Home
http://www.faz.net/-gqi-cqx
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Agrarkonzern Syngenta „Europa wird zu einer Insel, die sich vom Fortschritt abkoppelt“

12.07.2011 ·  Von Bio-Landwirtschaft hält Syngenta wenig. Der Konzern verdient Milliarden mit der Agrarchemie. Nur mit moderner Technik wird sich die wachsende Bevölkerung in Zukunft ernähren lassen, prophezeit Vorstandschef Mike Mack im Interview.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (55)

Herr Mack, in Deutschland eröffnen derzeit immer neue Bio-Supermärkte. Sie leben in der Schweiz, da ist es ähnlich. Wie oft kaufen Sie im Bio-Markt ein?

Ich kaufe da überhaupt nicht ein. Ich habe auch meiner Frau gesagt, dass ich bei uns zu Hause keine Bio-Lebensmittel will. Sie schmecken nicht besser und sind viel teurer – vor allem deshalb, weil die Produktion teurer ist. Natürlich profitieren auch die Händler davon, weil sie höhere Preise verlangen können. Wir kaufen deshalb im normalen Supermarkt ein.

In der öffentlichen Wahrnehmung ist das Ziel, nachhaltig zu wirtschaften, aber mit der Umstellung auf die biologische Landwirtschaft verknüpft. Das kann nicht gut sein für einen Konzern wie Syngenta, der mit Gentechnik und Pflanzenschutzmitteln Milliarden verdient. Herr Mack, Sie haben kein nachhaltiges Geschäftsmodell.

Das sehe ich nicht so. Es gibt keinen Beleg dafür, dass biologische Methoden „nachhaltiger“ sind; ich weise solche Stereotype kategorisch zurück. Wir denken viel zu sehr schwarzweiß! Auch Syngenta hat eine Menge von Methoden im Werkzeugkasten, die auch in der Bio-Landwirtschaft eingesetzt werden könnten. Zum Beispiel bieten wir nützliche Insekten an, die Schädlinge fressen. Es gibt nicht „die konventionelle“ und „die organische“ Landwirtschaft. Landwirtschaftliche Methoden müssen sicher, effektiv und von wirtschaftlichem Nutzen für den Bauern sein, ich denke, dann sind sie gut. Wir müssen mehr Lebensmittel mit weniger Energie, weniger Wasser, weniger Pflanzenschutzmitteln und auch mit weniger Land erzeugen. Nur wenn wir das erreichen, sind wir auf dem Weg der Nachhaltigkeit.

Im Jahr 2050 müssen auf der Welt 9 Milliarden Menschen satt werden. Wird das gelingen?

Davon bin ich überzeugt. Aber wenn die Menschen in bestimmten Teilen der Welt weiter den technischen Fortschritt fürchten, wird der Weg dorthin sehr steinig sein. Wir sollten darüber sachlicher reden; über die Risiken und Chancen – und darüber, was nachhaltig ist. Die Diskussion darüber sollte sich auf Fakten und auf Wissenschaft stützen.

Sie werben für die Gentechnik.

Ach, ich will die Gentechnik gar nicht anpreisen, wenn die Welt sie partout nicht will. Gentechnisch veränderte Pflanzen tragen nur etwa 10 Prozent unserer Umsätze. Aber eigentlich will man in der Welt die Gentechnik haben, es gibt kein globales Akzeptanzproblem dafür. Wir verkaufen viel gentechnisch verändertes Saatgut in den Vereinigten Staaten, auch in Brasilien und Argentinien. Und wir bauen neue Forschungszentren in der Region Asien-Pazifik. Nur Nord- und Westeuropa scheinen mir zu einer Art Insel zu werden, die sich von der Entwicklung im Rest der Welt abkoppelt.

Vielleicht überschätzen Sie die Gentechnik aber auch. Die Sequenzierung des Reisgenoms vor zehn Jahren feierte Syngenta als großen Erfolg, der „Goldene Reis“ sollte den Vitamin-A-Mangel der Menschen in Teilen Afrikas lindern. Doch bis heute ist dieser Reis noch nicht am Markt eingeführt. Wann kommt er?

