Legendär und teuer: Das sind die Partys von Marc Leder. Der Chef von Sun Capital, einem Private Equity Fonds, lässt seine Gäste bis auf die Karibikinsel St. Barts fliegen, wenn er dort urlaubt. Im Strandhaus in den Hamptons vor Manhattan, wo Leder sommers für eine halbe Million Dollar monatlich relaxt, ließ der Hausherr 2011 neben Lachs und Russenmodels ein Podest auffahren, auf dem 20-minütige Liebesakte professioneller Darsteller die Atmosphäre auflockerten.
Leder kann es sich leisten. Nach einer jüngst veröffentlichten Studie der Universität Chicago haben Private-Equity-Manager im Jahr 2010 achtmal so viel eingestrichen wie zwei Dekaden zuvor. Für Leder blieben geschätzt 400 Millionen Dollar hängen. Auch das Essen vergangenen Mai in der Leder-Villa in Florida hat den Gastgeber also nicht ruiniert. Teuer könnte das Dinner trotzdem werden, denn Leders Ehrengast an jenem Abend hieß Mitt Romney. Der machte den für 50.000 Dollar pro Gedeck speisenden Anhängern klar, dass er eine Hälfte von Amerika schon aufgegeben hatte. Die einkommensschwächsten 47 Prozent wählten ohnehin Obama, also brauchten „diese Leute“ ihn nicht zu kümmern, sagte Romney.
Dass in seinem eigenen Haus irgendwer die Rede heimlich filmte, konnte Multimillionär Leder nicht ahnen, ebenso wenig die Konsequenzen der Worte. Arm gegen Reich mag der ewige Kampf Europas sein, in Amerika gab vergangenes Jahr in Umfragen noch jeder zweite an, die Ungleichheit der Einkommen von Top-Managern und dem Rest sei nicht groß gewachsen. Das war ein Irrglaube. Das einkommensstärkste Prozent der Amerikaner hat seine Bezüge seit Beginn der Reagan-Präsidentschaft vervierfacht. Die Einkommen der unteren 20 Prozent stiegen in dieser Zeit gerade mal um 40 Prozent.
„Klassenkampf“ war bislang kein amerikanischer Begriff
Nicht zuletzt dank Romneys Ansage finden nun kurz vor der Präsidentenwahl zwei von drei Amerikanern, das größte Konfliktpotential für die Zukunft sei nicht etwa bei illegalen Immigranten zu finden, nein, „Klassenkampf“ entzweit die Nation, ein eigentlich unamerikanischer Begriff.
Klassen? Auf die konnten die Pilgerväter verzichten, als sie anno 1620 auf der Mayflower von England in das Land der Träume übersetzten. Seit je besteht der American Dream im Glauben an eine durchlässige Gesellschaft, in der es jeder schaffen kann, wenn er hart genug arbeitet. Vom Tellerwäscher zum Millionär, vom Sohn eines Seifenmachers zum Staatsmann wie Benjamin Franklin. Vom Schaffnersohn zum „Manager des Jahrhunderts“ wie Jack Welch, ein Mann, der den Börsenwert des Industriegiganten General Electric um mehr als 4000 Prozent steigerte.
Welch führte die 20-70-10-Regel ein - die Top-20-Prozent der Mitarbeiter mit Boni zuschütten, die mittleren 70 Prozent ignorieren und den Rest feuern. Als er pensioniert wurde, versüßte die entgeltfreie Nutzung des GE-Apartments in Manhattan den Ruhestand (monatliche Kosten: 80 000 Dollar), die Firmen-Boeing 737 (292 000 Dollar), Logen-Dauerkarten für Basketball, Baseball, U.S. Open und Wimbledon sowie die lebenslängliche Übernahme von Restaurantrechnungen durch GE. Seine Legenden sind Amerika eigentlich heilig. Doch als Welch jüngst aufgrund positiver Arbeitsmarktzahlen Präsident Barack Obama per Twitter öffentlich eine Verschwörung andichtete (“Diese Jungs aus Chicago sind zu allem fähig“), stellen sogar konservative Kommentatoren die Frage, ob Welch nicht einer der Architekten jenes Amerikas ist, durch das sich politisch wie ökonomisch ein Riss zieht so tief wie selten zuvor.
