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Adieu, Karstadt und Quelle Abschied vom Imperium der Familie Schickedanz

 ·  Karstadt und Quelle sind mit dem Wohlstand gewachsen. Doch als die Kunden individualistisch wurden, fanden die Kaufleute keine Antwort. Jetzt bitten sie in Berlin um Barmherzigkeit. Wohl vergebens.

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Arcandor heißt der Konzern, der die Traditionshäuser Quelle, Karstadt und weitere Unternehmen vereinigt. Es ist nicht mehr sicher, ob man sich den Namen noch merken muss. Die Spitzenmanager des Handelsunternehmens machen den „Opel“ in Berlin, doch mit weniger Erfolg. Am Freitag fand ein veritabler Warenhausgipfel im Bundeswirtschaftsministerium statt unter der Leitung des Staatssekretärs Walter Otremba. Der forsche Arcandor-Chef Karl-Gerhard Eick samt Finanzchef war dabei, sein Konkurrent von der Metro Eckhard Cordes und Vertreter ziemlich vieler Gläubigerbanken.

Die Privatbank Sal. Oppenheim, die das Schicksal erleidet, größter Arcandor-Aktionär zu sein, schickte Christopher Freiherr von Oppenheim und Friedrich Carl Janssen. Goldman Sachs’ Deutschland-Chef Alexander Dibelius unterbrach einen Aufenthalt in Sankt Petersburg, um die Eigentümer der Kaufhaus-Immobilien zu vertreten. Seine Kaufhäuser und andere Gebäude hat Arcandor schon längst verkauft und zurückgemietet.

Mietzahlungen für die Kaufhäuser eingestellt

Der Investmentbanker zündete eine Bombe. Arcandor hat die Mietzahlungen für die Kaufhäuser eingestellt . Die Vermieter leiten rechtliche Schritte ein. So etwas kann die ganze Gesprächsatmosphäre verderben.

„Konstruktiv“ war es, sagten die Teilnehmer hinterher. Ergebnisse gab es keine. Arcandor will schnell 437 Millionen Euro Kredit vom Staat und oder 630 Millionen Bürgschaft. Geld her, oder ich fall um, lautet die Ansage. Wenn der Konzern nicht in den nächsten Tagen Finanzmittel oder Sicherheiten beschafft, kommt die Insolvenz. Am Montag entscheidet der Lenkungsausschuss der Bundesregierung: Negativ, wenn nicht alle Zeichen trügen.

Kanzlerin Angela Merkel äußerte sich schon einmal skeptisch, erst müssten die Großaktionäre, die Ex-Milliardärin Madeleine Schickedanz und die Privatbank Sal. Oppenheim, ihr Vermögen einsetzen, bevor an Staatshilfe zu denken sei, ließ sie verbreiten (siehe auch Merkel lehnt Staatshilfe für Arcandor ab).

Die Lage ist schlecht. Die Arcandor-Führung wird trotzdem für zwei Ereignisse dankbar sein müssen, die dem Konzern eine letzte kleine Chance bescheren: Für die Finanzkrise als Ausrede und für die Bundestagswahl im September, die die Politiker doch noch spendabel machen könnte.

300 Millionen Euro verbrennt Arcandor jedes Jahr

Der Finanzkrise darf man gewiss die allerschwersten Vorwürfe machen, nur für Arcandors schlechte Ertragslage nicht: „Der Konzern befindet sich schon seit Jahren insgesamt in einer angespannten Verfassung. Die Durchfinanzierung konnte in den letzten Jahren unter anderem auch durch signifikante Desinvestitionen sichergestellt werden. Dabei kam es zu einem stetigen Verzehr des Liquiditätsbestandes.“ Das schreiben die Wirtschaftsprüfer von Pricewaterhouse Coopers in ihrem aktuellen Bericht zur Vorlage für den Bürgschaftsausschuss des Bundes. 300 Millionen Euro verbrennt Arcandor jedes Jahr nach eigenen Angaben, Konkurrent Metro hat für Arcandor sogar eine Liquiditätsverzehr von 600 Millionen Euro im Jahr ausgerechnet, geht aus ein Papier hervor, das in Berlin die Runde macht.

Das weckt die Befürchtung, Eick und seiner Mitstreiter könnten bald schon wieder nach Hilfe rufen. Das Finanzierungskonzept hat kaum Sicherheitspuffer.

An anderer Stelle im Bericht konstatieren die Wirtschaftsprüfer, die Schieflage Arcandors kann auf „marktbezogene, strukturelle und operationelle Ursachen“ zurückgeführt werden. Sie räumen allerdings ein, dass die aktuelle Wirtschafts- und Finanzkrise die Situation verschärft.

