06.02.2008 · Früher war Josef Ackermann der Buhmann der Deutschen: Er erzielte Milliardengewinne und feuerte gleichzeitig Tausende Beschäftigte. Jetzt gibt er den Patrioten. Und lässt sich zum 60. Geburtstag als Meister in der Finanzkrise feiern.
Von Christian SiedenbiedelDamit war nicht mehr zu rechnen. Josef Ackermann ist ein Star geworden. Der Mann, den Deutschland mit Verachtung strafte, als er Milliarden-Gewinne erzielte und gleichzeitig Tausende Beschäftigte feuerte. Sein Victory-Zeichen hat sich in das kollektive Gedächtnis eingegraben als Symbol der Arroganz. Er wurde vom Boulevard verdächtigt, nach der Mannesmann-Übernahme den Verlierern Millionen zugeschanzt zu haben. Dieser Ackermann leuchtet plötzlich.
Er steht, wie es sich für einen Star gehört, oben in den „Charts“. Das Manager-Magazin befragte Anleger, was sie von den Chefs der großen deutschen Unternehmen halten. Ackermann rangierte vor drei, vier Jahren im Nirgendwo. Seit die Bankenkrise begann, ist der Schweizer rasant geklettert. Inzwischen steht er auf Platz vier - nur noch die Chefs von Porsche, BMW und Adidas sind vor ihm.
Eine Stelle für Ackermann?
Mehr als Umfragen aber sagt ein Angebot der Konkurrenz. Wenn irgendwo in Amerika zurzeit eine Spitzenbanker-Stelle frei wird, heißt es am nächsten Tag: eine Stelle für Ackermann? Ob in der Citibank, die eh schon mal mit der Deutschen Bank fusionieren wollte. Bei Merrill Lynch, der großen Investmentbank in New York. Oder beim Vermögensverwaltungs-Riesen UBS in Ackermanns Heimat Schweiz: Überall, wo die Bankenkrise einen Chef vom Stuhl fegte, folgte umgehend die Spekulation: Wenn's keiner intern wird, dann Ackermann.
Selbst wenn ein Teil der Gerüchte von den PR-Strategen der Deutschen Bank selbst gestreut worden sein sollte: Dass seine Berufung für möglich gehalten wird, zeigt, was man Ackermann zutraut. Bei keinem anderen deutschen Banker wäre so was denkbar.
Die Analysten halten sich bedeckt
An diesem Donnerstag feiert der Star seinen Geburtstag. Am Donnerstag wird Ackermann 60 Jahre alt - und stellt am selben Tag in Frankfurt die Bilanz seiner Bank für 2007 vor. Vielleicht vergeht ihm das Strahlen. So wie seinerzeit Heinrich von Pierer. Der hatte im vorigen Jahr die Hauptversammlung der Siemens AG auf seinen 66. Geburtstag gelegt - die endete in einer einzigen Beschimpfungsorgie, wegen der Korruptionsaffäre.
Auch Ackermanns Geburtstag könnten Sorgen trüben. Gerüchte, die Deutsche Bank müsse wegen der Finanzkrise mehr abschreiben als bislang erwartet, ließen vorige Woche die Börsen erzittern. Der Kurs der Deutschen Bank gab nach. Kommt Donnerstag der große Knall? Die Analysten halten sich bedeckt. Immerhin hat die Bank im ersten Halbjahr 2007 gut verdient. Vor Steuern könnte sie auf knapp 8,7 Milliarden Euro kommen, meint Analyst Andreas Pläsier vom Bankhaus M. M. Warburg. Das wäre ein Rekord. Nicht ausgeschlossen, dass die Deutsche Bank als einer der Sieger aus der Bankenkrise hervorgeht. „367 Jahre muss ein Facharbeiter arbeiten, um so viel zu verdienen wie Ackermann in einem Jahr“, rechnete ein Gewerkschaftsfunktionär 2005 aus. Er stand immer ganz oben in den Gehaltsrankings, wenn auch hinter den Spitzenverdienern seines eigenen Unternehmens.
