27.11.2005 · Die 30 Unternehmen im Dax sind nicht mehr deutsch. Sie fertigen im Ausland, und sie verdienen dort. Selbst unter den Aktionären haben die Ausländer bald die Mehrheit.
Von Winand von PetersdorffBekannt ist, daß viele deutsche Konzerne ihr wirtschaftliches Heil im Ausland suchen und finden. Weniger bekannt ist, daß sie ausländische Investoren in Scharen anlocken. Es klingt fast paradox: Die Ausländer steigen bei den Deutschen ein, weil die Deutschen so erfolgreich im Ausland sind.
Von jenen Dax-30-Unternehmen, deren Aktien breit gestreut sind, sind inzwischen die meisten mehrheitlich in ausländischen Händen. Das hat eine Umfrage der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung Zeitung ergeben. Deutsch sind dagegen noch jene Dax-Unternehmen, an denen ein Großaktionär beteiligt ist: sei es der Staat oder die Familie der Gründer. Das gilt für immerhin noch elf der Dax-30-Unternehmen.
In ausländischer Hand sind unter anderem die Topadressen der deutschen Wirtschaft: Deutsche Bank, Eon, Siemens und BASF. Und bei Allianz, Münchner Rück und Daimler-Chrysler halten ausländische Investoren bereits fast die Hälfte der Aktien.
Deutsche Aktien auf ausländischem Radar
Unter den Investoren, die in den Dax-30-Unternehmen engagiert sind, spielen Hedge-Fonds nur eine geringe Rolle. Häufiger sind Pensionsfonds mit langem Anlagehorizont beteiligt. Fest steht: "Deutsche Aktien sind auf dem Radarschirm von ausländischen Investoren", schreibt die WestLB jetzt in einer Studie. "Die Anleger scheinen zu verstehen, daß deutsche Unternehmen extrem erfolgreich sein können, selbst wenn die deutsche Volkswirtschaft extrem schwach ist."
An diesem Erfolg ist nichts Mysteriöses. Im Gegenteil: Der Erfolg ist Konsequenz einer großen Wanderung der Fertigung nach Osten, glauben die Analysten der West LB. Die Verlagerung von Produktion macht sich finanziell bezahlt.
Die Zeiten, in denen die Dax-Werte unter einem Standortabschlag, dem sogenannten Germany Discount, litten, scheinen demzufolge vorbei zu sein. Nationale Standortbedingungen spielen für Global Player kaum noch eine Rolle. Das stimuliert Investoren aus aller Welt. "Warum sollen die gewaltigen liquiden Mittel, die rund um die Welt auf der Suche nach guten Investments reisen, nicht einen Stopp in Deutschland einlegen?" fragen die WestLB-Autoren rhetorisch. Für Aktionäre lautet die Botschaft der Düsseldorfer Analysten: Das Gute an deutschen Konzernen ist, daß sie kaum noch deutsch sind.
Drei typische Phasen
Die Internationalisierung der großen Konzerne durchläuft in der Regel drei Phasen. Erst wird der Umsatz ausländisch, dann die Belegschaft. Und schließlich folgt der Eigentümerkreis.
Dementsprechend fast durchschritten ist Phase eins: die Internationalisierung des Umsatzes. 26 der 30 Dax-Konzerne erwirtschaften den größeren Teil ihrer Erlöse im Ausland, 19 davon sogar mehr als zwei Drittel des Umsatzes.
Für deutsche Traditionsadressen wie Adidas, Fresenius Medical Care oder Schering ist der deutsche Markt nur noch eine Randgröße. Die große Ausnahme bildet die Commerzbank, die zwar mehrheitlich Ausländern gehört, durch die Übernahme der Baugeld-Bank Eurohypo aber ihr Deutschlandgeschäft weiter stärkt.
Exemplarisch die Entwicklung der Post
Selbst bei den ehemaligen Staatsunternehmen Telekom und Post, die noch 50 Prozent und mehr in Deutschland erwirtschaften, ist der Trend ganz eindeutig. Telekom wächst vor allem in den Vereinigten Staaten und in Osteuropa.
