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Trotz Gesetzesverschärfung : Ärzte machen Patienten „kränker“ als sie sind

Vielleicht gar nicht so schlimm? Krankenkassen versuchen, Diagnosen zum Negativen hin zu beeinflussen. Bild: dpa

Viele Ärzte werden bei Diagnosen von Krankenkassen beeinflusst – und stellen die gesundheitliche Lage ihrer Patienten auf dem Papier schlimmer dar als sie ist. Die Gesetzesverschärfung, die das verhindern sollte, scheint zu verpuffen.

          Ungeachtet einer unlängst beschlossenen Gesetzesverschärfung nehmen die Krankenkassen weiterhin Einfluss auf die Kodierung der Diagnosen ihrer Versicherten. Das berichtet die Techniker Krankenkasse unter Verweis auf eine von ihr in Auftrag gegebene Erhebung unter 1000 Medizinern. Demnach gaben 82 Prozent der anonym Befragten an, schon einmal von einer Krankenkasse hinsichtlich der Diagnosen ihrer Versicherten beeinflusst worden zu sein.

          Andreas Mihm

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Selbst nach der Gesetzesverschärfung im Frühjahr habe fast jeder Fünfte von solchen Beeinflussungen berichtet. Das ist deshalb relevant, weil die Kassen auf Basis der Diagnosen Gelder aus dem Gesundheitsfonds zugewiesen bekommen.

          AOK mit Wettbewerbsvorteil

          Kassen, für deren Versicherte die Ärzte die Diagnosen vollständig erheben und melden, bekommen mehr Geld als jene Kassen, für deren Versicherte die Mediziner die Diagnosen nicht vollständig erheben und berichten. Diese Schieflage wird noch verschärft, wenn Beurteilungsspielräume, etwa beim Schweregrad der Krankheit, genutzt werden und der Patient auf dem Papier etwas „kränker“ erscheint, als er in Wahrheit ist. Die TK und andere Ersatz-, Betriebs- und Innungskrankenkassen fühlen sich im Finanzausgleich aus dem Gesundheitsfonds benachteiligt. Sie werben für eine Änderung des Risikostrukturausgleichs: Die AOK, argumentieren sie, hätte aufgrund ihrer hohen Versichertenzahlen in der jeweiligen Region allein durch ihre Größe einen Wettbewerbsvorteil.

          Auch die weiterhin unterschiedliche Praxis der Kassenaufsicht mit einer laxeren Prüfung der länderbezogenen Kassen wie den AOK gegenüber den national agierenden Kassen verschärfe das Problem. Da die Ärzte oft viele AOK-Patienten hätten, der Rest ihrer Patienten sich aber auf viele Kassen verteile, sei es für sie interessant, bei entsprechenden finanziellen Anreizen die AOK-Patienten „besser“ zu erfassen.

          Geldzuweisungen sind weiterhin zu hoch

          Die AOK weisen das zurück. Die beklagte erheblich bessere finanzielle Entwicklung der Ortskrankenkassen ist ihrer Ansicht nach vor allem Folge ihrer besseren und effizienteren Versorgung. Die Kosten je Versichertem seien deshalb bei ihnen niedriger als bei allen anderen Kassen. Allerdings geben auch die AOK zu, dass sie in den vergangenen Jahren sehr viele junge und damit gesunde Mitglieder neu geworben hätten. Es ist bekannt, dass die Geldzuweisung aus dem Fonds für solche Versicherte tendenziell zu hoch ist.

          TK-Vorstandschef Baas hat sich über die Kodier-Praxis mehrfach öffentlich beschwert und behauptet, die Kassen zahlten den Ärzten allein dafür eine Milliarde Euro. Vehikel dafür sind sogenannte Betreuungsstrukturverträge, die vor der Hand eine bessere Versorgung der Patienten versprechen, faktisch aber vor allem der „richtigen“ Diagnoseerhebung von jenen 80 Krankheiten dienen, die im Risikostrukturausgleich berücksichtigt werden. Welche Anreize das setzte, ließ sich in den vergangenen Jahren statistisch ablesen. So zogen die Kodierungen von Adipositas (Fettleibigkeit) sprunghaft an, nachdem die Krankheit als Kriterium in den Finanzausgleich eingeführt worden war.

          Gesetz reicht noch nicht weit genug

          Baas, der Chef der mit zehn Millionen Versicherten größten deutschen Kasse, will das ändern. „Der Wettbewerb der Krankenkassen sollte über gute Leistungen und guten Service funktionieren und nicht über das Beeinflussen von Arztdiagnosen“, sagt er. Zwar habe der Gesetzgeber auf die Manipulationen reagiert und die Einflussnahme der Kassen im April verboten. Die zitierte Studie zeige jedoch, dass das entsprechende Gesetz bislang nicht eine ausreichende Wirkung entfaltet habe.

          Danach seien schon in den ersten zwei Quartalen nach Inkrafttreten wieder 18,2 Prozent der befragten Ärzte von Krankenkassen zu ihrer Diagnosestellung beraten worden. „Der Versuch, die Einflussnahme zu unterbinden und das System manipulationssicherer zu gestalten, geht noch nicht weit genug“, urteilt Baas. Sein jüngster Appell richtet sich auch an die Unterhändler der Jamaika-Koalition – sie haben die Reform des Finanzausgleichs auf ihren Arbeitszetteln schon vermerkt.

          Quelle: F.A.Z.

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