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Unterhaltungselektronik Forschung und Fertigung: Das ist der Sony-Weg

02.11.2003 ·  Der japanische Konzern steht vor dem größten Umbau seiner Geschichte. Der vorläufige Chef Yuhara hat neben Forschung und Entwicklung besonders die Produktivität im Blick.

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Sony peilt die größte Restrukturierung seiner fast sechzigjährigen Geschichte an, und Takao Yuhara steht im Zentrum des milliardenschweren Konzernumbaus. Seit der weltweit zweitgrößte Hersteller von Unterhaltungselektronik für das vierte Quartal des vergangenen Geschäftsjahres einen überraschend hohen Verlust ausgewiesen hatte, der Aktienkurs binnen weniger Stunden um 25 Prozent gefallen war und Yuhara den Posten des Chief Financial Officer (CFO) der gesamten Gruppe übernahm, hat er die pekuniäre Kontrolle von Japans wohl eigenwilligstem Unternehmen fest an sich gezogen. "Es ist alles eine Frage der Führung", meint er im Gespräch mit dieser Zeitung. Daher habe der Umbau auch in den obersten Führungsetagen begonnen.

So wurde Anfang des Jahres die Leitung der amerikanischen Musiksparte neu besetzt. Derzeit werden die Abteilungen Elektronik und Videospiele enger miteinander verbunden. Die Finanzdienstleistung wird auf einen Börsengang vorbereitet. Darüber hinaus sei das unternehmensinterne Kontroll- und Frühwarnsystem deutlich geschärft worden. So arbeite nun jeder wichtige Bereich im Unternehmen mit einem eigenen Finanzmanagement. Gegenüber der Zentrale sei es im Notfall auch wöchentlich rechenschaftspflichtig. Damit könne bei Fehlentwicklungen schneller als bisher gegengesteuert werden. Yuhara steht so auf einer der entscheidenden Kommandohöhen von Sony.

Geschäftsmodell wird gestrafft

Von hier aus richtet er die Verteilung der Finanzen im Konzern konsequent nach Gewinnkriterien aus. Er nennt das "Bilanz-Management". Dabei sei zwar eine Straffung des Geschäftsmodells von Sony erforderlich, grundlegend geändert aber werde es nicht. Einerseits werde Sony weiterhin viel für seine Forschung und Entwicklung ausgeben. Andererseits halte es an seiner Basis der Massenfertigung fest. "Wir machen beides", erklärt er, "Forschung und Fertigung: Das ist der Sony-Weg." Neben den fast schon traditionellen Innovationsvorsprung des Unternehmens sollen nun auch Produktivitätsvorteile treten.

Während das kostengünstige asiatische Festland die Produktionsseite des Unternehmens dominiere, nähmen die reichen Absatzmärkte Japans, Europas und Amerikas auf der Verkaufsseite einen wichtigen Platz ein. Darüber hinaus sei das Management in Amerika für den Erfolg der Unterhaltungssparte verantwortlich; Europa für die Mobilfunktechnologie, Japan für Forschung, Entwicklung und Fertigung neuer Konsumprodukte. Während die regionalen Sparten in ihren operativen Entscheidungen mehr Freiheiten als bisher erhielten, sehe sich die Tokioter Zentrale in der Rolle einer strategisch arbeitenden Holding. "Bei der Verteilung der Ressourcen haben wir klare Vorgaben", erklärt Yuhara weiter.

Massenfertigung nach Vorbild der Autoindustrie

Dazu zählten die bis 2006 konzernweit angestrebte Gewinnmarge von 10 Prozent, ein kräftiger Mittelzufluß und die engere Verzahnung der unterschiedlichen Geschäftssparten. In Zeiten der elektronischen Netzwerke könnten über Integrationen einzelner Bereiche wie der Elektronik und der Videospiele Verbundvorteile gehoben werden. Beide Sparten zusammen machten im vergangenen Geschäftsjahr 75 Prozent des Konzernumsatzes aus, knapp 20 Prozent entfielen auf das Musik- und Filmgeschäft, der Rest auf Finanzdienstleistungen. So erlöste Sony 2002 umgerechnet fast 60 Milliarden Euro. Die operative Marge der Elektroniksparte lag bei weniger als ein, die der Spielesparte bei mehr als zehn Prozent.

