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intro © Carsten Feig

Unser Leben im Jahr 2100

12. November

Wie leben wir in Zukunft? Wie bewegen wir uns fort? Und wie führen wir Kriege? Dies sind unsere Vermutungen, wie wunderbar seltsam unsere Welt sein wird.

Digitale Vernetzung: Das Auge ist so smart geworden

Im Jahr 2100 kommt es zu einem Unfall auf der Schnellbahnstrecke von Wiesbaden nach Frankfurt, frühmorgens an einem Donnerstag. Ein Lastwagen wird von der Bahn erfasst. Tausende Menschen können deshalb ausschlafen. Ihr Haussystem stellt den Wecker um eine Stunde nach hinten. Ansonsten verläuft der Tag normal: In Deutschland lernen sich 109.245 Personen kennen. Das sind drei Prozent mehr als am Vortag, aber 5,3 Prozent weniger als in der Vorwoche. 453.214 Personen gefällt das. Die Netzhautanzeige kommt in verbesserter Version auf den Markt. Wer durch die Fußgängerzone schlendert, sieht nun ab dreihundert Meter Entfernung Namen, Beruf und Hobbys über den Köpfen aufleuchten.

auge © Carsten FeigInformationen werden direkt auf die Netzhaut projiziert.

Das Earbook „Zufall. Leben im 21. Jahrhundert“ rückt vom fünften auf den zweiten Platz der Bestsellerliste vor. Am Abend besuchen einige Touristen die Aussteiger auf dem Land. Sie schauen bei der Ernte zu. Es gibt Bier und etwas Musik. Ein Mann fährt mit einem Traktor vorbei. Über seinem Kopf steht: „Martin, 37 Jahre alt (?), Soziologe, verliebt in Steffi, offline seit 2098“. Martin blickt zum Feldrand. Er sieht Polohemden und Sonnenbrillen. Über den Köpfen der Menschen steht die Sonne. (frei.)

Mobilität: Das Google-Auto ist so alt geworden

In einer Zeit, in der sich die Reise zum Mond zu einem Massenvergnügen gewandelt hat, fahren die Menschen diesseits der Stratosphäre Autos nur noch zum Spaß, auf Rennstrecken. Die Fahrten in den Urlaub legen sie mit selbstschwebenden Mietautos zurück, für Touren in der Stadt gibt es Taxen, die auf elektronischen Zuruf geordert werden. Die fahrerlosen Autos mit ihren gläsernen Kuppeln haben einen Elektroantrieb in Kombination mit Brennstoffzellen, und sie sind Teil eines Verkehrssystems aus vernetzten, automatisierten Fahrzeugen.

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© Carsten FeigAutonome Transportmittel surren durch die Straßen. In der Vergangenheit nannte man sie Bus oder LKW.

Vier Fünftel der Menschen leben in Megacitys, individuelle Mobilität ist nur noch für die Landbevölkerung notwendig. Sie beklagt sich über steigende Kosten für den Wasserstoff, wenn in den norwegischen Wasserkraftwerken an der Preisschraube gedreht wurde. Das selbstfahrende Auto, einst von Google-Forschern entwickelt, wird von Senioren über 100 Jahren benutzt. Sie fahren in einer eigenen Rennserie, der Formel 100. (hpe.)

Familie: In der Regel Papa, Mama, Baby

Leihmütter sind keine Sensation mehr. Homosexuelle Paare haben in allen Belangen die gleichen Rechte. Viele Frauen bekommen noch mit fünfzig ein Kind. Trotzdem besteht die typische Familie noch aus einem Mann, einer Frau und einem oder sogar mehreren Kindern. Daran hat der Fortschritt nichts geändert. Allerdings sind es nicht mehr Kinder geworden, denn nur die wenigsten können sich drei oder mehr leisten. Beide Eltern arbeiten. Der Staat stellt kostenlose Kita-Plätze zur Verfügung. Für Schichtarbeiter gibt es einen Anspruch darauf, ihr Kind jederzeit abgeben zu dürfen. Gleichberechtigung ist eine Selbstverständlichkeit. Die Männer, die das anders sehen, finden keine Frau mehr. (schä.)

