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150 Jahre Der einzigartige Aufstieg der Farbenfabriken Bayer

 ·  An diesem Dienstag gratuliert auch die Kanzlerin: Der Bayer-Konzern wird 150. Den Erfolg verdankt er dem Erfindergeist seiner Chemiker. Zu Banken und Aktionären hielt der legendäre Chef Carl Duisberg immer Distanz.

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© dpa Vergrößern Das Bayer-Kreuz leuchtet über dem Werk in Leverkusen. Vor mehr als hundert Jahren zog die Firma dorthin um.

Der 6. Weltkongress für angewandte Chemie tagte 1912 in New York. In einer Zeit, in der sich Nationen über ihre industriellen Leistungen miteinander verglichen, besaßen derartige Kongresse Gewicht. Die deutsche Delegation war daher handverlesen. Als Hauptredner bestimmte man den Vorsitzenden des Vereins Deutscher Chemiker, Carl Duisberg, zugleich Generaldirektor der Farbenfabriken vorm. Fried. Bayer & Co., der heutigen Bayer AG.

Ehrgeizig, wie er war, bereitete Duisberg einen reichillustrierten Vortrag vor. Als bekanntwurde, dass er englisch reden wollte, brach ein Sturm der Entrüstung los. Das sei mit der Würde der deutschen Wissenschaft nicht vereinbar, da alle wichtigen Landesvertreter in ihren Muttersprachen vortrügen. Duisberg hatte aber keine Lust zu reden, ohne dass ihn jemand verstand. Er beugte sich erst einer Mehrheitsabstimmung im Vorbereitungskomitee. Über die New Yorker Vertretung der Farbenfabriken sorgte er aber dafür, dass rechtzeitig eine englische Übersetzung des Vortrages vorlag.

Die kleine Geschichte aus dem Jahre 1912 ist bezeichnend. Die chemische Industrie hatte die nationalen Symbole, die damals hochgehalten wurden, praktisch schon hinter sich gelassen. Nicht dass die deutschen Chemie-Industriellen keine national denkenden Männer gewesen wären. Aber das Geschäft und die Wissenschaft waren längst international, der Weltmarkt war wichtiger als der begrenzte Heimatmarkt. Die deutsche Farbstoffindustrie bestritt vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs rund 80 Prozent der weltweiten Farbstoffexporte.

Es blieb nicht beim Export. Die Farbenfabriken vorm. Friedrich Bayer & Co. produzierten vor 1914 nicht nur an ihren Standorten in Elberfeld und Leverkusen, sondern auch in Moskau, Manchester und dem nordfranzösischen Flers, in Belgien und Amerika. In Russland war die Bayer-Niederlassung der größte Farbenhersteller.

Diese Internationalisierung war zum Teil erzwungen, da die jeweiligen Patentgesetze und die Zollschutzregeln keine Alternative ließen. Aber sie war auch Ausdruck unternehmerischer Klugheit. Denn die deutschen Farbenhersteller beherrschten den Weltmarkt nicht nur, sie waren auch von ihm abhängig. Die Exportquote betrug bei der Bayer AG kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges 80 Prozent des Umsatzes. Hauptabsatzmärkte waren die Vereinigten Staaten und Großbritannien. Aber auch Frankreich, Russland, Italien und die Donaumonarchie nahmen große Mengen deutscher Produkte auf.

Der Erste Weltkrieg zerstörte diese weltweite Verflechtung. Er beendete abrupt eine fast 50-jährige Erfolgsgeschichte. Die großen Farbenhersteller überlebten zwar den Krieg, auch profitierten sie von ihrer kriegswirtschaftlichen Bedeutung. Doch war ein Anknüpfen an die Vorkriegszeit nach 1918 nicht mehr möglich.

Trotz dieser Zäsur legte die Entwicklung vor dem Krieg die Basis für erfolgreiche Unternehmen, die auch die Erschütterungen des 20. Jahrhunderts überstanden. Einige der prägenden Firmen begehen in diesen Tagen ihren 150. Geburtstag. Ein Grund mehr, einen Blick auf deren geradezu rauschhaften Aufstieg zu werfen - und auf die Gründe, die diesen einmaligen Aufstiegsprozess ermöglichten.

Alizarin war der erste Blockbuster der neuen Industrie

Vor den 1860er Jahren hatte es eine chemische Industrie im eigentlichen Sinn in Deutschland kaum gegeben. Im Nachhinein zeigte sich allerdings, dass die günstigen Voraussetzungen für den späteren Aufschwung in diesen Jahren gelegt wurden. Nicht zuletzt wegen der wiederholten Hungersnöte und Teuerungswellen waren die einzelnen deutschen Staaten bereits in den 1840er Jahren darum bemüht, die Produktivität der Landwirtschaft zu steigern. Die Begründung der Chemie als akademischer Disziplin durch Justus von Liebig verdankte sich nicht zuletzt diesen Impulsen.

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Der Autor lehrt Wirtschaftsgeschichte an der Universität Frankfurt am Main.

Quelle: F.A.S.
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16.07.2013, 06:16 Uhr

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