Unter der Dusche singt er „La Traviata“
Wie hatten die Deutschen erst den Kopf geschüttelt, als der Chef der Deutschen Bank vor Gericht stand. Angeklagt wegen schwerer Untreue: Ackermann und andere Manager sollten beim Verkauf von Mannesmann an Vodafone zu hohe Abfindungen für die scheidenden Mannesmann-Vorstände bewilligt haben - zu Lasten der Aktionäre. Zwischenzeitlich stand es schlecht für Ackermann: Anshu Jain, der mächtigste Investmentbanker der Deutschen Bank, scharrte schon mit den Hufen.
Aber da hatten sie den Schweizer unterschätzt. Der erste Eindruck vom smarten Intellektuellen täuscht: Ackermann ist ein Machtmensch. Es stimmt, unter der Dusche singt er „La Traviata“. Das wissen wir seit einem Interview im „Zeit-Magazin Leben“. Dort hat er auch verraten: „Ich bin kein Freund von Luxus.“ Dreißig Meter lange Yachten? Ein Flugzeug? Das sei seine Sache nicht.
Nicht zimperlich
Aber tough - tough war Ackermann schon immer. Schon in der Schweiz hatte er den Ruf, nicht zimperlich zu sein. Ein Mitstudent von der Elite-Universität St. Gallen erzählt: Ackermann ließ nie abschreiben. „Das lag an seinem zwinglianisch-calvinistischen Leistungsethos.“ Außerdem habe er wenig Humor gehabt. Und Nichtschweizer nur als „notwendiges Übel“ ertragen.
1996 kam Ackermann nach Frankfurt. Vorvorgänger Hilmar Kopper trug ihm am Flughafen die Koffer, schreibt Biograph Erik Nolmans. Seitdem kämpft Ackermann um die Macht in der Deutschen Bank. Auf der einen Seite gegen Traditionalisten wie Aufsichtsrat Ulrich Cartellieri. Die wollten, dass die Deutsche Bank ihren Schwerpunkt in Deutschland behält. Auf der anderen Seite gegen die Investmentbanker in London. Die wollten die Bank zum angelsächsischen Institut machen.
Seine Berater empfahlen eine Charmeoffensive
Ackermann setzte sich gegen beide Seiten durch. Ein äußeres Zeichen war ein neuer Titel: Seit 2006 darf er sich als erster Chef der Deutschen Bank „Vorstandsvorsitzender“ nennen. Selbst sein legendärer Vorgänger Hermann Josef Abs war nur „Vorstandssprecher“.
In der Öffentlichkeit blieb sein Image schlecht. „Überall schätzt man uns, sogar in New York. Nur in Deutschland nicht“, maulte er. Das Rezept, das seine Berater empfahlen: eine Charmeoffensive. Besucher von Bankenkongressen wunderten sich auf einmal, dass sie vom Chef der Deutschen Bank mit Handschlag begrüßt wurden. Und den Bankenball, den er früher gemieden hatte, eröffnete er mit einem Walzer und launigen Worten: „Wenn das hier die internationale Finanzkarawane ist - dann bin ich wohl das Kamel.“
„In Deutschland angekommen“
Erfolg hatte die PR-Kampagne. Die Öffentlichkeit bescheinigte Ackermann, „in Deutschland angekommen“ zu sein. Traute man den Schlagzeilen, wurde der Schweizer von Tag zu Tag deutscher. Er wurde nicht müde zu wiederholen: „Ich wohne in Deutschland und zahle in Deutschland Steuern.“
Zum Star aber wurde Ackermann den Umfragen zufolge erst in der Krise. Warum? Gute Zahlen hatte er schon früher vorgelegt. Als er die Führung der Bank im Mai 2002 übernahm, hatte die Internationalisierung längst begonnen. Vorgänger Rolf Breuer hatte 1999 Bankers Trust gekauft, die siebtgrößte amerikanische Investmentbank. Sehr rentabel aber war diese Deutsche Bank nicht. Ackermann änderte das. In guten Zeiten gab es dafür wenig Lob. In der Krise aber wurde dieser Kurs zur Rettung.