Viele Amerikaner fürchten, der amerikanische Traum sei ausgeträumt
Eine Richtungsentscheidung steht an bei der Wahl am Dienstag, dem 6. November. Auf der linken Seite winkt mehr Wohlfahrt für die Masse, auf der rechten eine harte Austeritäts-Agenda. Wie wohl zuvor nur im Bürgerkrieg ist Amerika nach Herkunft, Weltanschauung, Wohnort und Einkommen polarisiert. Und führt eine Verteilungsdebatte, die sich speist aus der Furcht, der amerikanische Traum sei ausgeträumt.
Bleibt Obama Präsident, bekommen 46 Millionen Menschen eine Krankenversicherung, darunter viele Angehörige von Minderheiten. Was Demokraten feiern, geißeln Republikaner als Umverteilungs-Monstrum. Entsprechend groß ist die Nervosität. Die Wut von Romney-Fan Jack Welch etwa hatten neue Arbeitslosenzahlen ausgelöst, die er für frisiert hält: Einen Monat vor der Wahl fiel die Quote um erstaunliche 0,3 Punkte auf 7,8 Prozent, der tiefste Wert in Obamas Amtszeit. Der Trend beschönigt die Lage, dümpelt das Wachstum doch bei 2 Prozent wie in den vorangegangenen Jammerjahren. Viele Arbeitslose sind aus der Statistik verschwunden, weil sie im Umschulungskurs am Berufskolleg Kochen lernen oder Werbesprüche dichten. 2007, ein Jahr bevor die Lehman-Bank fiel, war die Zahl der Beschäftigten sechs Millionen höher.
Die Vereinigten Staaten scheinen aus zwei Amerikas zu bestehen. An der Börse wachsen die Kurse, befeuert durch milliardenschwere staatliche Ausgabenprogramme. Industriemanager schwärmen von einem neuen Zeitalter billiger Energie, seit in den Vorgärten von New York und Dallas’ kilometertief ins Erdreich gebohrt und Gas aus dem Schiefergestein ans Tageslicht gepumpt wird. „Fracking“ heißt das Verfahren - nach dem Verb „fracture“, aufreißen.
Doch die Pessimisten warnen schon. Der Fortschritt ist eine Schnecke, sagt Robert Gordon, von Beruf Amerikas Koryphäe im Feld des Produktivitätswachstums. Die Zeit der großen industriellen Revolutionen sei vorbei, ein neues iPhone reiche nicht, um das Wachstum auf jene vier Prozent zu treiben, die das verschuldete Land für ein besseres Leben braucht.
Die Mittelschicht ist geschrumpft
Große Sprünge machen nur die Reichen. Der Ökonom Emmanuel Saez hat ausgerechnet, dass sich die Wohlstandsverteilung in Amerika heute wieder so darstellt wie zu Zeiten Rockefellers. Das oberste eine Prozent erhält 20 Prozent des gesamten amerikanischen Vorsteuereinkommens, doppelt so viel wie in den Siebzigern. Nach Steuern und Transferleistungen vervierfachte sich das Realeinkommen der Reichsten der Reichen seit 1979 bis zum Beginn der Finanzkrise 2007. Die Mittelschicht dagegen ist geschrumpft.
Saez findet, deshalb sei ein Spitzensteuersatz von 70 Prozent angemessen. Derzeit beträgt der Satz 35 Prozent (Romney zahlt 13 Prozent). Mit der Radikalforderung hat es der Ökonom aus Berkeley ins „Wall Street Journal“ geschafft und ins Weiße Haus. Nun wird Saez als „geistiger Vater“ von Occupy porträtiert.