Zunächst möchte ich darauf hinweisen, dass Syngenta kein kommerzielles Interesse am Goldenen Reis hat, wir haben die Patente gemeinnützigen Institutionen kostenlos übertragen. Jetzt ist die Stiftung von Melinda und Bill Gates mit dem Projekt beschäftigt, in etwa einem Jahr soll der Reis in den Philippinen eingeführt werden. Aber ich habe keinen Zweifel daran, dass er helfen wird, die Menschen künftig besser mit Vitamin A zu versorgen. Die Frage ist doch: Warum hat die Markteinführung so lang gedauert?

Warum also?

Auch weil die Öffentlichkeit die Gentechnik mit solcher Skepsis sieht. Ich frage mich aber, wer berechtigt ist, für die Menschen in Afrika oder Asien zu sprechen, die an Mangelerscheinungen leiden.

Dann lassen Sie uns über die Bauern in Afrika sprechen. Während Syngenta seinen Umsatz mit wichtigen Nutzpflanzen in den nächsten Jahren auf 17 Milliarden Dollar steigern will, wird bei den Bauern wenig von den steigenden Nahrungsmittelpreisen ankommen. Warum geben Sie ihnen nichts ab?

Wohlmeinende Zeitgenossen – und davon gibt es in Westeuropa viele – wollen den weniger Privilegierten immerzu mit Geld und Nahrungsmitteln helfen. Ich denke aber, das ist nicht der richtige Ansatz. Denn die Afrikaner sind selbst dazu fähig, moderne Landwirtschaft zu machen. Viele sagen uns pauschal: Ihr seid ein Weltkonzern, ihr arbeitet nur mit den großen Konzernen zusammen. Das ist aber nicht wahr! Wir arbeiten mit Millionen von Kleinbauern zusammen, die Land von vielleicht je einem Hektar haben. Wir sollten ihnen höchstens etwas dabei helfen, so zu werden wie die europäischen Landwirte, anstatt permanent das Wunschbild einer Landwirtschaft zu zeichnen, dass nicht berücksichtigt, was die Afrikaner selbst wollen.

Wo liegen nach Ihrer Ansicht die größten Potentiale, um die Landwirtschaft effizienter zu machen – in der Gentechnik oder eher in den Pestiziden?

Im Pflanzenschutz, in der Saatgutverbesserung, in der Züchtung, in der Gentechnik – da kann ich nicht einen Punkt isoliert nennen. Außerdem müssen mehr Bauern Zugang zu den Märkten bekommen, damit sich Investitionen für sie rechnen. Dazu brauchen sie Straßen, Brücken, Zugang zu Krediten, vor allem aber Zugang zu Wissen. Aber da wir hier in Frankfurt sitzen, lassen Sie mich etwas zu Europa sagen, bevor es wieder nur um die Schwellenmärkte geht: Ein Grund dafür, dass das Geschäft in den Schwellenmärkten so viel schneller wächst als in Europa, ist die Bereitschaft, neue Technologien zu adaptieren. Europa macht Rückschritte und sagt: Landwirtschaft ist für uns eher eine Art Lifestyle-Thema. Im Rest der Welt fragt man sich, wie man die Versorgung der Menschen verbessern kann.

Aber Europa ist doch nicht so technikfeindlich, wie Sie es darstellen. Wir haben die größten Hersteller von Landmaschinen, und unsere Höfe werden seit Jahren immer größer und größer.

Ja. Aber wir schalten auch Kernkraftwerke ab ohne eine überzeugende wissenschaftliche Grundlage. Dann bauen wir wieder Kohle- und Gaskraftwerke, die in enormem Maß Gesundheitsrisiken für die Menschen mit sich bringen.

Der Atomausstieg ist doch gut für die Landwirte und somit auch für Syngenta – die Nachfrage nach Getreide wächst, weil die Bio-Energie ausgebaut wird.

Bio-Diesel aus Europa hält aber längst nicht jeder für eine gute Idee. Die Pflanzenwelt bietet uns ein enormes Potential zur Produktion von Nahrung, Futtermitteln und Energie. Aber es geht darum, die Kulturen anzubauen, die am besten zum jeweiligen Standort passen. Und die Energiebilanz von Bio-Ethanol aus brasilianischem Zuckerrohr ist jedenfalls deutlich besser als die von Bio-Diesel aus Europa.

