Einen Interviewtermin mit Susanne Rinecker zu bekommen, ist dieser Tage nicht leicht. "Ich komme gerade von einem Drehtermin", ruft sie nach mehreren Kontaktversuchen atemlos in den Hörer. Das ZDF war da. Auch in Print- und Online-Medien ist sie sehr präsent. Dabei hat die 27 Jahre alte Kunsthistorikerin keine wissenschaftliche, sportliche oder künstlerische Höchstleistung erbracht. Die Medienaufmerksamkeit hat sie, weil sie erfolglos ist - und sich nicht schämt, darüber zu sprechen.
Nach einem zügig und überdurchschnittlich absolvierten Studium, das sie mit Auslandsaufenthalten und mehreren Praktika ergänzte, fand Rinecker keine feste Stelle. Um den Anschluß an den Arbeitsmarkt nicht zu verlieren, nahm sie mehrere Praktikumsangebote in Folge an, die Hoffnung auf einen Arbeitsvertrag stets vor Augen. Das Erhoffte trat nicht ein. Statt dessen durfte Rinecker in den letzten Praktikumstagen ihre jeweiligen Nachfolger einarbeiten, deren Tage im Unternehmen auch gezählt waren, wie sich herausstellen sollte. Für dieses Schicksal hätte sich die Welt wohl nicht interessiert, würde Riecker sich nicht als Verkörperung einer Generation der Entrechteten, der "Generation Praktikum" verstehen.
"Praktikant ist, wer sich vorübergehend zwecks Erwerb praktischer Kenntnisse einer betrieblichen Ausbildung unterzieht, die keine systematische Berufsausbildung darstellt", lautet, etwas verkürzt, die Definition der Arbeitsgerichte. Die Realität sieht anders aus, sagt Rinecker: "Unternehmen sparen feste Jobs ein, indem sie ganze Aufgabenbereiche an Praktikanten auslagern." Die Arbeitgeber nutzten die schwierige Arbeitsmarktlage, um hochqualifizierte Akademiker zu Dumping-Löhnen zu verschleißen. Daß nicht nur Kollegen aus der geisteswissenschaftlichen Szene betroffen waren, erfuhr Rinecker Ende 2004 aus Zeitungsberichten: Eine BWL-Absolventin hatte ihren einstigen Praktikumschef erfolgreich auf ein Gehalt verklagt. Rinecker spürte sie auf, und sie gründeten eine Interessengemeinschaft für unfreiwillige Dauerpraktikanten, "fairwork" genannt. Die war schnell in den Medien präsent und gewann in Kürze über 100 Mitstreiter. "Die Leute solidarisieren sich einfach aus Verzweiflung", sagt Rinecker.
Aber wie verzweifelt ist die Arbeitssituation für Deutschlands Jung-Akademiker? Existiert die Generation Praktikum tatsächlich? Umfassende statistische Erhebungen, in welchen Branchen wie viele Praktikanten mit Universitätsabschluß auftauchen, gibt es nicht. Für welche Vergütung sie wie lange arbeiten und wie anspruchsvoll ihre Tätigkeit ist, wurde ebenfalls nicht untersucht, und schon gar nicht, ob Praktikanten in großem Maße Vollzeitstellen ersetzen. Vor ein paar Tagen hat die Jugendorganisation des DGB in Berlin ein Forschungsprojekt in diese Richtung angekündigt. Wie offen sich die Arbeitgeber dann äußern, bleibt abzuwarten. Bis dahin bewegen sich Praktikanten in einer Grauzone des Arbeitsmarktes, in der weniger die Zahlen als die Berichterstattung, das berufliche Umfeld und der Grad der eigenen Betroffenheit die Wahrnehmung prägen.
"Eine völlig überzogene Debatte wird da geführt", ist Karl-Heinz Minks vom Hochschul-Informations-System überzeugt. Sein Institut ermittelt jedes Jahr anhand von Fragebögen, wie sich eine repräsentative Gruppe von Absolventen aller Fachrichtungen im Berufsleben einrichtet. Wer keinen befristeten oder dauerhaften Arbeitsvertrag abgeschlossen hat, sondern etwa ein Praktikum, muß die Kategorie "Sonstiges" ankreuzen. "Drei Prozent der Befragten kreuzten im Jahr 2004 dieses Feld an, von einem flächendeckenden Mißbrauch kann man also kaum sprechen", sagt Minks. Schon immer hätten Akademiker aus Fachrichtungen wie Germanistik oder Geschichte bis zu zwei Jahre für den Berufseinstieg benötigt. Noch immer richteten aber zu viele ihre Ausbildung unzureichend auf den Arbeitsmarkt aus; ein qualitativ hochwertiges Praktikum sei für ein Drittel dieser Absolventen noch immer die Eintrittskarte in den Beruf. "Man muß Mißbrauch anprangern, aber man darf nicht einseitig Panik unter den Leuten schüren", sagt Minks.
Auch Harro Honolka, Geschäftsführer des Instituts "Student und Arbeitsmarkt" an der Ludwig-Maximilians-Universität München, hält die Wahrnehmung einer Praktikantenflut für "ein gemachtes Phänomen". In zwei Konstellationen habe die Zahl der Hospitanten zugenommen: in krisengeschüttelten Branchen wie bei Architekten, wo ohne Praktika überhaupt kein Einstieg denkbar sei, und bei Traumberufen wie Unternehmensberater oder Journalist, für die junge Akademiker eine beachtliche Leidensfähigkeit unter Beweis stellten. "Das merken die Unternehmen natürlich und nutzen es aus", sagt Honolka. Das Ergebnis seien "sozial unanständige" Endlosschleifen von Praktikanten, mit denen die Unternehmen faktisch eine dauerhafte Position einsparten. "Das funktioniert, weil die jungen Leute aus Sorge um ihre Zukunft leider mitspielen", sagt Honolka. "Mehr Selbstwertgefühl" wünsche er sich von Bewerbern und die Flexibilität, anstelle eines Praktikums im Wunschberuf vorläufig die Angebote von Zeitarbeitsfirmen zu nutzen.