Krieg: Ein gespenstisches Brettspiel

Die Kriege der Zukunft gleichen dem asiatischen Brettspiel Go. Statt Territorien suchen Akteure rund um den Erdball Einflusssphären zu vernetzen. Die Vernichtung des Gegners strebt niemand mehr an. Ihm den Willen aufzuzwingen schon. Weltraum und Cyberspace sind selbstverständliche Dimensionen der Kriegführung.

warframe © Carsten FeigVor der künstlichen Intelligenz (KI) der Waffensysteme gibt es kein Entkommen. Es gibt nichts, was den Sensoren entgeht, da alle Waffen über eine quantenverschlüsselte Cloud, dem Warframe, miteinander verbunden sind.

Das Rückgrat der Streitkräfte bilden automatisierte Systeme. Staaten und Konzerne unterhalten Drohnenflotten, die mit mehrfacher Schallgeschwindigkeit binnen Stunden an jedem Ort der Welt zuschlagen können. Kampfstationen im Orbit sichern Satelliten- und Netzwerkbindungen. Die wenigen verbliebenen Kampfsoldaten sind Terminatoren, die über die Kampfkraft früherer Panzerkompanien verfügen. Halb Mensch, halb Roboter, kontrollieren sie in ihren Operationen ein Heer sie unterstützender Drohnen, Waffensysteme und Tiere, deren Intelligenzgrad an den der Menschen heranreicht. Die größte Gefahr geht von Rohstoffkonflikten und fundamentalistischen Bünden aus, die an Biowaffen arbeiten, die Millionen Menschen töten können, deren Genstruktur die Bünde als defizitär betrachten. (lohe.)

Klima: Das Weltklima ist kein Wunschkonzert

Die Kälte ist unerträglich, und das Grau da draußen halten nicht viele aus. Wer das Geld hat, ist entweder ausgewandert oder hat sich zusammen mit den letzten Tigermücken-Populationen in den Klimaoasen der Städte verbarrikadiert und lässt sich hinter Lotuseffektscheiben in seinem immergrünen Biotopgarten inspirieren. Früher waren das „Wintergärten“. Das Wort wurde verboten. Die Dekarbonisierungspioniere der Wirtschaft und des Konsums haben ganze Arbeit geleistet. Aus den Schornsteinen dringt nur noch Wasserdampf ins Freie, Sonne und Wind werden mit höchster Effizienz geerntet, doch was nützt es? Der Golfstrom hat uns im Stich gelassen. Zuerst diese gleißende Hitze, die uns die galoppierende Erwärmung brachte - bestialische Sommer, die jeden Anflug von Herbst oder Winter im Keim erstickten und nichtmal das Gras, geschweige denn Buche oder Eiche zum Grünen brachten. Plötzlich nun diese erbärmliche Kälte.

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© Carsten FeigUm die wachsende Bevölkerung unterzubringen, wurden in Asien riesige Wohnanlagen mit integrierten Gärten gebaut. Die Unwetter haben stark zugenommen, Taifune sind keine Seltenheit mehr. Über holografische Taifun-Frühwarnsysteme wird die Bevölkerung rund um die Uhr auf dem Laufenden gehalten.

Darauf hatte uns vor 85 Jahren niemand vorbereitet. Früher, sicher, da hatten ein paar kühne Erdsystemforscher die Roland-Emmerich-Dystopie „The Day after Tomorrow“ auf dem Schirm, die Klimamodelle hatten sie aber fatalerweise irgendwann zwischen dem dritten und fünften Weltklimabericht verworfen. Dass die Warmwasserströmung aus dem Golf – die „Heizung Europas“ - doch abreißt und der Atlantik über die Nordhemisphäre eine Eiszeit hereinbrechen lässt, dieses Szenario schien doch allzu fern. Leider hatte man diverse Rückkoppelungseffekte übersehen, das Gletschersterben unterschätzt und die Kippelemente einstweilen für graue Theorie gehalten. Dank der Klimawandelökonomen liegt nun zwar nirgends mehr Dieselgestank in der Luft und die deutschen Städte sind hinter gewaltigen Dämmen auf 2389 Kilometer Küstenlinie absolut sicher vor den Sturmfluten, die der rasante Anstieg des Meeresspiegels um einen Meter zu einem nationalen Trauma werden ließ. Aber die Physik ist nunmal nicht bestechlich. Und das Weltklima kein Wunschkonzert. (jom)

