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Abschied von einem Werk Zorn und Empörung in Varel

02.03.2007 ·  Ehemals galt das Airbus-Werk in Varel als Vorzeigeobjekt - nun soll es verkauft werden. Die Mitarbeiter fühlen sich verkannt und verletzt von den „Herren aus Toulouse“. Vom Werkstor in Varel berichtet Robert von Lucius.

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Zorn, Kampfbereitschaft, Empörung und vor allem Enttäuschung: Am Werkstor in Varel nennen die Arbeiter der Frühschicht immer wieder diese Gefühle. Noch vor einem Jahr galten sie als Vorzeigewerk im Airbus-Konzern, und nun sollen sie verkauft werden.

Das wäre der Beginn eines Gleitflugs für den größten Arbeitgeber der Region, ein Sterben auf Raten, sagen sie – selbst wenn in den nächsten vier, fünf Jahren kaum jemand entlassen würde. Eine Begründung für einen Verkauf habe bisher niemand nennen können, sagt der frühere Bundeslandwirtschaftsminister Karl-Heinz Funke (SPD), dessen Familie seit dem zwölften Jahrhundert in Varel und dem eingemeindeten Küstenort Dangast lebt.

Schon die Großväter arbeiteten im Werk

Wie er kommt fast die gesamte Belegschaft von 1300 Mitarbeitern aus dem Ort oder dessen Umland. Einige berichten, schon ihre Großväter hätten im Werk gearbeitet. Die Flugzeugindustrie gab es, mit wechselnden Eignern von Focke über MBB bis zu Aerospace, seit den dreißiger Jahren. Direkt nach 1945 zeigten die Vareler Erfindungskraft mit der Herstellung des Flinck-Rades, eines Fahrrades mit kleinem Zweitaktmotor und einem Antrieb am Vorderrad, das auf deutschen Straßen mit bis zu 25 Stundenkilometern fuhr. Kein Airbus fliege am Himmel, auch kein Tornado, ohne Teile aus Varel, berichtet ein Schlosser. Wohl kein anderes Werk in Deutschland hat so viele moderne Geräte und Fertigkeiten bei der Verspanung – dem Fräsen von Großteilen, die millimetergenau sein müssen.

Varel hatte sich auf Aluminium spezialisiert. Da Airbus dort in den neuen Werkstoff Kohlefaser nicht investieren will, befürchten die Mitarbeiter, dass sie mittelfristig abgehängt werden. Vom frühen Morgen an kommen Politiker und die Betriebsräte und sagen mit zornigem Unterton, dass sie nicht aufgeben werden. Aus Varel kamen stets, dem Menschenschlag der Nordoldenburger entsprechend, starke Betriebsräte – nicht zuletzt mit Thomas Busch der stellvertretende Vorsitzende des Betriebsrates des gesamten Airbus-Konzerns. Er schaut vorbei auf dem Weg von Toulouse nach Hamburg.

Ohne Bestandsgarantie

Beraten wird derzeit überall und heftig, auch in der Landesregierung. Ministerpräsident Christian Wulff (CDU) will nicht aufgeben und sagt, er habe großes Verständnis für die Proteste und die Empörung der Mitarbeiter in Varel und Nordenham. Den Betriebsrat lud er für kommende Woche nach Hannover in den Landtag zum Gespräch mit allen vier Fraktionsvorsitzenden. In vier Wochen kommt er wieder nach Varel, sobald eine von ihm eingesetzte Lenkungsgruppe ihre Arbeit abgeschlossen hat.

Dort suchen Staatskanzlei und Wirtschaftsministerium, Betriebsräte, Gewerkschaften und Luftverkehrsfachleute nach einer Lösung und nach einer neuen Rolle mit einem Verbleib im Airbus-Verbund. Airbus-Chef Louis Gallois dagegen will Varel „an einen Partner“ verkaufen und als Zulieferer für Airbus behalten, aber ohne Bestandsgarantie.

Neueinstellungen noch vor wenigen Wochen

Seit drei, vier Wochen beherrscht der Airbus alle Debatten am Frühstückstisch oder beim Billard. Immer wieder kommt das Wort vom Damoklesschwert. Dabei war die Belegschaft vor wenigen Monaten noch zuversichtlich, und es gab Neueinstellungen. Dank der langen Betriebszugehörigkeit und der bodenständigen Heimatverbundenheit des oldenburgschen Menschenschlages identifizieren sie sich stark mit dem Werk und der Arbeit. Wenn es Krisen gab, war man bei der Arbeitszeit und dem Lohn zu Zugeständnissen bereit. Deshalb fühlen sich die Menschen vor dem Werkstor, die dennoch ihren Streik vermutlich schon an diesem Freitag beenden, von den Arbeitgebern verraten; sie sprachen gar von „Desaster“ und „Blasphemie“. Sie müssten einstehen für die Fehler des Managements, so die Verspätungen bei der Produktion des Großraumflugzeuges A380. Was jetzt komme, sei ungewiss.