Zwar hat die einst berühmte, nun eingeschlafene Protestbewegung eines bewiesen: dass Zorn, Zelte und Bambustrommeln keine echte Bedrohung für das Establishment sind. Doch der Glaube, Amerika sei ein anderes Land geworden, hält sich. „Who stole the American Dream“, heißt das Buch, mit dem der Pulitzer-Preisträger Hedrick Smith durch die Staaten reist. „Anders als die Menschen anderer Nationen akzeptieren wir Amerikaner Ungleichheit als Teil unseres Lebensstils, als unvermeidlich, ja sogar wünschenswert - als Lohn für Talent und harte Arbeit, als Anreiz, sich selbst zu übertreffen“, schreibt Smith. Doch nun entstehe Reichtum nur noch durch Reichtum.
Das Ende des amerikanischen Traums ist in der Öffentlichkeit von der These zum Fakt mutiert. „In den letzten zwei Generationen waren wir besser darin, Reichtum zu schaffen, als Reichtum zu verteilen.“ Der das sagt, beteuert: „Ich bin kein Sozialist.“ Das hätte wohl auch keiner angenommen von Lloyd Blankfein, dem Chef der weltgrößten Investmentbank Goldman Sachs, der berüchtigt wurde mit dem Satz, er verrichte „Gottes Werk“. Vergangenen Donnerstag verkündete Blankfein, er habe nichts gegen Steuererhöhungen.
Geld bekommt Obama trotzdem keines mehr von Goldman Sachs. 2008 hatten die Banker ihm laut „Wall Street Journal“ mehr als eine Million Dollar an Wahlkampfunterstützung überwiesen, ein Spitzenwert unter Amerikas Unternehmen. 16 Millionen Dollar flossen aus der Finanzwelt insgesamt. Vier Jahre später kommt eine knappe Goldman-Million an Romney direkt, eine an ein Aktionskomitee. So brutal hat die Wirtschaft noch nie einen Präsidenten fallenlassen.
“Fat cats“ nennt Obama die Banker, fette Katzen. Den Occupy-Demonstranten ruft er zu: „Für euch bin ich angetreten.“ Da sah sich Hedgefonds-Manager Leon Cooperman (Vermögen: 1,8 Milliarden Dollar) gezwungen, dem Präsidenten zu schreiben: Der „entzweiende Tonfall“ breche tiefe Gräben auf. Er selbst sei übrigens Sohn eines Klempners.
Doch der Präsident macht ernst. An der Volcker-Regel, nach der Banken nicht mit dem Geld der Kunden spekulieren dürfen, hofften die Banker mitzustricken - Obama verzichtete. Der Präsident ist im Kampfmodus. Er will Steuerschlupflöcher für Öl- und Gasfirmen schließen und Top-Verdiener mit Einkommen von mehr als 200.000 Euro zur Kasse bitten.
Gut 900 Millionen Dollar häufte GE-Chef Jack Welch während seiner Karriere an, das Vermögen von Goldman-Sachs-Führer Blankfein wird auf die Hälfte taxiert. Die Manager haben von den Steuersenkungen der Reagan-Zeit profitiert. Noch mehr profitierten Finanzleute. Die 25 einkommensstärksten Hedgefonds-Manager verdienen heute mehr als die Vorstandschefs der 500 größten Unternehmen Amerikas zusammen.
Sechsmal mehr als noch vor 40 Jahren gibt Washington heute für die Armutsbekämpfung aus. Genützt hat es nichts. Der Siegeszug der Wissensgesellschaft hat den Ungebildeten nicht gutgetan: Die neuen Hightech-Jobs in der Computerindustrie konnten die alten, sicheren Arbeitsplätze am Band in Autostädten wie Detroit nicht ersetzen. Dass die Kosten für eine private Universitätsausbildung heute doppelt so viel Platz im Budget des Durchschnittsamerikaners einnehmen wie in den Siebzigern, hat das Bildungsproblem nicht vereinfacht.
