Das Geld war denkbar knapp bei Porsche, damals vor einem Jahr. Der einst in höchsten Tönen gefeierte Vorstandschef Wendelin Wiedeking, der sich darangemacht hatte, im Handstreich den Volkswagen-Konzern zu übernehmen, war bei seinen Kreditgebern rasant in Ungnade gefallen. Die Sportwagenschmiede aus Zuffenhausen würde eine Marke zwischen VW und Skoda, Audi und Bentley werden - das war schon klar. Aber Wiedeking rang noch immer um seine Vision, die Porsche SE als Führungsholding zu installieren und sich selbst als Chef über allem. In der Nacht vom 22. auf den 23. Juli musste Wiedeking die Schlacht dann verloren geben. Für die Öffentlichkeit war fortan klar: VW behält die Oberhand. Die Familien Porsche und Piëch haben trotzdem ihren Schnitt gemacht und den gescheiterten Wiedeking mitsamt seinem Partner, dem Finanzvorstand Holger Härter, dafür mit insgesamt 51 Millionen Euro Abfindung bedacht.
Klar aber ist in Wirklichkeit gar nichts. Zwar arbeitet man in Stuttgart wie in Wolfsburg konzentriert am Masterplan von VW-Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch, der die Verschmelzung der Porsche Holding SE mit der Volkswagen AG im Jahr 2011 vorsieht. Doch tatsächlich ist das Schicksal von Porsche in der Hand von Juristen. Das größte Problem, weil milliardenschwer: die Klage von Hedge-Fonds vor dem Bundesgericht in New York. Die Investoren hatten in dem Pokerspiel um VW Milliarden verloren und sehen die Verantwortung dafür in der mangelhaften oder gar falschen Informationspolitik von Porsche.
Bis zu 10 Milliarden Euro Schadensersatz möglich
Falls die Kläger recht bekämen, sich möglicherweise weitere Investoren dem Verfahren anschlössen, müsste die Porsche Holding SE Schadensersatzforderungen erfüllen - vielleicht 2 Milliarden Dollar, vielleicht 5, 7 oder gar 10 Milliarden. Doch wovon nur? Immer noch 6 Milliarden Euro Schulden weist der Zwischenbericht zum 30. April aus, und da hatte VW schon tief in die Tasche gegriffen und für die Hälfte am operativen Geschäft - also an der Porsche AG - 3,9 Milliarden Euro bezahlt. Um die Holding zu entschulden, ist für das Frühjahr 2011 eine Kapitalerhöhung bei der Porsche SE geplant, an der sich auch die Familien Porsche und Piëch mit insgesamt 2,5 Milliarden Euro beteiligen sollen - so festgehalten in einer Grundlagenvereinbarung mit VW.
Die Hälfte des Geldes sollte von freien Aktionären kommen, so der Plan. Doch selbst innerhalb des Unternehmens zweifelt man daran, ob sich genügend Anleger finden lassen. Schließlich können diese nicht sicher sein, was aus der Porsche Holding SE wird. Und hier beißt sich die Katze in den Schwanz: Die Fusion zwischen der Porsche Holding SE und der VW AG wird erst dann vollzogen, wenn die Klagen vom Tisch sind. Andernfalls müsste nämlich VW für die Milliardenforderungen geradestehen, und das kann in Wolfsburg niemandem recht sein. Notfalls würde wohl das Land Niedersachsen mit seinem Vetorecht den Bremser spielen. Am Ende könnten die Familien Porsche und Piëch mit leeren Händen dastehen, so das Horrorszenario im Familienclan: Die Porsche SE, deren größter Vermögenswert - die VW-Beteiligung - ohnehin schon an die Banken verpfändet ist, könnte ob der Milliardenforderungen insolvent werden.
Amerikanische Bundesrichter zuständig?
Kein Wunder, dass bei Porsche, Piëch & Co. die Drähte heiß liefen, als Ende vergangener Woche vermeintlich die Rettung nahte. Ein Bundesrichter in New York verfügte, dass er nicht zuständig sei, über die Geschäfte eines ausländischen Unternehmens zu urteilen. Der Fall bezog sich auf eine australische Bank - doch sofort wurden Parallelen zum Fall Porsche/VW gezogen. Für ein Aufatmen ist es dennoch zu früh, versichern alle, die sich mit der hochkomplexen internationalen Juristerei befassen: Anwälte, denen im Erfolgsfall Millionen winken, werden erfinderisch in ihrer Argumentation. Bis am 30. November der New Yorker Richter Harold Baer darüber entscheidet, ob er die Klage der Hedge-Fonds gegen Porsche annimmt, werden wohl noch Dutzende von Schriftsätzen ausgetauscht.
Bis dahin muss das Zittern weiter gehen. Und danach könnte das Leiden für Porsche erst so richtig losgehen. Amerikanische Ermittler gelten als wenig zimperlich, und schon jetzt grault man sich bei Porsche davor, Schriftstück um Schriftstück, Aktennotiz um Aktennotiz herbeizuschaffen und dabei ganz penibel vorzugehen. „Jede Ungenauigkeit schürt den Verdacht, dass man etwas zu verbergen hat“, ist man sich in Zuffenhausen bewusst. Die Ermittlungen könnten bis ins Jahr 2012 hinein geführt werden, und bis dahin bliebe unklar, ob Porsche noch einmal mit Milliarden für die Kapriolen der Ära Wiedeking büßen muss.
Der Verdacht: nach Strich und Faden manipuliert
Sollte sich der New Yorker Richter für nicht zuständig erklären, wäre die Akte Porsche damit aber auch nicht geschlossen. Amerikanische Kläger könnten immer noch vor andere Gerichte ziehen. Milliardenforderungen drohen prinzipiell auch in Deutschland. Von Güteanträgen im Volumen von 2,4 Milliarden Euro ist im Zwischenbericht die Rede und dass Porsche nicht darauf eingegangen sei. Ob daraus deshalb Klagen werden, ist nicht sicher - schließlich sind solche Prozesse teuer und der Ausgang ungewiss.
Eine ganz andere Qualität hat, was die Strafjustiz in Deutschland umtreibt. Hier geht es nicht um Milliarden, sondern um persönliche Schuld. Angeklagt sind neben dem einstigen Porsche-Chef Wiedeking der damalige Finanzvorstand Holger Härter, ein Mitarbeiter der Porsche-Finanzabteilung sowie sieben Mitarbeiter der Frankfurter Maple-Bank. Das kanadische Institut ist auf besondere Dienstleistungen spezialisiert, zum Beispiel Aktienleihen. Gemeinsam sollen die Herren den Markt nach Strich und Faden manipuliert haben, so der Verdacht: durch falsche oder verspätete Ad-hoc-Mitteilungen, durch den Aufbau einer beherrschenden Stellung am Aktienmarkt und letztlich durch „Cornering“, das Ausnutzen dieser marktbeherrschenden Stellung zu Lasten anderer Aktionäre.
Um das zu beweisen, haben die Ermittler bisher 1500 Gigabyte Datenmaterial eingesammelt, zuletzt bei Banken in Stuttgart und im Ausland Mitte April. Ende des Jahres werde man „detailliertere Angaben über die Strukturen der Tatvorwürfe machen können“, erklärte der zuständige Staatsanwalt Hans Richter in einer seiner seltenen Äußerungen. Und die Kaffeesatzleser sind sich nun in einem Punkt sicher: dass über eine Anklage dieses Jahr jedenfalls noch nicht entschieden wird.
Zocker
Tautz von Tronje (Tautron)
- 30.06.2010, 14:25 Uhr