Karstadt und Quelle hatten ihre beste Zeit in den Wirtschaftswunderjahren

Arcandor leidet vor allem an sich selbst. Früher war es besser. Die Keimzellen des Konzerns, Karstadt und Quelle hatten ihre beste Zeit in den Wirtschaftswunderjahren, als der Konsum noch stärker der Versorgung diente. Nun wenden die Kunden in Deutschland sich jedoch seit Jahren von den Kaufhäusern ab und auch vom Fürther Versandunternehmen Quelle.

Ein ehemaliges Vorstandsmitglied – und davon gibt es wegen zahlreicher Umbrüche ziemlich viele – spricht vom „Niedergang der Universalisten“. Kaufhäuser und Universalversender bieten von allem ein bisschen – vom Schnürsenkel bis zum Pullover mit V-Ausschnitt. Spezialisten hingegen haben wenige Artikel, davon aber ziemlich viel.

Deswegen findet zum Beispiel der leicht übergewichtige, große und mit langen Armen gesegnete Mitbürger keinen Anzug bei Karstadt, aber mindestens drei bei Peek&Cloppenburg (P&C). Als Steuerzahler herausboxen soll er eine Firma, die ihn nicht gut kleidet. Großflächige Textilspezialisten wie Hennes & Mauritz oder C&A ärgern mit ihrer größeren Auswahl Karstadt im unteren Preissegment, P&C und Breuninger nerven mit ihrer Markenvielfalt weiter oben auf der Preisskala. Saturn und Media Markt sind verlockender als die kleine Technikabteilung in der obersten Etage des Warenhauses. Das Prinzip gilt auch für die Versender, von denen nur noch Spezialisten wie Baby Walz Geld verdienen.

Durchschnitt will keiner mehr sein

Die Universalisten bieten das passende Angebot für den Durchschnittskunden, was Konfektionsmaße, Geschmack und Neigungen angeht. Doch Durchschnitt will schon seit 15 Jahren keiner mehr sein. Das ist des Warenhauses wahre Tragik. Man könnte es auch einfach Trend nennen.

So war es die schlimmste aller Schnapsideen, Quelle und Karstadt 1999 zusammenzubinden, sagt ein altgedienter Aufsichtsrat, der in seiner Karriere schon ziemlich schreckliche Unternehmen gesehen hat. Eingefädelt hatte den Plan zur Ehe der Fußkranken Ende der neunziger Jahre ein Industriegase-Manager, der große alte Mann der Linde AG, Hans Meinhardt. Bis 2004 war er Aufsichtsratschef der Karstadt-Quelle AG, um dann von Thomas Middelhoff abgelöst zu werden. Das waren schreckliche Jahre für den Konzern. Zur Entlastung des Wiesbadener Managers kann nur vorgebracht werden, dass es danach nicht mehr nennenswert besser wurde.

Es fehlte die zündende Idee, womit dem Kunden zu dienen und Gewinn zu erwirtschaften wäre. Und es fehlte die Kraft, die Unternehmenssparte zu sanieren, etwa den Verlustbringer Neckermann zu schließen. Stattdessen kam ein Wunderkind. Thomas Middelhoff hatte als Vorstandsvorsitzender dem Gütersloher Weltkonzern Bertelsmann viel Geld beschert, als er – die Gunst der Stunde nutzend – die AOL-Beteiligung für horrendes Geld verkaufte. Man hat ihn trotzdem aus Ostwestfalen fortgeschickt und ist ihm heute noch zutiefst Gram.

Mit Middelhoff kam ein „pathologischer Optimist“

Middelhoff, der zuerst Aufsichtsratsvorsitzender war und dann von Mai 2005 an als Vorstandsvorsitzender die Geschicke in der Hand hatte, ist ein Manager, wie es keinen zweiten gibt. Er ist ein Generator der guten Laune. Interessenkonvergenz vorausgesetzt gibt es vermutlich kaum angenehmere Gesprächspartner als den gebürtigen Düsseldorfer. Der depressive Konzern, der schon 2004 am Rande der Pleite stand, sehnte sich nach einer Frohnatur. Middelhof – von einem Weggefährten als „pathologischer Optimist“ bezeichnet – kam zu Karstadt-Quelle und tat, was er am allerbesten kann: Verkaufen.

Dabei ging es um im Kern um zwei Themen: Das komplette nicht betriebsnotwendige Vermögen und die eigene Person. Er verkaufte in atemberaubendem Tempo die Warenhausimmobilien, große Teile der Logistik, des Einkaufs, Parkhäuser. Er verkaufte Hertie-Häuser, die Textilketten Wehmeyer, SinnLeffers, die Kette Golf House und den Sportausstatter Runners Point. Er verkaufte einen Teil von Neckermann, eine Beteiligung am Deutschen Sportfernsehen und die IT–Abteilung, die er später wieder zurückkaufte. Irgendwann war die 2007 zur Arcandor AG mutierte Gesellschaft schuldenfrei.

