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Abschiedsbrief eines Mitarbeiters Das Goldman-Sachs-Debakel

 ·  Muppets nennen Investmentbanker ihre Kunden: Trottel, denen man alles andrehen kann. Das weiß die Welt, weil ein Banker jetzt auspackte und wenig Schmeichelhaftes über seinen Arbeitgeber kundtat.

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Ein frustrierter Mitarbeiter geht und schreibt einen Abschiedsbrief, der sich gewaschen hat – alles nichts Besonderes. Aber wenn es sich bei dem Arbeitgeber um Goldman Sachs handelt, die mächtigste Investmentbank der Welt, und wenn der Abtrünnige seine Kritik ausgerechnet in der „New York Times“ äußert, dem Flaggschiff der amerikanischen Zeitungen – dann kann aus dem Unmut eines Ausscheidenden eine weltweite Debatte erwachsen.

So war es mit Greg Smith vergangene Woche. Der 33 Jahre alte Bankangestellte aus der Derivate-Abteilung, gebürtiger Südafrikaner, rechnete in einem Brief auf der Meinungsseite der Zeitung („Warum ich Goldman Sachs verlasse“) mit der Bank ab. Die Liste der Vorwürfe ist lang: Ihr Kern aber ist, die Investmentbank arbeite nicht für ihre Kunden – sie melke diese vielmehr bewusst.

Despektierlicher geht es kaum

Als besonders entlarvend führt Smith die Sprache an: Mindestens fünf verschiedene Manager habe er in den zurückliegenden zwölf Monaten über ihre Kunden als „Muppets“ (englisch für „Trottel“) reden hören. Der Begriff setzt sich aus „Puppet“ (Puppe) und „Marionette“ zusammen – und ist wohl der „Muppet Show“ entlehnt. Despektierlicher geht es kaum.

Meine Kunden, die Muppets: Das heißt, ich nehme sie nicht ernst. Sie sind mir hoffnungslos unterlegen. Ich kann sie wie Marionetten lenken. Ich stelle sie auf eine Stufe mit Kermit, dem quäkenden Frosch, und Miss Piggy, dieser übergewichtigen Schweinedame.

Ein schwerer Vorwurf

Diese Haltung allein wäre nur unhöflich. Aber Smith zufolge ist sie folgenschwer für die Geschäftspraktiken der Bank: Den Kunden von Goldman würden Produkte verkauft, die eigentlich ungeeignet für sie seien („wrong for them“) – nur weil die Investmentbank daran am meisten verdiene. Ein schwerer Vorwurf: Ausbeutung der eigenen Kunden. In der Öffentlichkeit stieß er auf offene Ohren, weil er das Bild bestätigt, das viele Leute von Investmentbankern haben. Kein Wunder, dass der Text im Internet zu den meistgelesenen weltweit gehörte. Prompt schmierte der Aktienkurs der Bank ab.

William Cohan, der mit „Money and Power“ eine Art Biographie der Bank geschrieben hat, sieht im Aussprechen der Dinge das Neue: Bei Goldman Sachs habe bislang eine Omertà geherrscht, schreibt er in der „Financial Times“: eine Schweigepflicht wie bei der Mafia – frei nach dem sizilianischen Sprichwort: Ein Mensch, der taub, stumm und blind ist, wird in Frieden hundert Jahre alt. Das Verdienst von Smith sei der Bruch der Omertà.

Hat Smith recht?

Eine Bank, die wie die Mafia denkt? Da half wenig, dass New Yorks Oberbürgermeister Michael Bloomberg umgehend die Goldman-Zentrale besuchte und sagte, sogar Gott könnte Goldman heutzutage nicht führen, ohne kritisiert zu werden.

Die entscheidende Frage ist aber: Hat Smith recht? Sein Brief ist an Beispielen eher arm. Einen Fall aber spricht er an, dessen Details relativ gut überprüfbar sind – weil die amerikanische Börsenaufsicht SEC sich damit beschäftigt hat. Bei dem Fall kann man schon fragen, ob die Goldman-Kunden „Muppets“ waren.

Es ging um ein Geschäft aus Zeiten der Finanzkrise, bei dem Goldman-Kunden Milliarden verloren. Die Bank hatte im Jahr 2007 auf Wunsch eines Kunden, des Hedgefonds Paulson & Co., ein Wertpapier aufgelegt, in dem kritische Kredite für amerikanische Wohnimmobilien gebündelt wurden. Das Besondere an dem Produkt mit dem schönen Namen „Abacus 2007-AC1“ war: Der Hedgefonds Paulson soll Goldman nicht nur beauftragt haben, das Produkt zu entwerfen – wofür Goldman 15 Millionen Dollar kassierte –, sondern Paulson stellte auch das Portfolio zusammen, wählte also selbst die Kredite für das Produkt aus.

Als Kenner der Risiken des amerikanischen Häusermarktes, so der Vorwurf der Aufsicht, legte Paulson nur die allerschlechtesten ins Körbchen. Nur solche, von denen er annahm, dass sie bald ausfallen würden, weil die Schuldner sie nicht mehr bedienen könnten.

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