In absehbarer Zeit werden Digitalisierung und Breitbandtechnologie völlig neue Kundenwünsche hervorbringen. Für Sony, das an einer vom TV-Gerät bis zum Spielfilm reichenden Wertschöpfungskette knüpft, eröffne das gewinnversprechende Aussichten. Sie zu erschließen verlange aber einige Veränderungen. Innovationen müßten schneller in die Produktion gelangen. Daher werde das Unternehmen derzeit von der Spitze weg gestrafft, sagt Yuhara. So sei für die kommenden drei Jahre die Senkung der Fixkosten um 2,6 Milliarden Euro angepeilt. Die Zahl der Zulieferer wird von 4700 auf 1000 verringert. Die Massenfertigung erhält nach dem Vorbild der Autoindustrie eine Plattformstrategie. Allein das hat seinen Preis.

Halbleitersparte zentral

Die Kosten für die Restrukturierung werden auf 335 Milliarden Yen (2,6 Milliarden Euro) beziffert. Drei Viertel der Summe sind nach den Worten des CFO für den Abbau von 20 000 der weltweit knapp 155 000 Stellen bestimmt. Unbenommen dessen ziele Sony weiterhin auf gewinnbringendes Wachstum. Das allerdings setze Investitionen voraus. So sollen gemeinsam mit der koreanischen Samsung-Gruppe 2 Milliarden Dollar in die nächste Generation von TV-Flachbildschirmgeräten investiert werden. Darüber hinaus plant Sony, über die kommenden drei Jahre 4 Milliarden Euro in die Weiterentwicklung elektronischer Schlüsselprodukte und weitere 4 Milliarden Euro in die Halbleitersparte zu investieren. Nach den Worten von Yuhara kommt dieser Abteilung eine "zentrale Rolle im Unternehmen" zu. Während Sony seine Finanzdienstleistungen auf den Börsengang vorbereite, habe für die Halbleitersparte ähnliches nie zur Debatte gestanden. Gebe es doch fast kein Produkt mehr, das nicht über Chips gesteuert werde. So wie das Unternehmen nach dem Zweiten Weltkrieg rund um die Erfindungsgabe von Ingenieuren aufgebaut wurde, so sind Halbleiterbausteine das technische Herzstück nahezu aller seiner Geräte - vom Walkman bis zur Videospielkonsole, vom TV-Gerät bis zur Fotokamera. Für die Finanzierung der milliardenschweren Neuausrichtung werden nach den Worten von Yuhara derzeit "alle Möglichkeiten geprüft".

Profitabilität oberstes Ziel

Weitere Finanzierungsmöglichkeiten reichen nach den Worten von Yuhara vom Gang an die Anleihemärkte bis zum Verkauf von Vermögensteilen. Die Herabstufung der Kreditwürdigkeit durch amerikanische Ratingagenturen im Sommer dürfte Sony allerdings ungelegen kommen. Der Finanzchef gibt sich angesichts einer Eigenkapitalquote von knapp 30 Prozent dennoch gelassen. "Wir hatten am Ende des letzten Geschäftsjahres einige Schwierigkeiten", erklärt er. Das hätten die Rückstufungen nach sich gezogen. Während Sony für das Gesamtjahr einen Nettogewinn von 115 Milliarden Yen (900 Millionen Euro) verbuchte, hatte es für das vierte Quartal einen Fehlbetrag von 111 Milliarden Yen ausgewiesen. Grund war nach den Worten des CFO unter anderem der verlustreiche Abbau von Lagerbeständen. Die Börse gab sich geschockt. Doch Schocks können auch heilsam sein.

Sony leitete die Restrukturierung ein. Dabei wurde die Profitabilität der umsatzstarken Elektroniksparte zum obersten Ziel erhoben. Dagegen sollen die profitablen Finanzdienstleistungen unter dem Dach einer Holding an die Börse gebracht werden. Yuhara sagt, ein Börsengang diene nicht der Finanzierung der Sony Corp. Die erlösten Mittel "verbleiben vollständig in der Sparte". Investoren honorierten die bisherigen Reformschritte von Sony mit kräftigen Aufschlägen. Zumindest an der Börse ist der Schock vom Frühjahr überwunden. Für den weiteren Kursverlauf geben Analysten von Goldman Sachs bis Citigroup positive Aussichten. Allein Yuhara will sich dazu nicht äußern.

"Unser Unternehmen wird derzeit von der Spitze weg gestrafft."

Quelle: fib. / Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.11.2003, Nr. 255 / Seite 18
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