Sie machen alles madig, was aus Europa kommt.

Nein, ganz bestimmt nicht. Die deutschen Landwirte etwa zählen zu den besten der Welt. Sie haben genug Wasser, gute Böden, gutes Wetter. Hier sind die Erträge je Hektar deshalb vielleicht zehnmal so hoch wie in Afrika. Aber dieser Wettbewerbsvorteil schwindet zunehmend. Wenn wir weiter Angst vor dem technischen Fortschritt haben, wird sich der Vorsprung Europas reduzieren.

Die Lebensmittelpreise befinden sich auf einem 30-Jahres-Hoch. Das liegt vor allem an den Energiekosten, die etwa über Diesel und Kunstdünger in die Produktionskosten eingehen. Wie lässt sich diese Abhängigkeit vom Öl reduzieren?

Indem wir die zur Verfügung stehenden Technologien weiterentwickeln und neue erfinden. Was ich beweisen kann, ist, dass dort, wo moderne Agrartechnologie zum Einsatz kommt, der Ertrag pro Fläche angestiegen ist. Dazu gehört auch die Gentechnik.

Können Sie das konkretisieren?

Wir haben zum Beispiel eine Maissorte entwickelt, die gegen einen bestimmten Schädling resistent ist. Das ist effizienter als der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln, der Ertrag ist deutlich gestiegen. Ein anderes Beispiel: Auf Sojafeldern in den Vereinigten Staaten werden mit modernsten Anbaumethoden im Durchschnitt 2,9 Tonnen je Hektar geerntet, sonst sind es nur 1,5 Tonnen. Der Zugang zu modernen Sorten ist ein Grund dafür.

Was sind die anderen?

Insbesondere in Asien wird viel zu viel Mineraldünger auf die Felder ausgebracht. Zu viel sickert ins Grundwasser ein. Aber ich würde deswegen doch nicht sagen: Lasst uns kein Düngemittel mehr benutzen. Sondern lasst es uns sparsamer und zielgerichteter verwenden. Das ist eine Frage der Ausbildung der Farmer, aber auch der Technik. Anstatt das Düngemittel auf den gesamten Boden zu streuen, lasst uns den Dünger gezielter ausbringen. Dafür gibt es schon heute Traktoren, die mit Infrarotsensoren genau die Wurzel der Pflanze orten, sodass man nur diese düngen kann. Lasst uns die bestehenden Probleme doch lösen, nicht indem wir die ganze moderne Landwirtschaft ablehnen, sondern indem wir sie wie seit Jahrzehnten weiter verbessern!

Schon jetzt steigen die Hektarerträge in Europa nicht mehr. Ist dies nicht ein Beleg für die Krise die der konventionellen Landwirtschaft?

Die Erträge stagnieren, das stimmt. Aber nicht deshalb, weil sich die Produktivität nicht mehr steigern ließe, sondern weil wir die Produktion politisch zu stark reglementieren. Wir könnten die Produktivität der Landwirtschaft auch in Europa noch steigern, in manchen Gegenden sogar um bis zu 30 Prozent.

Das Gespräch führten Sebastian Balzter und Jan Grossarth.

Quelle: F.A.Z.
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Die Förderlücke

Von Heike Göbel

Der Gesetzentwurf zum Betreuungsgeld ist ein Ausweis unbelehrbaren Glaubens an die unbegrenzte Leistungsfähigkeit des Sozialstaates. Dass Eltern ihre Kinder, wie seit Menschengedenken, unbezahlt hüten, ist in Deutschland offenbar nicht mehr denkbar. Mehr 25 38

30.05.2012 14:58 Uhr
  Vortag
Dax 6.321,59 −1,18%
 OK
NameKursProzent
FAZ-INDEX 1.377,17 −1,22%
Dow Jones 12.580,70 +1,01%
EUR/USD 1,2424 −0,51%
Rohöl Brent Crude 104,66 $ −2,05%
Gold 1.579,50 $ 0,00%
Umfrage

Anonym bewerben? Ist das gut?

Alle Umfragen

Bitte aktivieren Sie ihre Cookies.