Physik: Der Supraleiter bringt den Strom

Es war ein Durchbruch, als Physiker Mitte des 21. Jahrhunderts auf eine neue Klasse von Supraleitern stießen, die elektrischen Strom ohne Widerstand und damit ohne Verluste schon bei Raumtemperatur transportieren. Da die aufwendige Kühlung mit flüssigem Helium und flüssigem Stickstoff damit entfiel, haben sich phantastische Anwendungen im Energiesektor, im Transportwesen, in der Medizin und der Sensorik ergeben, die noch vor Jahren undenkbar waren. Dank der breiten Nutzung supraleitender Stromkabel sind der Strombedarf und die Zahl der großen Kraftwerke gesunken. Magnetschwebebahnen haben den Schienenverkehr weitgehend verdrängt. Da Magnetresonanz-Tomographen ohne teures Kühlmittel auskommen, sind die diagnostischen Geräte auch für kleine Arztpraxen erschwinglich geworden, was die Patientenversorgung verbessert hat.

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© Carsten Feig Operationen sind eine Seltenheit geworden. Meistens werden Nanoroboter in den Körper des Patienten injiziert.

Dank supraleitender Technik sind Sensoren und Messgeräte deutlich empfindlicher geworden, wovon alle Lebensbereiche profitieren. Der elektrische Strom kann nun weitgehend mit regenerativen Energiequellen - Sonne, Wind und Wasser - erzeugt werden. Natürliche Schwankungen und drohende Engpässe werden durch chemische Speicher aufgefangen. Wasserstoff hat die zur Neige gehenden fossilen Brennstoffe und Energieträger überall abgelöst. Möglich wurde das, als man große Mengen Wasserstoff effizient und günstig durch die direkte Spaltung von Wasser mit Sonnenlicht erzeugen konnte. Die Entwicklung nanostrukturierter Katalysatoren hat den Weg dazu geebnet. Unlösbar schien lange die Frage, wie man die Konzentration von Kohlendioxid in der Atmosphäre verringern und den Klimawandel stoppen kann. Effiziente Abscheidungsverfahren und die Nutzung von Kohlendioxid als Rohstoff etwa zur Herstellung von Karbonfasern, Treib- und Brennstoffen und Chemikalien haben einen wichtigen Beitrag dazu geleistet. Heute bestehen zum Beispiel Pullover aus dem einstigen Klimakiller. (mli.)

Medizin: Den Daten ist kein Krebs gewachsen

Es gibt auch im Jahr 2100 noch Ärzte. Aber in den ersten Semestern belegen angehende Mediziner dieselben Kurse wie Informatikstudenten. Sie haben im Beruf mehr mit Computern zu tun als mit Patienten aus Fleisch und Blut. Schon auf den Geburtsstationen wird das Erbgut jedes Neugeborenen entschlüsselt und in einer Datenbank gespeichert. An sie funken mikroskopisch kleine Chips, die nach der Entbindung unter die Haut jedes Babys gepflanzt werden, ihre Daten. Daraus werden individuelle Ernährungs- und Bewegungsprofile errechnet. In die Datenbank werden laufend neue medizinische Erkenntnisse eingespeist und mit den genetischen Profilen abgeglichen. So wird zum Beispiel dauernd kalkuliert, wann bestimmte Körperzellen voraussichtlich außer Kontrolle geraten und zu wuchern beginnen. Schon seit siebzig Jahren ist ein Phänomen, das als Krebs bezeichnet wurde, nahezu bekämpft - dadurch und mittels neuer Impfstoffe in leicht zu bedienenden Pens, die gegen die Folgen der Zellalterung schützen und automatisch an alle verteilt werden, die in Risikostufe Gelb gerutscht sind. Wer sie morgens im Briefkasten findet, muss sich keine Sorgen machen. (lzt.)