Auch nicht, dass die Wohlhabenden den Reichen hinterziehen. Ganze Armutscluster sind entstanden in Amerika, und die Globalisierungsverlierer, die in ihnen wohnen, verlieren an sozialer Mobilität. Das wiederum lässt den Graben zu den Gutverdienern noch tiefer werden.
Nach wie vor ist Amerika das Land, in dem die klügsten Köpfe keine reichen Eltern brauchen, um an Eliteuniversitäten zu gelangen. Für die Besten der Besten gibt es Stipendien. So wie für Barack Obama, der an der Harvard Law School studierte. Wie für Goldman-Chef Blankfein, der Harvard heute viel Geld spendet.
Blankfein verdiente seine ersten Dollar mit fünfzehn im Baseball-Stadion der New York Yankees. Vor drei Jahren bauten sich die Yankees an anderer Stelle ein neues Stadion, größer, schöner.
Die Neuerung, die Amerikas Baseball-Fans am meisten diskutieren, heißt Moat, das heißt Graben. Im alten Stadion gab es keinen Graben, wer gewitzt war, konnte sich von den billigeren zu den besseren Plätzen schleichen.
Im neuen Stadion isoliert eine Betonwand die teuersten Plätze vom Rest.
Barack Obama will die Reichen zur Kasse bitten
Was seine Wirtschaftspolitik angeht, will Obama vor allem eines: so weitermachen wie bisher. Klar ist: Gutverdiener mit einem Jahreseinkommen über 200 000 Dollar sollen wieder mehr Steuern zahlen. Die Erleichterungen, die Amtsvorgänger George W. Bush für die Topverdiener eingeführt hatte, sollen weg. Die niedrigen Steuersätze für die Mittelschicht sollen dagegen bleiben. Die Staatsausgaben will Obama weit weniger senken als Romney. Doch ohnehin ist es wegen des erbitterten Streits zwischen Obama und der dünnen demokratischen Mehrheit im Senat auf der einen Seite und der republikanischen Mehrheit im Repräsentantenhaus auf der anderen seit 2010 nicht mehr gelungen, einen gültigen Staatshaushalt zu vereinbaren. In der Ruhe liegt die Kraft, glaubt Obama. Das Wachstum im Mittelstand soll nicht abgewürgt werden.
Mitt Romney will sparen - und Steuern senken
Wie Präsident Obama hat auch Mitt Romney die Arbeitslosigkeit zu einem Hauptthema seines Wahlkampfs gemacht. Vor allem aber will der Republikaner ganz im Sinne seiner Partei und der Tea-Party-Bewegung weniger Geld ausgeben - 500 Milliarden Dollar bis 2016. Ein Fünftel der Summe soll der Verzicht auf Obamas Lieblingsprojekt bringen: die Gesundheitsreform. Denn die, hat Romney angekündigt, will er als Präsident wieder abschaffen. Und auch das hat Romney trotz aller Sparpläne vor: die Steuern zu senken. Die Einkommensteuer soll um zehn Punkte auf 25 Prozent sinken. Auch die Körperschaftsteuer soll runter. Bildungsprogramme für Arbeitnehmer will Romney kürzen, das tiefe Bohren nach billigem Schiefergas fördern. Mit China will Romney künftig härter umspringen - zum Beispiel, was die Aufwertung des Yuan angeht.
Der Heimatschutz wird es schon richten
Thomas Philippi (mot2)
- 17.10.2012, 19:30 Uhr
Der Wähler glaubt nunmal die Märchen,
Matthias Katte (Hovac)
- 17.10.2012, 19:02 Uhr
DER AMERIKANISCHE TRAUM?
Markus Bruckner (MMXII)
- 17.10.2012, 18:47 Uhr
wieviele der armen amerikaner
vera schmidt (vera-s)
- 17.10.2012, 18:11 Uhr
USA wie alle heutigen Wohlstandsgesellschaften
Harald Sulzmann (hsulzmann)
- 17.10.2012, 17:02 Uhr