Als möglicher Käufer wird ein Hersteller von Gefriertruhen genannt. Ganz Listige meinen gar, vielleicht werde der Konkurrent Boeing das Werk über Mittelsmänner kaufen und damit Airbus lahmlegen – niemand anderes könne die notwendigen Teile herstellen. Boeing sei vermutlich das Modell für Airbus, glaubt auch Funke – nur die Endmontage im Konzern halten und die Zulieferungen ausgliedern. Dabei verfehle man aber die Betriebskultur und Besonderheiten des Konzerns. Werde das „hochproduktive“ Varel aus dem Verbund entlassen, verliere es seine Zukunftshoffnung – alles andere sei „Gesabbel“, sagt Funke, der nach seinen Ministerjahren in Hannover und Berlin Vorsitzender des Gemeinderates ist.

Anteil junger Mitarbeiter ist hoch

Wie viele Entlassungen es in den letzten Wochen schon gab, ist nicht gewiss, einen Überblick gibt es noch nicht. Ein zu Jahresbeginn entlassener Zeitarbeiter spricht von zwei- oder dreihundert. Er hat wie viele erst vor kurzem, im Vertrauen auf Zusicherungen, ein Haus gebaut und eine Familie gegründet – die gesunde Luft in der idyllischen Kleinstadt, berichtet er, habe ihn und seine Frau hergezogen. Wenn das Konto nicht stimme, helfe aber auch die Luft nicht. Der Anteil junger Menschen in dem Werk ist ungewöhnlich hoch.

Ebenso wie die Mitarbeiter leiden auch mittelständische Zulieferer im Umland, die teils noch im Vorjahr nach Zusicherungen eine neue Halle bauten oder neue Maschinen erwarben. Der geplante Verkauf des Werkes ist der zweite große Rückschlag für den Ort innerhalb weniger Wochen. Zum Jahresbeginn schloss die Frieslandkaserne; mit dem Ende Varels als Bundeswehrstandort zogen 800 Soldaten ab und mit ihnen Kaufkraft. Von der Wäscherei bis zu den Bäckern spüren das viele in der Gemeinde. Früher zogen schon andere große Arbeitgeber ab wie die Olympiawerke und die Werft in Wilhelmshaven.

Hoffnung Jade-Weser-Port

Die mehrjährige Hängepartie, die die Menschen in Friesland erwarten, wird allenfalls abgemildert durch die Hoffnung, dass der Jade-Weser-Port, ein Tiefwasserhafen im nahen Wilhelmshaven, bis zu tausend neue Arbeitsplätze bringen kann. Noch für diesen Monat hofft die Landesregierung auf die Baugenehmigung für den Containerhafen. Airbus aber ist das gewerbliche Herz Frieslands.

Was Varel schade, sagt der Landrat Sven Ambrosy, schade dem Landkreis. Dieser zieht sich von der Nordseeinsel Wangerooge über die Jademarschen bis zur friesischen Wehde hin. Neben den Impulsen von Wilhelmshaven zehrt er vom Flugzeugbau und von einer Fabrik für Zellstoff und Verpackungsmaterial, das auch aus Stroh hergestellt wird – Strohgold im Volksmund. Zudem werden Ziegel geformt und Steine verarbeitet. Landwirtschaft und das Ernährungsgewerbe spielen trotz einer Keksfabrik eine weniger bedeutende Rolle als früher. Dazu kommt indes der Fremdenverkehr, etwa im Vareler Ortsteil Dangast – das Seebad zog auch Künstler an wie Franz Radziwill, der hier starb.

Radziwill, Funke und gleich mehrere Betriebsräte sind nicht die einzigen Bewohner des mit 25.000 Einwohnern kleinen Ortes am Jadebusen, die über die Landesgrenzen hinaus bekannt sind. Dazu zählen etwa Lothar Meyer, der das Periodensystem der Elemente entwickelte, und der Agrarökonom von Thünen. Auch Unternehmer kamen aus Varel oder gingen hier zur Schule, vom Chef des Boston Consulting bis zu Claas Daun, der als größter privater Arbeitgeber Niedersachsens europäischer Marktführer bei Industrietextilien ist. Sie wurden geprägt von einer Umgebung, die vom Staat und von Vorgegebenem wenig hält, viel aber von Eigenständigkeit und dabei seit jeher eine für eine dörfliche Umgebung liberale Grundtradition pflegt. Auch wenn Nordoldenburg protestantisch und sozialdemokratisch eingefärbt ist – wer für wen stimmt, ist weniger wichtig als eine loyale Haltung, in beide Richtungen. Das sehen die Vareler von Airbus – von den „Herren aus Toulouse“ – verkannt und verletzt.

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Von Heike Göbel

Der Gesetzentwurf zum Betreuungsgeld ist ein Ausweis unbelehrbaren Glaubens an die unbegrenzte Leistungsfähigkeit des Sozialstaates. Dass Eltern ihre Kinder, wie seit Menschengedenken, unbezahlt hüten, ist in Deutschland offenbar nicht mehr denkbar. Mehr 24 38

30.05.2012 14:58 Uhr
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