Daß die Diskussion um Akademiker-Praktika trotzdem angebracht ist, zeigt eine Erhebung der Bundesagentur für Arbeit (BA). Danach entschieden sich im Juni 1999 etwa 3600 der dort betreuten Universitätsabsolventen für ein Praktikum. Im September 2004 waren es 8600, was einer Steigerung um 141 Prozent entspricht (siehe Grafik). Die Zahl der Praktikanten mit Universitätsabschluß stieg damit doppelt so stark wie die der Nichtakademiker. Noch dazu berücksichtigt die Aufstellung nur sozialversicherungspflichtige Praktika; solche unterhalb dieser Schwelle oder gar ohne Bezahlung wurden nicht berücksichtigt.
BA-Arbeitsmarktexperte Bernhard Hohn sieht in diesen Zahlen einen deutlichen Indikator für eine branchenübergreifende Generation Praktikum: "Die Hochschulteams melden seit 2002, daß ein nahtloser Wechsel von der Universität in den Beruf immer schwieriger wird", sagt er. Besonders in projektlastigen Berufen wie der PR-Branche, aber auch bei Juristen beobachte er die Tendenz, an Stelle von Werk- oder Dienstverträgen Praktikantenverträge abzuschließen. Auch seien die Anforderungen der Arbeitgeber an die Bewerber immer konkreter: "Die eigenverantwortliche Betreuung von Projekten reicht nicht mehr, es muß auch in einer vergleichbaren Branche stattgefunden haben", sagt Hohn. Anderenfalls werde eben ein weiteres Praktikum als "Einarbeitungsphase" verlangt. Sind Hospitanzen während des Studiums also unverzichtbar, dürfen es wiederum nicht zu viele sein, warnen die Berufsberater. Angesichts eines Sammelsuriums an Praxiserfahrung im Lebenslauf könnten Arbeitgeber daran zweifeln, daß ihr Kandidat für eine Festanstellung in Frage kommt. Denn augenscheinlich konnte er keinen bisherigen Vorgesetzten von sich überzeugen.
"Mir hätte es schon gereicht, meine Rechte als Praktikantin zu kennen", sagt Rinecker. Daß ihr Urlaub zustand oder eine Bezahlung für Überstunden, habe sie nicht gewußt. Ihre Initiative "fairwork" setzt daher auf den Staat, um die Arbeitsumstände der graduierten Praktikanten zu verbessern: "Mindestlöhne für Praktikanten" lautet ihre Hauptforderung, und zwar mindestens in Höhe des Arbeitslosengelds II. "Weder der Staat noch die Eltern sollten dafür aufkommen müssen, daß ein Akademiker Vollzeit für ein Unternehmen arbeitet", sagt Rinecker. Harro Honolka hält nichts von diesem Vorstoß. "Ein Praktikum ist nicht zum Verdienen da, sondern zur Ausbildung", lautet seine These. In Krisen-Branchen sei dem Nachwuchs unter diesen Umständen endgültig der Eintritt versperrt. Bernhard Hohn fürchtet, daß die Freude der Betroffenen über Mindestlöhne nicht lange anhalten dürfte: "Ein gesetzlicher Zwang könnte die Zahl legaler Plätze verringern und zu einer Praktikanten-Schwarzarbeit führen."
Auf öffentlichen Druck setzt die Initiative "Fair Company" des Magazins "Karriere", das seit Herbst vergangenen Jahres ein Praktikums-Gütesiegel an Unternehmen verleiht. Dafür müssen diese nicht nur eine Mindestvergütung in Höhe der Bafög-Sätze versprechen. Sie dürfen nur studentische Praktikanten beschäftigen, diese nicht mit dem falschen Versprechen einer Festanstellung locken und mit ihnen auch keine Festanstellung substituieren. Daß die Personalpolitik der Unternehmen für Außenstehende schwer erkennbar ist, halten die "Fair-Company"-Erfinder nicht für problematisch: "Unsere Kontrolle sind die Leser", sagt Projektleiterin Dorothee Fricke. Die können sich melden, falls ihnen ein "faires" Unternehmen einen "unfairen" Vertrag vorlegen sollte. Eine Verwarnung hat Fricke bereits ausgesprochen und einen süddeutschen Sportartikelhersteller von der Liste gestrichen. "Dessen Personalchefin hat in Interviews gesagt, sie fände Absolventen-Praktika zu einer Vergütung von 700 Euro in Ordnung", sagt sie empört. Bisher hat Fricke 177 Gütesiegel verteilt, auch an Vertreter der "Problembranchen", wie den WDR.
Susanne Rinecker ist dem Praktikantendasein inzwischen entwachsen und betreibt "fairwork" nur noch nebenberuflich. In ihrer Traumbranche, dem Kulturmanagement, ist sie aber nicht gelandet, sie arbeitet übergangsweise in der Kundenbetreuung einer großen IT-Beratungsfirma. "Egal was danach kommt, es wird kein Praktikum mehr sein", verspricht sie sich selbst.