Kritiker sagten, Ackermann habe den Brand gelegt
Aus Ackermann, dem Stellenkürzer, wurde Ackermann, der Mann, der Krisen kennt und meistert. Der Deutsche-Bank-Chef war es, der im Sommer vorigen Jahres die Finanzaufsicht Bafin anrief: Der Mittelstandsbank IKB in Düsseldorf drohe eine Schieflage. Unumstritten war diese Rolle der Deutschen Bank nicht. Schließlich hatte sie der Mittelstandsbank einen Teil der Investmentprodukte verkauft, die zur Krise führten. Kritiker sagten, Ackermann habe den Brand gelegt - und dann die Feuerwehr gerufen.
Der Deutsche-Bank-Chef aber reüssierte so zum Subprime-Krisen-Experten. Zumal es im eigenen Laden lief. „Die Strategie, die Ackermann fuhr, ging auf“, sagt ein hochrangiger Investmentbanker von der Konkurrenz. Sehr frühzeitig ging die Deutsche Bank auf „short“, wie die Börsianer sagen: Sie schloss gleichsam Wetten auf eine heraufziehende Krise ab. Sie sicherte sich Verkaufsrechte für Wertpapiere, die von der Hypothekenkrise in Amerika betroffen sein könnten. Und verkaufte diese später teurer weiter. An Banken, in denen es besonders brannte.
Ackermann schien alles im Griff zu haben
So konnte die Deutsche Bank, ähnlich wie die amerikanische Investmentbank Goldman Sachs, zumindest einen Teil der eigenen Verluste ausgleichen. Und stand, zumindest bis jetzt, die Krise vergleichsweise glimpflich durch.
Auf einmal war Ackermann einer, der das kann: mit Krisen umgehen. Auf einmal wurde klar, wie wichtig das ist: die komplizierten Produkte, die es bei Banken heute gibt, richtig zu verstehen. Tag für Tag tauchten neue schwarze Löcher bei den amerikanischen Banken auf. Ackermann hingegen schien alles im Griff zu haben. Wohl auch deshalb galt er plötzlich als möglicher Chef für vielfach größere Häuser in Amerika. „Das Personal, dem man die Führung einer großen internationalen Bank zutraut, ist überschaubar geworden“, sagte ein hochrangiger Banker. Ackermann aber winkte jedes Mal ab - er habe einen Vertrag bis 2010. Den wolle er erfüllen. Aus der Bank hörte man, die Mitarbeiter glaubten ihm: „Vielleicht nennt er ein halbes Jahr vorher seinen Nachfolger. Das wird aber alles sein.“
Glückwünsche von der Kanzlerin
Die nächste Woche wird für Ackermann entscheidend. Ob er noch leuchtender aus der Krise hervorgeht oder doch ein paar zusätzliche Blessuren davonträgt, zeigt sich am Donnerstag. Auf jeden Fall hat Ackermann sein „Group Executive Committee“ einberufen. Das ist das mächtigste Gremium der Bank. Zu dem gehören auch die wichtigsten Investmentbanker aus London und New York. Schon vor der Jahrespressekonferenz will er sich mit ihnen treffen. Und auf Geburtstag und Zahlen anstoßen.
Später dürfte dann auch noch die Bundeskanzlerin anrufen. Längst heißt es in Berlin, Ackermann habe Commerzbank-Chef Klaus-Peter Müller als wichtigsten Berater von Angela Merkel in Bankfragen abgelöst. Obwohl der langjähriges CDU-Mitglied und Präsident des Bankenverbands ist. „Zum Geburtstag hat Frau Merkel Herrn Ackermann einen Brief geschrieben“, heißt es im Kanzleramt, „und sie wird sich auch noch mal persönlich bei ihm melden.“ Schließlich ist Ackermann jetzt ein Star.
Chrüsimüsi im Banksektor
Fionn Huber (fionn)
- 06.02.2008, 13:46 Uhr
Unwillkommene Gratulanten
Karsten Cascais (karstencascais)
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Hermann Trouvain (liwiz)
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Früher nannte man solche Persönlichkeiten ministrabel
Detlef Symietz (Symietz)
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Christian Siedenbiedel Jahrgang 1969, Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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