Bücher: Mittellange Texte sind ausgestorben

Mit zunehmender Mobilität wechseln sich Phasen der Eile und des Wartens ab, das bedeutet: Die Menschen entscheiden sich für sehr kurze oder sehr lange Texte. Lektüre in Häppchenform, die maximal als Kurzgeschichte daherkommen darf, steht mehrbändigen Fantasy-Reihen gegenüber. Medien werden entweder als kurze Nachrichten konsumiert oder als große Hintergrundreportage. Die Displays der Smartphones werden größer, und die Stimmen, die stets betonen, wie schön das Gefühl von Papier zwischen den Fingern ist, verstummen.

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© Carsten Feig Die alte E-Scroll mit flexiblem Display feiert nach 82 Jahren ihr Comeback. Viele Menschen wollen wieder etwas in der Hand haben, wenn sie lesen. Allerdings bleibt die Netzhaut-Projektion immer noch die erste Wahl.

Zeitungsabonnements sind zum Statussymbol geworden. Doch eines ändert sich nicht: Ein Buch, das das Herz des Lesers erreicht hat, will er in sein Regal stellen. Bücherregale versammeln Welten, in denen der Leser sich schon einmal gerne verloren hat. Fluchtmöglichkeiten aus dem Alltag, die durch ihre Präsenz beruhigen. Das kann die digitale Bibliothek nicht. (bähr)

Kleidung: Der Pullover reinigt sich selbst

Im Jahr 2100 ist das Schlafzimmer endlich wieder ein Schlafzimmer. Die Kleiderschrankmonster sind zu Holzpellets zerhäckselt, niemand braucht sie mehr. Von jedem Kleidungsstück genügt ein Exemplar, Farbe und Form lassen sich mittels Hightech-Fasern beliebig verändern. Eine luftige Hose aus weißem Leinen? Oder lieber eine wollig-warme aus Harris Tweed? Eine Ansage genügt, schon verwandelt sich das Basismodell. Falls die Almased-Diät mal wieder nichts bringt: Kein Problem, bei Bedarf weiten sich die Fasern automatisch bis auf die doppelte Größe. Schweißgerüche und Nutellaflecken vernichtet ein eingewebter Bakterienstamm. Die Bundesregierung hat zur Unterstützung der deutschen Waschmaschinenindustrie (vulgo: Miele) eine Abwrackprämie eingeführt, die jedoch ins Leere läuft, weil sich niemand mehr ein neues Gerät kaufen mag. Manche Menschen besitzen sogar nur noch einen eng anliegenden Ganzkörperanzug, auf den Bilder von den internationalen Laufstegen projiziert werden. Weil in Schuhe eingearbeitete Sensoren jeder Fehlstellung entgegenwirken, ist die Zahl der Hüft-und Knieoperationen binnen fünf Jahren um hundert Prozent gesunken, vielleicht sogar mehr. (loe.)

Weltbevölkerung: Pflegevertrag mit Südsudan erneuert

Gut zu wissen für die Feiertagsbesorgungen: Der Neujahrstag fällt 2100 auf einen Freitag. Der Weltraumbahnhof Bielefeld rüstet sich schon für den Festtagsansturm Hunderttausender Wanderarbeiter vom Saturn, die dort das für die Kernfusion unabdingliche Merkelit schürfen - benannt nach einer deutschen Bundeskanzlerin, die mit ihrer Abkehr von der Kernkraft das Globalportal zur Zukunft aufstieß (Regierungszeit 2005 bis 2037).

cloud_city © Carsten FeigOb wir so in 100 Jahren leben? Für den Weltraumtourismus sind die Städte in den Wolken immer noch eine willkommene Zwischenstation. An manchen Zeppelin Cities halten sogar Weltraumlifte, die seit fünfzig Jahren in Betrieb sind.

