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60 Jahre Menschenrechte Warme Worte - kalte Überforderung

10.12.2008 ·  Vor 60 Jahren wurden die Menschenrechte verkündet. Heute versprechen auch Weltkonzerne ihren Schutz. Noch sind sie damit überfordert. Doch Konsumenten strafen fehlende Firmenmoral heutzutage schnell mit Kaufboykott.

Von Hendrik Ankenbrand
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Eigentlich gibt es Grund zu feiern im Genfer „Palais Wilson“. Am Sitz der UN-Hochkommissarin für Menschenrechte steht das Jubiläumsfest jener Charta an, die nun seit genau 60 Jahren die Würde des Einzelnen als unantastbar erklärt. Doch die Mitarbeiter sind nervös. Der wichtigen kommenden Anti-Rassismus-Konferenz im südafrikanischen Durban droht ein Fiasko. Aus Furcht, arabische Staaten könnten ein Tribunal über den Umgang mit den Palästinensern inszenieren, will Israel nicht teilnehmen und drängt weitere westliche Staaten zum Boykott.

Da gehen die 250 illustren Gratulanten fast unter, die in dieser Woche in einer ganzseitigen Zeitungsanzeige in der „Financial Times“ den Menschenrechten Respekt und Unterstützung geloben, soweit es ihre „Einflusssphäre“ erlaube. Das hehre Ziel liege in ihrem „Geschäftsinteresse“, verkünden unter anderen Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann und Wulf Bernotat, Vorstandsvorsitzender des Energieriesen Eon.

Nicht zu kontrollieren ist zum Risiko geworden

Der Wahrnehmungsunterschied zeigt: Noch immer sind es Staaten und nicht Unternehmen, von denen die ganz überwiegende Gefahr für die Rechte der Bürger ausgeht. Doch die Konzerne holen auf. Wenn in der globalisierten Welt Kreditinstitute indirekt die Schlachten von Bürgerkriegsmilizen im Sudan finanzieren, Kinder in den Fabriken von indonesischen Zulieferern schuften und transnationale Konzerne mit Staudammprojekten in Indien die Umwelt zerstören, dann ist die menschenrechtliche Verantwortung der Privatwirtschaft zum Greifen nah.

Video: 60 Jahre Menschenrechte

Deshalb haben die UN mit inzwischen mehr als 5000 Unternehmen aus aller Welt den „Globalen Pakt“ geschlossen, dessen Logo auf der Menschenrecht-Anzeige prangt. In der freiwilligen Verpflichtung versprechen die Firmen unter anderem, dass sie keine Kinderarbeit dulden und die Angestellten sich gewerkschaftlich organisieren dürfen. Für die Konzerne sind die Sozialstandards ein Verkaufsargument. In einer vernetzten Welt voller Fotohandys, in der die Bilder von T-Shirt-nähenden Kindern in Bangladesch innerhalb von Stunden im Internet auftauchen können, ist es ein Risiko, nicht zu kontrollieren, wen und wie der ferne Zulieferer da so alles beschäftigt. Im vergangenen April erlebten das die deutschen Lebensmitteldiscounter wie Aldi und Lidl, denen die Hilfsorganisation Oxfam in der Presse vorwarf, durch knallharte Preisdiktate die Hungerlöhne und Arbeitsbedingungen im Pestizidregen der Bananenpflücker auf den Plantagen Ecuadors zu verantworten.

Fehlende Firmenmoral wird schnell mit Kaufboykott bestraft

Doch obwohl westliche Konsumenten heutzutage fehlende Firmenmoral schnell mit Kaufboykott strafen, ist die Lage der Menschenrechtsverletzungen in der Wirtschaft ernüchternd. Als die UN im vergangenen Jahr 400 „Global Compact“-Firmen fragten, ob sie Regeln gegen Zwangs- oder Kinderarbeit hätten, antwortete nur die Hälfte mit Ja. Dürftige 38 Prozent überwachen nach der Umfrage die Arbeitsbedingungen ihrer Zulieferer. Und ihre Spenden an Politiker veröffentlichen gerade mal 7 Prozent. „Da gibt es noch große Implementierungslücken“, sagt „Global Compact“-Sprecher Matthias Stausberg. „Die Unternehmen sind in weiten Teilen mit der Kontrolle überfordert.“ „Oder sie wollen einfach nicht“, sagt Heffa Schücking. Wenn bei Unternehmen wegen fragwürdiger Geschäftspolitik das sorgfältig gezeichnete Image brennt, hat Schücking nicht selten die Lunte gelegt.

Besonders für europäische Banker ist die Gründerin von „Urgewald“ der personifizierte Albtraum. Die Protest-Organisation recherchiert, an wen und für was die Geldinstitute in der Welt Kredite vergeben. Wenn für den Bau eines gigantischen indischen Staudamms 60.000 Menschen heimatlos werden sollen und der Bauherr damit prahlt, eine große deutsche Bank wolle ihn finanzieren, droht Schücking dem Geldgeber mit einer Medienkampagne und wettert auf der Hauptversammlung gegen den Vorstand. „Wenn die Kredite bereits zugesagt wurden, wird es schwierig“, sagt Schücking. Im kommenden Januar werden die Banker wieder zu ihr kommen, diesmal soll in der halbjährlichen Runde über Kredite an Waffenproduzenten gestritten werden: Kein Geld für Hersteller von Streubomben lautet eine Forderung.

Blauwaschen - oder blaues Auge

Die italienische Unicredit etwa sei da auf einem guten Weg, lobt Schücking. „Deutsche Banken verstehen nur Druck.“ Von freiwilligen Initiativen ohne Sanktionsinstanz wie dem „Globalen Pakt“ halten Nichtregierungsorganisationen meist nichts. „Bluewashing“, Blauwaschen, lautet der Vorwurf, der auf die Farben der Vereinten Nationen anspielt. Die würden den Unternehmen ohne Gegenleistung Gelegenheit geben, mit warmen Worten von ihren Sünden abzulenken. Selbst in den UN ist die Frage umstritten, was wohl schwerer wiege: Ein möglicher Markenverlust oder der Gewinn, wenn zumindest einige „Pakt“-Unternehmen den Zulieferern tatsächlich schärfer auf die Finger schauen. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty hofft auf Letzteres: Sie ist Mitglied im „Pakt“.

Sprecher Stausberg setzt auf Kontrolle durch Medien und Bürger: „Die Konzerne können es sich immer weniger leisten, gegen die zugesagten Prinzipien zu verstoßen.“ Siehe Ericsson: Der schwedische Mobilfunktechniker, Pakt-Unterzeichner der ersten Stunde, ließ in Bangladesch Mobilfunkmasten fertigen – auch von Kindern, wie ein dänischer Fernsehsender aufdeckte. In der anschließenden Debatte prügelte die Öffentlichkeit mit den Werten aus der UN-Menschenrechtsvereinbarung auf das Unternehmen ein: blaues Auge statt Blauwaschen.

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Jahrgang 1978, Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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