Geradezu exemplarisch ist die Entwicklung der Post, die vor wenigen Jahren als Staatsmonopolist noch auf Deutschland beschränkt war. Sie verschiebt in dramatischer Geschwindigkeit die Gewichte zugunsten des Auslands: Nach der jetzt genehmigten Übernahme des britischen Konkurrenten Exel darf sich die Post bald weltgrößter Logistikdienstleister nennen mit einem größeren Umsatzanteil im Ausland.
Auch der Aktionärskreis dürfte schnell internationaler werden. Großaktionär der Post ist noch die staatliche KfW-Bank, die von Mai 2006 an weitere Pakete am Kapitalmarkt plazieren wird. Die Staatsbeteiligung hatte bisher vor allem angelsächsische ausländische Investoren gebremst. Das dürfte sich spätestens bis 2008 geändert haben. Dann soll das Unternehmen komplett privatisiert sein.
Auch Phase zwei haben viele Konzerne schon in Angriff genommen, wie die regionale Verteilung der Beschäftigung widerspiegelt. Die Mehrheit der Dax-30-Konzerne beschäftigt jetzt schon mehr Mitarbeiter jenseits der Grenzen als diesseits. Dieser Trend setzt sich ungebremst fort, nicht nur, weil die Unternehmen Produktion verlagern, sondern auch, weil die ausländischen Beteiligungen von der Dynamik der Volkswirtschaften im Osten und Fernen Osten profitieren, in denen sie angesiedelt sind. Dazu kommen Akquisitionen im Ausland.
Dax-30-Konzerne mitten in Phase drei
Jetzt befinden sich die Dax-30-Konzerne mitten in Phase drei: die Aufnahme ausländischen Kapitals. Beflügelt wird die Entwicklung hin zu ausländischen Aktionären nicht nur durch die gute Performance der Konzerne, sondern auch durch die Entflechtung der Deutschland AG. Die großen deutschen Banken und Versicherungen haben sich Zug um Zug fast komplett von ihren deutschen Industriebeteiligungen gelöst. Damit bekamen ausländische Anleger neue Investitionschancen. Und, was möglicherweise noch schwerer wiegt, sie verloren die Scheu, sich im deutschen Firmengeflecht zu verfangen.
Zwei Fakten allerdings belegen möglicherweise, daß die Deutschland AG noch lebt oder gar wieder belebt werden soll. Da ist der Fall Volkswagen, bei dem sich Porsche jetzt zum Großaktionär aufgeschwungen hat und somit nach eigenen Angaben eine Übernahme durch andere (ausländische) Investoren verhinderte.
Das zweite Relikt aus der alten Hochzeit der Deutschland AG ist die Wiesbadener Linde AG. Dort halten Deutsche Bank, Allianz und Commerzbank noch zusammen rund ein Drittel der Anteile. Doch es mehren sich auch dort die Zeichen, daß die Zeiten sich ändern werden. Linde-Vorstandschef Wolfgang Reitzle polterte jüngst gegen Hedge-Fonds und warnte vor Investoren, die mit der Zerteilung des 125 Jahre alten Konzerns das schnelle Geld machen wollten. Das wurde am Kapitalmarkt als Zeichen für Nervosität gewertet. Denn klar ist: Für die Finanzinstitute ist Linde keine strategische Beteiligung. Mit anderen Worten, sie wird verkauft.
Beschleunigt werden dürfte die Internationalisierung des Aktionärskreises durch die Finanznot der öffentlichen Hand. Der Staat ist nicht nur indirekt an Post und Telekom beteiligt, sondern auch an Volkswagen (Land Niedersachsen), Eon (Freistaat Bayern) und RWE (Kommunen). Sie dürften verkauft werden, wenn sich die Haushaltskatastrophen verschärfen.
Deutschland AG ist tot--es lebe der Globalismus!
Gerhard Dünnhaupt (dunnhaupt)
- 27.11.2005, 17:27 Uhr
Winand von Petersdorff-Campen Jahrgang 1963, stellvertretender Ressortleiter Wirtschaft.
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