neue Boeing 787 - ich glaube, kein Flugzeug wurde je so stark subventioniert.
Airbus will wie im Vorjahr mehr Bestellungen als Boeing gewinnen. Bisher hat Ihr Konkurrent die Nase vorn. Werden Sie ihn noch einholen?
Das ist noch offen. Ich finde es unerheblich, ob wir auch in diesem Jahr im Auftragseingang wieder vor Boeing liegen. Nach fünf Jahren Airbus-Führung kann das auch mal anders ausgehen. In jedem Fall wird 2005 für Airbus ein Rekordjahr beim Auftragseingang wie auch in puncto Auslieferungen und Ertragskraft.
Forgeard sagt, er träume noch immer von einer Übernahme des französischen Rüstungskonzerns Thales. Sie auch?
Unser Verteidigungsgeschäft wird wachsen, mit und ohne Zukäufe. Thales ist eines der renommiertesten Unternehmen unserer Branche - und hat unter Denis Ranque erfolgreich die Internationalisierung vorangetrieben. Thales ist für uns zugleich Zulieferer, Partner und Wettbewerber. Insofern ist die Zukunft von Thales für uns natürlich von Bedeutung, aber die Zukunft der EADS hängt nicht an Thales.
Sie können sich also eine Übernahme von Thales grundsätzlich vorstellen?
Vorstellen kann ich mir vieles. Aber unter welchen Rahmenbedingungen das sinnvoll sein könnte, ist offen.
Aber die Bundesregierung hat doch Bedenken gegen eine Thales-Übernahme, weil sich dadurch das Gewicht in der EADS zugunsten Frankreichs verschieben würde.
Ich bin nicht Mitglied der Bundesregierung, sondern Vorstandschef der EADS. Wir lassen uns davon leiten, was unserem Geschäft, unseren Aktionären und unseren Kunden dient. Das ist der Maßstab.
Apropos Regierungen: Wie haben Frankreich und Spanien auf Ihren Vorschlag reagiert, die Staaten sollten ihre Beteiligungen an der EADS abbauen?
Das ist doch kein neuer Vorschlag. Staatliche Eigentümer sind heute auch in unserer Branche ein Anachronismus. Das wissen die betreffenden Regierungen, und deshalb wird die Privatisierung weitergehen. Außerdem würde ein höherer Streubesitz als unsere heutigen 35 Prozent auch dem Aktienkurs der EADS guttun.
Auf der einen Seite fordern Sie einen Rückzug der staatlichen Anteilseigner. Zugleich beklagen Sie, Deutschland gebe zuwenig Geld für die Raumfahrt aus - obwohl die Bürger hier ohnehin unter der hohen Steuerlast ächzen.
Verstärkte Investitionen in Zukunftstechnologien sind das Gebot der Stunde. Deutschland braucht Raumfahrt. Denn Raumfahrt schafft die Technologien und Arbeitsplätze der Zukunft. Während Amerikaner, Chinesen, Japaner, Franzosen und Italiener hier immer mehr investieren, haben wir diese Art der Vorsorge in Deutschland in den letzten Jahren teils drastisch reduziert. Für nationale Raumfahrtprojekte geben wir im Jahr nur noch etwa 150 Millionen Euro aus, Frankreich viermal soviel. Und in der deutschen Raumfahrtindustrie sank die Zahl der Beschäftigten in den vergangenen fünf Jahren von deutlich über 6000 auf 4800 Mitarbeiter. Dabei wäre das Geld für die Raumfahrt gut angelegt, denn sie generiert Technologien, von denen viele andere Bereiche, wie die Werkstofftechnik, die Elektronik und die Telekommunikation, stark profitieren.
. . . dann sollen die Telekom-Firmen das auch selbst finanzieren . . .
. . . sagen die Anhänger der reinen Lehre. Tatsache ist aber, daß in keinem Land der Welt die Raumfahrtforschung so funktioniert. Es ist doch blauäugig zu glauben, private Unternehmen könnten im Forschungswettbewerb mit staatlicher Raumfahrt in den Vereinigten Staaten, Japan, China, Frankreich und anderen bestehen.
Edmund Stoiber wird sich als Wirtschaftsminister wohl eher für die Raumfahrt begeistern als bisher Forschungsministerin Edelgard Bulmahn.
Ich bin zuversichtlich, daß Herr Stoiber und Frau Schavan als Forschungsministerin sich eher für Raumfahrt engagieren als die bisherige Forschungsministerin Bulmahn. Wenn wir so weitermachen wie bisher, steht die deutsche Raumfahrt vor dem Abstieg in die zweite Liga. Mit nur 100 Millionen Euro jährlich mehr könnten wir schon sehr viel erreichen für Deutschland.
Was können Sie und Forgeard für die EADS zusammen erreichen? Wie klappt Ihr Zusammenspiel an der Spitze?
Unsere Ziele und Prioritäten stimmen überein. Und unser Arbeitsverhältnis ist deutlich besser als erwartet.
Ihre Erwartungen waren ja wohl auch nicht sehr hoch.
Das stimmt. Aber nach den Erfahrungen der ersten Monate bin ich zuversichtlich, daß unsere Zusammenarbeit funktionieren und auch erfolgreich sein wird. Ich glaube, es war wichtig, daß wir uns von Anfang an entschlossen haben, über unser unterschiedliches Naturell offen und direkt zu sprechen.
Die ungewöhnliche Konstruktion einer Doppelspitze ist aber doch nur eine Notlösung?
Natürlich wäre jeder lieber der alleinige Chef. Aber die Doppelspitze bietet in unserer Situation ganz klare Vorteile: Wir sind ja nun einmal in Luft- und Raumfahrt tätig, einer Branche, die nicht nur in Europa eine stark politisch beeinflußte Industrie ist. Die EADS ist heute ganz überwiegend eine deutsch-französische Gesellschaft. Angesichts dessen ist die Doppelspitze eine gute Lösung, um den nationalen Befindlichkeiten beider Länder Rechnung zu tragen.
Wie entwickelt sich in Ihrer politischen Industrie denn das aktuelle Geschäft der EADS?
Gut - in allen Bereichen. Bei Airbus erwarten wir für den Rest des Jahres noch einen Auftragsschub für die A350. Wichtiger ist uns aber der Blick nach vorn. Wir müssen in den nächsten Jahren Innovation wie Internationalisierung der EADS beschleunigen. Nur dann werden wir auf den neuen Märkten in Asien wie auch in Amerika erfolgreich sein. Damit sichern wir gleichzeitig Beschäftigung in Deutschland und in Europa.
Wie war das dritte Quartal?
Das sagen wir Ihnen am 9. November. Aber daß die Auslieferungen von Airbus weiter wachsen, ist bekannt. Wenn ich an unsere Jahresprognose von 33 Milliarden Euro Umsatz und mehr als 2,6 Milliarden Euro Gewinn vor Zinsen und Steuern denke, sehe ich uns auf gutem Kurs.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.377,56 | −1,19% |
| Dow Jones | 12.580,70 | +1,01% |
| EUR/USD | 1,2427 | −0,49% |
| Rohöl Brent Crude | 104,62 $ | −2,09% |
| Gold | 1.579,50 $ | 0,00% |
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