Beim Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen knallen die Jahrhundert-Sektkorken besonders explosiv. Er hat recht behalten mit seinen Projektionen, auf der Erde leben jetzt 11,2 Milliarden Menschen. Deutschland hat 56 Millionen Einwohner, jeder achte von ihnen ist Muslim. Die Lebenserwartung für das 2099 geborene soziale Konstrukt „Frau“ (früher: Mädchen) beträgt 134 Jahre, die der „Jungen“ 124 Jahre. In Japan sind jetzt vier Fünftel der Bevölkerung über 90 Jahre alt, das Land hat kürzlich den Pflegestaatsvertrag mit Südsudan erneuert. Die SPD liegt in den Umfragen stabil bei 25 Prozent. (wer.)

Wohnen: Alle wollen im Altbau leben

In biomorph geformten Kapseln mit Solarzellen lebt niemand. Das Gute bleibt: Auch 2100 ist die Altbauwohnung aus der Gründerzeit das Maß der Dinge. Die Menschen wohnen eher in den Städten als auf dem Land, in stark verdichteten Quartieren. Wer keine Altbauwohnung ergattert hat, lebt in Neubauten, die sich selbst mit Energie versorgen. Das Wohnhochhaus ist zur Normalität geworden. Es gibt auch mehr experimentelle Wohnformen mit Gemeinschaftsgärten, großen Wohnzimmern und kleinen Küchen. Weil die Gebundenheit an den Arbeitsplatz abgenommen hat, sind die Grenzen zwischen Arbeiten und Wohnen verschwommen. In ihrer Grundausstattung gleicht die Wohnung der unserer Urgroßeltern: Wir sitzen noch auf Sesseln und schlafen in Betten. Aber die Wohnung von übermorgen ist technisch hochgerüstet.

cloud_city © Carsten FeigDie Grundfunktionen bleiben: Ein Stuhl zum Sitzen, ein Bett zum Schlafen. Aber die Wohnungen von übermorgen sind technisch hochgerüstet. Die Smart Homes sind kleine kompakte Wohneinheiten. Sie bestehen aus Memory-Materialien, die ihre Form verändern können. Somit ist es möglich, Einrichtungsgegenstände durch Zufuhr von unterschiedlichen Temperaturen entfalten und zusammenfalten zu lassen. Außerdem sind die Oberflächen der Wände so beschichtet, dass über das Internet (Materialeditor) unterschiedliche Texturen und sogar Bewegtbilder darauf erscheinen können – Tapeten gehören also der Vergangenheit an. In jeder Wohneinheit ist eine künstliche Intelligenz integriert, die dem Bewohner jeden Wunsch erfüllen kann.

Nicht jeder Schnickschnack, der erfunden wird, setzt sich durch. Dinge, die das Leben leichter und komfortabler machen, allerdings schon. Haushaltsgeräte sind miteinander vernetzt und werden mit Touchpads und Gesten gesteuert. Ein Fingerschnippen, und der Wasserhahn läuft. Die Waschmaschine reagiert auf Zuruf. Der Fernseher weiß, wann der Kuchen fertig ist. Und der Kühlschrank bestellt Nachschub im Supermarkt. (rsch.)

Essen: Ein Grashüpfer steckt im Schnitzel

Donnerstags gibt es Schnitzel, freitags Fisch, Weihnachten Ente. Das Schnitzel besteht aus Proteinen von Mehlwurm und Grashüpfer, der Fisch aus Fisch und die Ente aus Ente. Der Fisch wuchs in der zwölften Etage der Urban Farm Gardens heran, einem Hochhaus, das früher dem Sparkassenverband gehörte. Von der dreizehnten bis vierzigsten Etage sprießen darin Salate, Weizen, Tomaten, Physalis und Zuckermelonen unter OLED-Licht auf Steinwolle.