Bedenkt man, dass die Hertie-Gruppe, Wehmeyer und SinnLeffers inzwischen insolvent sind, bewies Middelhoff ein gutes Gespür für Timing. Auch die Immobilienerlöse waren für damalige Verhältnisse stattlich. Allerdings mietete Arcandor viele der Häuser zu Mietpreisen zurück, die deutlich über dem Üblichen liegen.

Synergien hat es nie gegeben

Eine weitere Kehrseite beschreiben heute die Wirtschaftsprüfer von Pricewaterhouse Coopers. Der Konzern habe „nach den Restrukturierungsaktivitäten der vergangenen Jahre mittlerweile praktisch keine freie Substanz mehr, etwaige Fehlentwicklungen zu kompensieren.“

Unverdrossen verbreiteten Middelhoffs PR-Berater die frohe Botschaft, dem großen Manager sei die erfolgreichste Restrukturierung seit Alstom gelungen, was etwas vage und zugleich ziemlich gut klang. Ganz falsch war es ja auch nicht. Middelhoff hatte dem Konzern Zeit für seine Sanierung gekauft. Es wäre schön gewesen, wenn sich jemand dieser existentiellen Aufgabe angenommen hätte. „Wer einen Blick in Middelhoffs Lebenslauf geworfen hätte, der wusste doch, dass er nicht durch Warenhäuser laufen würde, um Sortimente zu optimieren“, sagte ein Ex-Vorstand.

Die Sanierung hat nie richtig statt gefunden, Synergien zwischen Versendern und der Kaufhausgruppe hat es nie gegeben. Die harten Entscheidungen wollte keiner treffen, man hat es mit der Gewerkschaft Verdi zu tun, der die konstruktive Kompetenz der Schwester IG Metall abgeht.

Der Großaktionärin Madeleine Schickedanz schmolz das Erbe

Middelhoff ging lieber einkaufen. Er übernahm den Reiseanbieter Thomas Cook komplett und fusionierte ihn mit einem britischen Konkurrenten.

An dieser Stelle ist der Blick auf hervorstechende Eigenschaften der Großaktionärin Madeleine Schickedanz zu richten: Leidensfähigkeit gepaart mit Duldsamkeit. Die schwierige Tochter des Gründerpaares Grete und Gustav Schickedanz sieht seit Jahren geduldig, zu wie ihr Erbe dahinschmilzt. Hin und wieder ringt sie sich zu einer Spitzenpersonalie durch, Fortune hatte sie selten.

Das Magazin Forbes führte Madeleine, die auch einem Spezialversender ihren Namen gab, als Milliardärin. Jetzt ist nicht mehr sicher, ob sie überhaupt noch über Nettovermögen frei disponieren kann (siehe Madeleine Schickedanz: Im Sog des Arcandor-Desasters). Sie hat Schulden bei der Privatbank Sal. Oppenheim, die von ihr einen Teil ihre Arcandor-Aktien übernommen hat.

Arcandors Insolvenz rückt näher. Die Arbeitnehmer wollen noch einmal Mahnwachen vor den Filialen aufstellen und die Schaufenster mit Packpapier verhängen, um dem Publikum zu zeigen, wie traurig die Innenstädte ohne Karstadt wären. Bauminister Wolfgang Tiefensee (SPD) wurde noch einmal mobilisiert: Er redet am Montag mit Oberbürgermeistern betroffener Städte. Die letzten Argumente werden noch einmal gestreut, dass die Steuermillionen für 15.000 Euro pro Arbeitsplatz besser verwendet sein als bei Opel, wo der Arbeitsplatz 200.000 koste.

Metro würde 60 Karstadt-Warenhäuser übernehmen

Doch das Leben geht weiter, auch nach einer Insolvenz: 93 Warenhäuser hat Karstadt, 60 davon würde die Metro übernehmen und dann mit ihrer Kaufhof-Gruppe zusammenschließen (siehe auch Die Warenhausallianz würde 40 Filialen schließen). Der Hamburger Otto-Versand hat Interesse an den Spezialversendern und an den 28 Sporthäusern. Der Reisekonzern Thomas Cook kommt auch ohne Arcandor gut zurück. Schwerer wird es für den Versender Quelle. Käufer scheuen die hohe Restrukturierungskosten, verbreitete Otto. Der Hoffnungsmarkt Osteuropa steckt selbst in der tiefsten Krise seit Jahren. In Fürth endet eine Epoche.

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Jahrgang 1963, stellvertretender Ressortleiter Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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