  • Urban Farm Gardens © Carsten FeigDie Wohnungen in den Wasserstädten sind sehr begehrt. In den vertikalen Urban Farm Gardens wird alles angepflanzt, was für den täglichen Bedarf benötigt wird.
  • Urban Farm Gardens © Carsten FeigDie Niederländer haben schon vor Jahrzehnten diese Bauweise für sich entdeckt, da der Meeresspiegel stetig steigt. Die riesigen Pontons sind so austariert, dass sie problemlos ganze Städte tragen können. Die größeren Bauwerke schauen meist nur zu einem Drittel aus dem Wasser und sind somit stabil.
  • Urban Farm Gardens © Carsten FeigWer auf dem Wasser lebt, kann sich glücklich schätzen, da starke Hitzewellen in großen Teilen Asiens das Leben nicht unbedingt leichter machen. Die Energieversorgung ist auch gesichert. Die Städte werden mit Solarenergie und über das am Meeresboden vorrätige Methanhydrat versorgt. (Zur Panorama-Ansicht)

Honigbienen bestäuben sie, und Roboterhände zerquetschen schädliche Insekten zwischen Daumen und Zeigefinger. Dünger und Fungizide rieseln im ewigen Wasserkreislauf runter in die Aufbereitungsanlage im Keller und wieder rauf zur Sonnenterrasse, wo Premium-Lämmer unter Windrädern weiden. Die Etagen elf bis sieben beheimaten Kälber, Milchkühe und Flugenten in großer Voliere, darunter sind Insekten untergebracht, die sich von faulem Obst, Tierkadavern und Kot ernähren, die mit dem Paternoster angeliefert werden; im Erdgeschoss der Besucherbereich. Und auf dem Land? Fünfzig Prozent sind Biosphärenreservat, fünfzig Prozent hocheffiziente Plantagen mit Biosyngringras, einer vor Jahrzehnten kreierten Energiepflanze, auf einem kleineren Teil der Fläche wachsen Flachs, Leinen und Dinkel. 97 Prozent der Menschen bezeichnen sich als Vegetarier, aber die Zahl der Schlachtungen erreicht einen Rekordwert. Die Sylter Dorade ist eine Delikatesse. Doch vieles ist geblieben. Wie die Ente an Peking, hängt Holland an der Tomate, und: Wie das Nasi am Goreng, hängt Nesien am Indo eng. Der Preis für einen Döner stieg nur leicht auf acht Mark. (jagr.)

Finanzmärkte: Banker sind sehr unbeliebt

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© Carsten FeigFür jede Transaktion wird ein dreidimensionales Sicherheits-Hologramm erstellt. Der Kunde wird während der Transaktion aufgezeichnet. Danach wird der Vorgang in ein Hologramm umgewandelt und verschlüsselt an das Geldinstitut übermittelt.

Technisch sind die Banken Wunderwerke. Man bezahlt durch einen Gedanken an den jeweiligen Geldbetrag, kann Hauskredite auch im Weltraum beantragen und per Armbanduhr jede Geldanlage in Sekundenbruchteilen abschließen. Am Weltspartag erfreuen fliegende Nostalgie-Sparschweine die Kinder. Geldscheine sammelt man nur noch in Alben. Die ersten Bankhochhäuser haben jetzt tausend Stockwerke. Der letzte Bankkunde, der noch Überweisungen auf Papier ausgefüllt hatte, wird zu Grabe getragen. Mehrmals mussten in den letzten Jahren Banken mit Steuergeldern gerettet werden. Es gibt Klagen darüber, dass Bankmanager zu viel verdienen. Aus Sicht von Verbraucherschützern sind die Schwierigkeiten mit hohen Dispozinsen immer noch ungelöst. Sehr reiche Bankkunden dürfen aber noch ganz wie vor 100 Jahren mit einem Menschen als Bankberater sprechen. Als Grenzwert gilt ein liquides Vermögen von einer Million Bitcoins. (sibi.)

Ideen/Artwork, 3D-Modeling, 3D-Animation, Sound: Carsten Feig
Sprecher: Andreas Krobok



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Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 12.11.2015 13:43 Uhr